Du befindest dich hier: Home » Wirtschaft » „Du kannst nicht abschalten“

„Du kannst nicht abschalten“

Foto: 123RF.com

Die Corona-Krise ist besonders für Alleinerziehende eine große Belastung. Zwei Mütter und ein Vater berichten, wie sie täglich an ihre Grenzen kommen.

von Eva Maria Gapp

Patrick* (47 Jahre, Sohn mit ADHS)

Als die Beziehung mit meiner Ex-Freundin in die Brüche ging, war mir klar: Ich möchte, dass mein Kind bei mir bleibt. Sie hat auch nie den Wunsch geäußert, unseren Sohn zu sich zu nehmen. Das war vor fünf Jahren.

Als alleinerziehender Vater gehe ich täglich an meine Grenzen. Ich habe einen Sohn, der an ADHS leidet. Bei ihm ist die Krankheit besonders stark ausgeprägt. Einfach mal ruhig sitzen bleiben geht bei ihm nicht. Er wird dann schnell hibbelig und läuft herum. Es muss immer jemand da sein, der sich um ihn kümmert, ihn beruhigt. Vor allem am Anfang der Krise, als man gar nicht rausdurfte, war es sehr schlimm. Er hat einfach nicht verstanden, warum er nicht mehr raus spielen kann. Das ist dann schon sehr anstrengend und braucht viel Kraft. Ich glaube das Schlimmste für einen Menschen mit ADHS ist, sich nicht bewegen zu können, keine feste Struktur zu haben. Um etwas dagegen zu tun, habe ich die Wohnung mittlerweile in einen Spielplatz um modelliert. Wir haben sogar einen Sandkasten im Wohnzimmer gebaut, damit mein Sohn mit „Sand spielen“ kann. Man muss sich einfach etwas einfallen lassen (lacht).

Doch die größte Herausforderung ist, Kind, Job und Haushalt unter einen Hut zu kriegen. Schon vor Corona war das nicht einfach. Die Krise hat die Probleme verschärft. Dadurch, dass der Junge nicht mehr in die Schule, zur Therapie und zu seiner ADHS-Gruppe darf, ist er nur zu Hause. Die Betreuung ist komplett weggefallen, auch die Hausaufgabenhilfe. Das ist ein großes Problem, wenn man wie ich, arbeiten muss und alleinerziehend ist. Ich habe lange gebraucht, jemanden zu finden, der auf ihn aufpasst. Seine Mutter wohnt seit Kurzem in Österreich und wegen Corona darf er sie nicht sehen. Vorher durfte er jedes zweite Wochenende zu ihr. Zum Glück hat sich aber meine Schwägerin bereit erklärt, ihn während der Arbeitszeit zu betreuen. Ansonsten wüsste ich wirklich nicht, wie ich das schaffen soll. Einfach zu Hause zu bleiben, ist nicht möglich. Ich brauche das Gehalt. Ansonsten kommen wir nicht über die Runden. Ich habe um die 600 Euro angesucht, aber bis heute habe ich nichts bekommen. Ich warte immer noch auf das Geld.

Ich hoffe, dass bald wieder die Betreuungsangebote öffnen können und mein Sohn auch wieder seine Mutter besuchen kann. Er sagt immer wieder, dass sie ihm fehlt. Auch mir wäre damit sehr geholfen. Mittlerweile merke ich einfach, dass meine Kräfte spürbar weniger werden. Ich hatte bislang nie Zeit runterzukommen, einfach mal abzuschalten. Das fehlt wahnsinnig. Man wird rund um die Uhr beansprucht.

*Name von der Redaktion geändert

Astrid Ceol (46, zwei Kinder)

Ich bin seit einigen Jahren alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie sind 17 und 19 Jahre alt, also schon sehr selbständig. Darüber bin ich sehr froh. Ansonsten wüsste ich wirklich nicht, wie ich das bewerkstelligen soll. Ich arbeite als Sekretärin für die Südtiroler Plattform für Alleinerziehende und kann im Homeoffice arbeiten.

Seit der Corona-Krise laufen unsere Telefone heiß. Wir kriegen auch laufend E-Mails. Denn viele Alleinerziehende sind verzweifelt, sie wissen nicht, wie sie das alles schaffen sollen. Die große Frage ist: Wer soll auf die Kinder aufpassen, wenn der Urlaub und die Überstunden aufgebraucht sind, und der Arbeitgeber darauf pocht, dass man wieder zurückkommt? Und auch der Babysitter-Bonus von 600 Euro ist so nicht umsetzbar. Denn Menschen, die zurzeit nicht ihrer Arbeit nachgehen können und sich in Lohnausgleichskasse befinden bzw. Arbeitslosengeld erhalten, könnten zwar eine Kinderbetreuung anbieten, verlieren aber durch die Anstellung zumindest teilweise ihre Ansprüche. Und Studenten, die angestellt werden könnten, sind bereits mit Fernunterricht und Lernstoff ausgelastet. Es gibt also nahezu niemanden, der dies unter diesen Bedingungen machen würde. Aber auch die finanziellen Sorgen machen vielen Alleinerziehenden zu schaffen. Sie stehen immer stärker unter Druck. Ich versuche ihnen dann so gut es geht weiterzuhelfen.

Immer wieder berichten mir auch Mütter, dass sie Probleme mit dem Fernunterricht haben. Sie schaffen es einfach nicht, dem Arbeitspensum nachzukommen. Oder es fehlt ihnen die Zeit, sich mit den Kindern hinzuhocken, weil sie arbeiten müssen. Bei Alleinerziehenden bleibt alles bei einer Person hängen – und jetzt noch mehr als sonst.

