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Im Camerino des Maestro

Foto: dietiwag.org

Lohndumping, Probenterror und sexuelle Gewalt: Ein Tiroler Blogger erhebt schwerwiegende Vorwürfe gegen den künstlerischen Leiter der Tiroler Festspiele Erl, Gustav Kuhn. Eine Spurensuche.

von Artur Oberhofer

Markus Wilhelm zeigt sich von der 60.000-Euro-Klage, die von den Festspielen Erl inzwischen eingereicht worden ist, unbeeindruckt. Der Blogger behauptet, er habe erst die „Spitze des Eisberges freigelegt“. Er freue sich auf die gerichtliche Auseinandersetzung. Denn: „Es ist gut, wenn so ein wichtiges Thema Öffentlichkeit erhält, denn da kommt noch einiges“, so Wilhelm.

Einträge im Wilhelm-Blog

Über seinen Enthüllungsblog hat Markus Wilhelm vor wenigen Tagen eine journalistische Bombe gezündet. Der Blogger erhob ungeheuerliche Vorwürfe gegen die Festspiele Erl – insbesondere gegen deren Leiter, den ehemaligen Haydn-Orchester-Chef Gustav Kuhn.

Die Palette der Anschuldigungen reicht von Lohndumping über Probenterror bis hin zu sexueller Gewalt.

Markus Wilhelm hat in der Vergangenheit schon mehrfach für Aufsehen gesorgt. So hat er unter anderem den Einfluss deutscher Stromkonzerne auf den Vorarlberger und Tiroler Energiemarkt untersucht. Er wurde vom Anbieter Tiwag verklagt – gewann aber die Prozesse in zwei Instanzen.

Über Wilhelms Enthüllungen zum Fall Gustav Kuhn berichteten renommierte Blätter wie die „Süddeutsche Zeitung“ und der Wiener „Standard“.

Brisant: Just als die Festspiele Erl ihre Unterlassungsklage sowie den Schadenersatzantrag bei Gericht hinterlegten, legte Markus Wilhelm eine Scheit nach. Er veröffentlichte die E-Mail einer Solistin, in der massive Vorwürfe gegen Gustav Kuhn erhoben wurden.

E-Mail aus dem Wilhelm-Blog

Ein Auszug aus der E-Mail der Solistin:

„ … Ich war selber dort (in Erl, Anm. d. R.) über Jahre (…). Das bedeutete: keinen freien Tag, 80 und mehr Wochenstunden, Nachtarbeit, tägliches Anschreien lassen, Betatschen, Psychoterror, Erniedrigung, unfassbare Unterkünfte (…).

Es ist ein sexistischer, patriarchalischer Weg, dem junge Talente in Erl und vor allem im Convento in Lucca-Tramonte ausgeliefert sind (…).

Ich kenne zumindest noch eine weitere Solistin, der es genauso ergangen ist. Wir sind in kontakt. Es ist aber eine ungezählte Gruppe an Solistinnen, Choristinnen und Musikerinnen, die, insofern sie halbwegs groß und gut gewachsen und mit blonden langen Haaren ,ausgestattet’ sind, zu den ekelhaften und erniedrigenden ,Einzelgesprächen’ im ,Camerino’ des ,Maestro’ im Festspielhaus ,geladen’ wurden. Welches Leid und welche Vergewaltigung dort unter dem Begriff der Sehnsucht nach ,Karriereentwicklung’ auf dem grauen Designersofa unter teurer Kunst und den Blicken der kleinen Wagner-Skulptur oder im angeschlossenen Badezimmer des Herrn Gustav alles passiert.

Wir waren Freiwild, Frischfleich. Anfassbar, zur Verfügung. Wir wurden dort eingesperrt (…) … Auf dem Schoß der alten Herren sitzend sich öffentlich betatschen lassen bis hin zum schnellen Blow-Job im Skiraum in der Tiefgarage war da alles dabei …

In anderen E-Mails werden Lohndumping-Vorwürfe gegen die Festspiele Erl erhoben.

