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Genosse Otto

Otto Saurer (†)

Mit Otto Saurer ist einer der fähigsten Sozialpolitiker des Landes von uns gegangen. Eigentlich wollte er ja Kulturassessor werden, was man einem Roten aber verwehrte.

von Arnold Tribus

Sein Tod kam für viele von uns plötzlich und überraschend, auch weil man ihn vor nicht allzu langer Zeit noch in der Stadt gesehen hat, immer elegant, dafür sorgte schon seine getreue Frau Erika, die ihn mit großer Liebe durch sein ganzes Leben begleitet hat. Und ich bin sicher, dass auch schon sein Faschingskostüm für diesen Unsinnigen genäht war, denn da musste er natürlich mitmachen, auch als Landesrat musste er sich verkleiden und mit der ganzen Familie durch die Altstadt ziehen, ein Fasching ohne Saurer war kein Fasching, Maschgra gean, hieß das. Vielen mochte er auch als ernst und steif erscheinen, in Wirklichkeit war er ein fröhlicher Mensch, der gepflegte Gesellschaft liebte und ein gutes Glas Wein. Ein Genießer.

Otto Saurer hat sich nach seinem Rückzug aus dem Landtag 2003 nicht mehr in die aktive Politik eingemischt, sich nicht zu Wort gemeldet, er hat sich aber weiter in zwei Sachgebieten, die ihm immer am Herzen lagen, Soziales und Bildung, eingebracht, ehrenamtlich. So wurde er Präsident der verdienstvollen Vereinigung la Strada – der Weg und auch Präsident des Südtiroler Bildungszentrums, der verdienstvollen Bildungseinrichtung, die Karl Nikolussi Leck ins Leben gerufen hatte. Der Bildungspolitik galt schon zu Beginn seines politischen Engagements seine große Aufmerksamkeit, als SH-Vorsitzender und mit dem Forum für Bildung und Wissenschaft, dem der liberale Bozner Advokat Hanns Egger vorstand, wurde wertvolle Vorarbeit für eine Universität in Bozen geleistet. Als der Prader Gemeinderat, der dann Landeshauptmannstellvertreter werden sollte, 1983 in den Landtag gewählt wurde, wäre er gerne Schul- und Kulturlandesrat geworden, das blieb ihm verwehrt, weil man die Kultur nicht einem Roten in die Hand geben wollte, denn die Macht in der Partei war in den Händen der Schwarzen und Reaktionären. Er wurde Landesrat für Arbeit, Berufsausbildung, Gesundheit und Soziales, und man kann sagen, dass er in allen Bereichen bleibende Spuren hinterlassen hat. Und man hat ihm nach seinem Abgang auch lange nachgeweint.

Otto Saurer wird zweifelsohne als einer der wichtigsten Sozial-Reformer des letzten Jahrhunderts in die Geschichte des Landes eingehen. Er hat das Land mit einem sozialen Standard ausgestattet, der seinesgleichen sucht in ganz Europa. Er hat das Niveau und die Ausrichtung der Sozialpolitik grundlegend erneuert. Das Soziale war ja was für fromme Frauen, kirchliche Einrichtungen, Ordensgemeinschaften. Sozialstrukturen waren armselig und rochen auch arm, nach Pisse und Varechina. Eine Armeleuteluft wehte über dem Sozialen, dem man mit Almosen und Mildtätigkeit begegnete. Wir verdanken es Otto Saurer, wenn aus Almosenempfängern Rechtsträger geworden sind, aus Bürgern zweiter und dritter Klasse, die ausgegrenzt und versteckt wurden, Menschen, die in schönen und funktionalen Strukturen untergebracht sind, wo sie von kompetentem Personal betreut werden, rund um die Uhr, wenn notwendig. Denken wir nur an den Behindertenbereich, wo Saurer mit den Behindertenverbänden von Trude Calenzani und Italo Mauro ein Betreuungssystem aufgebaut hat, das seinesgleichen sucht.

