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    „Mit dem Opfer im Kino“

    „Mit dem Opfer im Kino“

    Der Meraner Thomas Geisler wird am Landesgericht zu neun Jahren Haft wegen zweifachen Mordversuchs verurteilt. Allerdings ohne den erschwerenden Umstand der Planung der Taten.

    Von Thomas Vikoler

    Eine Beziehung, die offenbar komplexer war als bisher bekannt. Die Beziehung zwischen dem 27-jährigen Meraner Schützen Thomas Geisler und seiner 22-jährige Ex-Freundin.

    Marco Mayr, Verteidiger Geislers in einem verkürzten Verfahren zum Vorwurf des zweifachen Mordversuchs, fußt sein Plädoyer ganz auf das komplizierte Verhältnis zwischen Täter und Opfer. „Zwischen Juni und September 2013 tauschten sie an die Tausend SMS aus. Darin gibt es tatsächlich Drohungen in Bezug auf den neuen Freund der Frau, aber auch die Bitte Geislers an die Ex-Freundin, ihn in Ruhe zu lassen, um sich einer Therapie widmen zu können“, sagt Verteidiger Mayr am Rande der Schlussverhandlung hinter verschlossenen Türen.

    Für Staatsanwalt Giancarlo Bramante ist die Sachlage eindeutig: Geisler verübte an jenem 13. Oktober 2013 in Meran nacheinander zwei Mordversuche. Geplante Mordversuche. Zuerst, indem er mit seinem Fiat Brava gegen den neuen Partner der Ex-Freundin, einem 30-jährigen Koch aus der Bundesrepublik Deutschland, prallte und ihn mittelschwer verletzte. Kurze Zeit später folgte die zweite Auto-Attacke, diesmal gegen beide.

    Der Strafantrag des Staatsanwaltes: Neun Jahre und zwei Monate Haft.

    Für Verteidiger Mayr waren die Taten keineswegs geplant, sondern Impulshandlungen Geislers. Wichtigstes Indiz dafür: Geisler war am Tatabend mit seiner Ex-Freundin im Kino, angeblich händchenhaltend. Er brachte sie zu ihrer Wohnung, wo kurze Zeit später der neue Partner aufkreuzte. Laut der Rekonstruktion der Verteidigung hatte ihn Geislers Ex-Freundin nach dem Kinobesuch per SMS dorthin bestellt. Geisler habe währenddessen über Facebook mit einer anderen Freundin korrespondiert. Für die Verteidiger Mayr ein Hinweis darauf, dass er keineswegs auf seine Ex-Freundin fixiert war.

    „Er machte seit 2009 eine Therapie, um etwas gegen seine Neigung zu impulsiven Handlungen zu tun. Deshalb die Bitte an seine Ex-Freundin, ihn in Ruhe zu lassen“, erläutert Anwalt Mayr einen weiteren Hintergrund des komplexen Verhältnisses. Geisler erscheint die dieser Darstellung als Opfer eines „doppelten Spiels“ seitens seiner Ex-Partnerin. Sie habe sich einerseits um eine Aufrechterhaltung der Beziehung mit Geisler bemüht („zeige mir, dass du mich noch liebst“, heißt es in einer SMS), andererseits seine Eifersucht gegen den neuen Partner geschürt.

    Dieses verkürzte Verfahren zeigt jedenfalls auf, welche Rolle derartige Sendungen nachträglich spielen und wie unterschiedlich sie gedeutet werden können. Für die Transkription des umfangreichen SMS-Verkehrs zwischen Geisler und seiner Ex vom deutschen Dialekt ins Italienische war eigens eine Übersetzerin engagiert worden.

    Gegen 17.00 Uhr verkündet Vorverhandlungsrichter Walter Pelino schließlich sein Urteil: Neun Jahre Haft wegen zweifachen Mordversuchs inklusive einem Drittel Strafnachlass wegen des verkürzten Verfahrens. Für den Richter waren die beiden Mordversuche allerdings nicht geplant. Die Höhe des verhängten Strafmaßes ist dadurch erklärbar, das Pelino Geisler die allgemein mildernden Umstände verweigert hat.

    Die Verteidigung wird das Urteil anfechten.

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