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Zwei Uraufführungen

Das Südtiroler Vokalensemble

Das Südtiroler Vokalensemble führt  Werke von Südtiroler und nordeuropäischen Komponisten der Gegenwart auf: meditativ, klanggewaltig bis ultraschräg. Teil des Programms sind auch zwei Uraufführungen: „Visioni“ von Arnaldo De Felice und der „Psalm 150“ von Heinrich Walder.

Für das Konzert im Rahmen des Festivals Musica Sacra hat der künstlerische Leiter des Südtiroler Vokalensembles, Michael Hillebrand, den Werken einiger der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten aus Südtirol eine Reihe von Chorstücken aus dem hohen Norden Europas gegenübergestellt. Gemeinsamer Nenner der beiden musikalischen Welten sind die Emotionen, die vermutlich das gesamte Konzertprogramm im Publikum hervorruft – ob es sich um die mystischen Klangfarben des Norwegers und Publikumslieblings Ola Gjeilo oder des Estlen Arvo Pärt handelt oder um die aufwühlenden, fast verstörenden Gefühle, die der Südtiroler Günther Andergassen mit seinen Vokalisen heraufbeschwört. Musikalisch gesehen sticht bei fast allen A-cappella-Stücken der Einsatz von Clustern hervor, besonders bei den Komponisten aus dem hohen Norden wie dem Schweden Jan Sandström, der Britin Margaret Rizza und dem jungen Norweger Kim André Arnesen.

Interessant erscheint, dass Arvo Pärt zwei Tage nach den Bombenanschlägen von Madrid im Jahr 2004 mit der Vertonung der gregorianischen Antiphon aus dem 9. Jahrhundert begann – zum Gedenken an die Opfer des Terroraktes. Der bekannte Vertreter der Neuen Einfachheit komponierte sein Da pacem Domine im Auftrag des katalanischen Musikwissenschaftlers Jordi Savall. Seitdem wird das Friedensgebet in Spanien jedes Jahr am 11. März aufgeführt.

Bei Günther Andergassen ist erwähnenswert, dass er sich schon als Jugendlicher mit der Zwölftonmusik auseinandersetzte. Später komponierte er vorrangig Chorgesang und versuchte dabei Singbarkeit und Zwölftontechnik zu vereinen. Er war aber auch Mitglied im Befreiungsausschuss Südtirol (BAS).

Bemerkenswert ist der Umfang des kompositorischen Werkes von Herbert Paulmichl; als langjähriger Domkapellmeister in Bozen liegt ihm besonders die geistliche Musik am Herzen. In seinem Veni creator spiritus bringt ein ergreifendes Kadenzmotiv eine flehende Bitte an den Heiligen Geist zum Ausdruck. Der Kapellmeister des Brixner Doms, Heinrich Walder, hat eigens für dieses Konzert ein Laudate Dominum (Psalm 150) komponiert, das die Hörer mit seiner modernen und doch leicht zugänglichen Tonsprache berührt. Die Sänger in ihrer Begeisterung für den Chorgesang berührt hat schließlich eine Passage des Werks von Peter Hölzl (geb. 1920 in Andrian – 2010): Musik, Magie, die mich erhöht.

(v.l.) Michael Hillebrand, Marco Pierobon
 und Arnaldo De Felice

Den Höhepunkt des Konzertes und zugleich
eine Herausforderung für Publikum,
Instrumentalisten und Sänger stellt die
Uraufführung von Visioni des Wahl-Bozners Arnaldo de Felice (geb. 1965 in Florenz) dar. Arnaldo De Felice schreibt:
„Visioni ist eine Komposition für gemischten Chor, Solotrompete, zwei Posaunen und Tuba.
Es ist eine Komposition über religiös angehauchte Textfragmente aus dem Brief von Aldo Moro vom 3. Februar 1962 an Papst Johannes XXIII. und aus der Rede, die Silvius Magnago am 25. April 1973 im Gedenken an den
Tod von Franz Innerhofer in Bozen
gehalten hat (daher auch der Einfall
zur Verwendung von Blechbläsern
im Andenken an den barbarisch
ermordeten Kapellmeister).
Die Textfragmente erscheinen in der
Komposition wie in einem Fresko und jedes einzelne Wort ist Teil dieses Freskos. Die Form des Fragments in Bezug auf den Originaltext ist ihrerseits eine Interpretation der Texte, an denen sie sich inspiriert. So wie in der Trope der Wörter in der für den Gregorianischen Choral typischen Psalmodie und in der Entscheidung zur Verwendung des „Pointillismus/Puntinismus“ für die Prosodie der Worte.
Die Blechbläser, verwendet auch um die Erinnerung an den barbarisch ermordeten Kapellmeister wach zu halten, werden nicht als Instrumentalgruppe im Gegensatz zum Chor behandelt, sondern als kontrapunktisch in die Partitur eingebaute Stimmen. Die lange Kadenz der Solotrompete ist ein Sologesang zwischen den beiden vom Chor gesungenen Texten.

 

Südtiroler Vokalensemble

Das Südtiroler Vokalensemble wurde im Jänner 1986 in Bozen gegründet. Der Chor wird jeweils im Hinblick auf künstlerische Projekte zusammengesetzt. Schwerpunktmäßig sieht der Chor seine Aufgabe in der Erarbeitung und Darbietung anspruchsvoller Chormusik aus den verschiedensten Musikepochen, von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik. In seinem beinahe dreißigjährigen Bestehen hat das Südtiroler Vokalensemble zahlreiche bedeutende Werke der Musikliteratur einstudiert und aufgeführt. Besonders hervorzuheben ist auch die Zusammenarbeit mit der Streicherakademie Bozen und mit dem Haydnorchester Bozen und Trient. Die Sängerinnen und Sänger stammen aus allen Südtiroler Landesteilen.

 

Termin: Nach dem Konzert im Rahmen des Festivals Musica Sacra tritt das Südtiroler Vokalensembleam Sonntag, 2. Juni um 19 Uhr in der Pfarrkirche Gargazon auf.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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