Otto Saurer hat das gesamte Gesundheitssystem reformiert, tolle Spitäler gebaut, die Sozialstrukturen sind die schönsten Europas, unsere Sanität war zum Vorzeigen, ein Erfolgsmodell, bis die Sparwut ausgebrochen ist und Saurer verdrängt wurde. Man wird ihn ja noch oft zitieren, seinen Reformeifer, seinen Fleiß, seine große Wissbegierde, seine Unerschrockenheit, seine Nüchternheit. Er war respektiert, der Genosse Saurer, links und frei, wie Willy Brandt von sich sagte, frei, weil es ohne Freiheit keine Menschenwürde und keine Solidarität gibt, keine Gerechtigkeit, keine Selbstbestimmung und Selbstverantwortung, keine Vielfalt und Toleranz, alles Werte, für die er stand und die umzusetzen er versuchte. Links, weil er sich den kleinen Leuten zugehörig fühlte, den Armen, den Arbeitern. Otto Saurer war ein sozialdemokratisches Urgestein, ein exemplarischer Genosse, stolz, ein Genosse zu sein. Er hatte keine Berührungsängste, weil er ein Mann des Dialogs war. Er traf sich damals sogar mit uns, Alexander Langer und mir, als wir von der SVP als Feinde Südtirols diffamiert wurden, geheim zwar, weil er sich mit uns auseinandersetzen wollte. Und als Landesrat übernahm er problemlos vernünftige Vorschläge, auch wenn sie von der Opposition kamen.

Er hat Politik nie um seiner Biografie willen gestaltet, sondern um der Menschen willen, was ja selten ist, heute, in Zeiten der politischen Showmaster und Events. Der Humanist, lebendige Verkörperung von Geist und Macht, symbolisierte, dass Politik auch anders, nämlich menschlich sein kann. Die Kleingeisterei des Parteizwistes war ihm zuwider, er hat seinen alten Stil beibehalten, demodé, lange ohne Handy. Er war nicht rund um die Uhr für eine Stellungnahme zu erreichen, weil er vor dem Reden zu denken pflegte. Genosse Saurer hatte den Mut zur Utopie und dachte strategisch. Der Rote verfolgte seine Politik der kleinen Schritte in der schwarzen Partei, der er immer die Stange hielt, genauso wie Luis Durnwalder, der ihn als seinen Stellvertreter wählte.

Mit dem Tod von Otto Saurer ist einer der fähigsten Sozialpolitiker des Landes gegangen (man wird sich lange mit dem brüsten, was er auf dem sozialen Sektor bewerkstelligt hat), ein Mann mit sozialen und kulturellen Zielen, Visionen muss man heute sagen, ein Vordenker, viele Jahre Bezugspunkt für viele. Auch er hatte sich in den letzten Jahren zurückgezogen und den Verfall der einst glorreichen Arbeiterbewegung von außen registriert. Schade. Saurer war immer ein glaubwürdiger und angesehener Arbeitnehmer gewesen.

Dass etwas mit dem Wohlergehen seiner Arbeitnehmerinnen und -nehmer nicht stimmte, bedrückte ihn, machte ihn traurig, weil er sein Leben in die Südtiroler Variante der Sozialdemokratie investiert hatte. Freilich, sie haben heute den edlen rosa-roten Stallgeruch verloren, den sie hatten, man wusste einfach, wer sie waren und wofür sie standen, die historischen Saurer, Franzelin, Achmüller, Frasnelli, heute geht jeder Mandatar seinen Weg, sie gehen so sehr in der Ausübung ihrer Macht auf, dass sie kaum mehr als Arbeitnehmervertreter wahrgenommen werden.

Mit dem Otto Saurer verlieren wir einen Idealisten der menschlichen Denkfreiheit, der gegen jede geistige Tyrannis ankämpfte. In Zeiten des politischen Fanatismus stellte er immer das Humane in den Mittelpunkt und hat immer für die Entrechteten und Geknechteten das Wort erhoben, und diese wussten das, denn sie liebten und schätzten ihn. Ah, der Saurer!

Er war ein großer und stiller Kämpfer für die Freiheit, das Laute lag ihm nicht, ein unbeugsames Gewissen und eine unerschrockene Seele, die auch für die Meinungsfreiheit gekämpft und 1978 den famosen Brief der 83 unterzeichnet hat, was damals Mut erforderte.

Lieber Genosse Otto, Dein Tod macht uns traurig, unsere Anteilnahme gilt Deiner schönen Familie. Mögen Engel Dich begleiten.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (2)

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  • martasophia

    Mein aufrichtiges Beileid der Familie.
    Er gehörte der Politikerklasse an, die aus Idealismus diesen Beruf gewählt hat. Ich habe ihn immer sehr geschätzt für seine freundliche, höfliche Art, seine Bedachtheit und sein soziales Engagement.
    Chefredakteur Arnold Tribut beschreibt ihn so, wie ich und wohl sehr viele unter uns ihn kennen und schätzen gelernt haben.

  • george

    Herr Tribus meldet sich hier nach dem Grundsatz: de mortuis nil nisi bene.
    Eigentlich war schon vorher alles gesagt und Tribus wiederholt nur noch.

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