Auch ich bzw. meine Kinder haben da so ihre Erfahrungen mit Homeschooling gemacht. Mein Sohn besucht die Pflegehelferschule und bislang haben sie nur stapelweise Material zugeschickt bekommen. Mehr ist bislang nicht passiert. Und bei meiner Tochter ist es so, dass sie wirklich sehr viel Stoff durchmachen muss. Sie ist oft von in der Früh bis am Abend mit Hausaufgaben, Lernstoff, Zusammenfassungen schreiben und dergleichen beschäftigt. Der Stoff muss oft alleine erarbeitet werden. Dazu kommt, dass die Lehrer keine einheitliche Linie haben. Ein Lehrer schickt die Aufgabe per WhatsApp, eine andere Lehrerin per Mail und wiederum ein anderer über ein Schulportal. Das ist sehr mühsam.

Ich würde mir einfach wünschen, dass wirklich Fernunterricht, also per Video stattfindet. Die technischen Möglichkeiten wären vorhanden. Ich verstehe also nicht, warum man es dann nicht in die Tat umsetzt. Es ist nun mal so, dass nicht alle Kinder mit dem geforderten Arbeitspensum zu Recht kommen. Das darf nicht vergessen werden.

Ansonsten sieht der Alltag bei uns so aus, dass wir zu dritt an einem Tisch sitzen und arbeiten. Wir haben das so vereinbart, dass derjenige, der telefonieren muss oder eine Videokonferenz hat, aufstehen und sich zurückziehen muss. Ansonsten funktioniert das nicht. Wir haben auch fixe Zeiten eingeführt. Um 16 Uhr zum Beispiel gibt es eine Pause, und auch in der Früh frühstücken wir immer zusammen.

Andrea Bachmann (39 Jahre, ein Sohn)

Seit mehr als einer Woche arbeite ich wieder. Ich bin Sozialpädagogin und arbeite derzeit in einer WG für Menschen mit Beeinträchtigung und Menschen in psychischer Notlage. Die Arbeit gefällt mir gut. Das große Problem ist aber, wer betreut nun meinen 7-jährigen Sohn? Ich kann ihn nicht alleine zu Hause lassen.

Mein Ex-Mann hat zwar gesagt, dass er ihn jetzt öfters zu sich nehmen wird, aber auch er hat nicht unbegrenzt Zeit. Er ist Biolandwirt und auf seinem Hof sehr eingespannt. Es gäbe zwar die Großeltern, die während der Arbeitszeit auf den Sohn aufpassen könnten, aber das ist ja nicht erlaubt. Bald bleibt mir aber nichts mehr anderes übrig. Ich weiß sonst nicht, was ich tun soll.

Mittlerweile bin ich auch ehrlich gesagt verärgert. Es wird immer von Hilfen für Eltern gesprochen, aber wenn man sie dann in Anspruch nimmt, ist man enttäuscht. Nehmen wir zum Beispiel die Elternzeit her, die immer wieder groß angekündigt wurde. Ich sage nur: Die 15 Tage Elternzeit beziehen sich nicht auf die Arbeitstage, sondern auf die Kalendertage. Das Wochenende wird also auch als Elternzeit gezählt. Plus kriegt man während dieser Zeit nur 50 Prozent seines Gehalts. Das macht die ganze Sache auch nicht unbedingt leichter. Erschwerend kommt hinzu, dass mein Ansuchen für die fünf Tage Sonderurlaub abgelehnt wurden.

Seit einiger Zeit sind ja auch die Schulen geschlossen. Das heißt, ich muss meinem Sohn verstärkt bei den Hausaufgaben und beim Lernen helfen. Am Anfang hatte ich damit große Schwierigkeiten, weil ich nicht wirklich technikaffin bin. Wir hatten nicht einmal einen Drucker. Den musste ich mir dann erstmals anschaffen. Da aber mein Laptop ein so altes Betriebssystem hat, ging er am Anfang nicht. Das war dann schon sehr nervenaufreibend. Mittlerweile habe ich mich aber organisiert.

Ich und mein Sohn machen jeden Tag am Vormittag Unterricht – von 10 Uhr bis 12 Uhr. Ich sage zu ihn immer, wir machen jetzt Schule, von Hausaufgaben rede ich gar nicht, weil es gerade schwierig ist, ihn zu motivieren. Am liebsten würde er den ganzen Tag nur spielen. Die größte Herausforderung ist dann, ihn jeden Tag aufs Neue zu motivieren. Wenn wir dann mit den Hausaufgaben fertig sind, muss ich sie abfotografieren und sie wieder an die Schule zurückschicken. Das braucht dann auch eine Weile. Mal ist dann wieder der Ordner zu groß, oder ein PDF geht nicht auf. Ich gebe aber immer mein Bestes.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (4)

Lesen Sie die Nutzerbedingungen

  • jennewein

    Viele alleinerziehende oder schein alleinerziehende sind selbst schuld dass es so ist,
    Natürlich nicht wenn ein partner verstorben ist.

    • markp.

      Und wie kommen Sie zu dieser Aussage? Alle Fälle studiert und so festgestellt oder nur reine Wahrnehmung? Wenn ersteres können Sie bitte die Zahlen bitte hier veröffentlichen? Dankeschön.

  • amadeo

    @jennewein so eine Unverschämtheit! Ich bin fast sicher, dass du nicht mal einen Partner hast!!

  • olle3xgscheid

    Der Artikel ist so schon richtig, es gilt auch zu sagen das der Staat oder die Politik nicht imstande ist und wäre , jede einzelne Situation zu lösen. Und ja , jeder ist sich seiner privaten Situatuion ( getrennt, geschieden ) selbst Schuld, oder etwas die Allgemeinheit??

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2020 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | Datenschutz & AGB | Cookie Hinweis

Nach oben scrollen