Erl beschäftigt unter anderem Chorsänger und Musiker aus Minsk, die Opernrollen werden meist mit jungen Solisten aus Gustav Kuhns italienischer Accademia di Montegral besetzt. Markus Wilhelm veröffentlicht (anonyme) Erklärungen von Musikern und Sängern, die angeben, „wie Sklaven gehalten“ worden zu sein. Aus einem Dienstvertrag, den der Blogger veröffentlicht, geht hervor, dass Musiker und Sänger eine Tagesgage von 38 Euro erhalten hätten.

Auch hätten die Künstler Dienstverträge unterschreiben müssen, in den es hieß:

„Der/die Mitwirkeden nimmt ausdrücklich zur Kenntnis, dass ihm/ihr weder Urlaub, Urlaubsgeld. Weihnachtsremuneration, Krankengeld, Kündigungsschutz noch Abfertigung und Ähnliches zustehen.

Markus Wilhelms Vorwürfe sind nicht unbedingt neu. Über Lohndumping, schlechte Arbeitsbedingungen und respektloses Verhaften bei den Tiroler Festpielen Erl hatte im Jahr 2013 bereits die bekannte Sopranistin und Mitinitatorin der „Art but fair“-Bewegung, Elisabeth Kulman, berichtet. Gegenüber der TT sagte nun der Vorsitzende von „Art but fair“, Christian Sist: „Regelmäßig werden Beschwerden von Künstlern an uns herangetragen, Erl ist, wenn man das so sagen kann, unser bester Kunde.“

Maestro Gustav Kuhn hat bislang nicht öffentlich auf die schwerwiegenden Anschuldigungen reagiert. „Namenlosen Beschuldigungen ist schlecht beizukommen“, sagt die Sprecherin der Festspiele, Angelika Ruge.

Am kommenden Mittwoch werde sich der Maestro der Presse stellen.

Christian Sist von „Art but fair“ sagt: „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder Kuhn wird entlastet oder entlarvt.“

In Südtirol, wo Gustav Kuhn noch immer verwurzelt ist, wird die Affäre mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Ein enger Freund des Maestro, der namentlich nicht genannt werden möchte, mag ein Komplott nicht ausschließen: „Es ist bekannt, das Gustav Kuhn ein enger Freund von Tirols Landeshauptmann Günther Platter ist und diesen auch im Wahlkampf unterstützt, der Zeitpunkt der Enthüllungen ist jedenfalls verdächtig.“

In Tirol wird am Sonntag gewählt.

Ein Ende der Erler Schlammschlacht ist derzeit nicht abzusehen. Der Münchner „Merkur“ zitiert einen Insider: „Leider ist vieles, was im Blog von Markus Wilhelm aufgeführt wird, wahr.

 

 

 

 

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Kommentare (5)

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  • andreas

    Da scheinen die aufrechten katholischen Tiroler aus unserem „Heimatland“ auch einen Weinstein oder Wedel zu haben. Kuhn braucht sich wohl nicht mehr zu äußeren, der müsste eigentlich sofort suspendiert werden.
    Und wie bei Weinstein und Wedel werden wohl einige davon gewusst und die Vorfälle gedeckt haben.

    Der Kommentar zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist lächerlich, dafür sind die Vorwürfe zu massiv, um es als politisches Taktieren abzutun.

  • rota

    Vom Blasn ud Tutn etwas verstehen: das sind neue Dimensionen des Stimmtrainings.
    Aber trotzdem hieß es immer Prima la musica!

  • guyfawkes

    Als Gustav Kuhn die künstlerische Leitung des Haydn-Orchesters aufgegeben hat, war der Aufschrei groß. Nun kann man wohl sagen: „guat awek“.

    Wenn man die öffentlichen Gelder die in die künstlerischen Projekte dieses Herrn geflossen sind zusammenrechnet, dürfte man (grenzüberschreitend) locker auf einen zweistelligen Millionenbetrag kommen. Bei den (weniger bekannten) Mitwirkenden scheint nicht viel davon angekommen zu sein.

  • leopold777

    Ein Freund von Haselsteiner und dem Landeshauptmann!
    Unglaublich!,,,

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