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Enterdung

Floramentale von Arnold Holzknecht: Holzknecht befreit die Blumen aus ihrer Erdgebundenheit, treibt ihnen die stets lauernde Nostalgie der Verwurzelung buchstäblich vom Sockel auf aus. (Fotos: Tiberio Sorvillo (courtesy the artist und Galleria Doris Ghetta)

Unberührte Natur? Was für ein Schmarrn! Der Grödner Künstler Arnold Holzknecht stellt in der Galerie Doris Ghetta hybride Pflanzenskulpturen aus.

 

Sie sehen aus wie großgewachsene Mohnblumen, dürften es allem Anschein nach auch sein, etwas Florales jedenfalls. Ihre Blütenköpfe recken sich mit weit offenen Kelchblättern hoch hinauf, zur Sonne wahrscheinlich, als wollten sie nach Licht schnappen und sie wünschen dabei unbedingt in Ruhe gelassen zu werden.

Ja, sehr schön, denkt man. Poetisch. Wenn das Allerweltswort bedeutet, was Paul Celan darunter verstanden hat: „Die Poesie zwingt sich nicht auf, sie setzt sich aus.“ Aber einige Details irritieren daran. Die Stengel sind aus unterschiedlichen Holzstecken – Haselnuss und Fichte mit Spuren von Holzwürmern – zusammengefügt, Baumschwämme haben sich daran festgesetzt, aus einem Seitenzweig sprießt eine Sonnenblumenblüte hervor, aus anderen Samenkapseln, manche Blattstengel sind wie Perlenschnüre geschnitzt, manche sind bemalt, andere geschält oder naturbelassen.  Postiert sind sie auf und neben Sockeln, und eine, die größte unter den Mohnblumen, wächst gar nicht aus dem Boden heraus, sondern hängt an einer Stahlschnur von der Decke herab. Eine Luftwurzel, die nach Erde schnappt.

Eine suggestiv idyllische und zugleich skeptisch fragende Präsenz haben die Mohnblumen des Grödner Künstlers Arnold Holzknecht, die derzeit in der Galerie Doris Ghetta zu sehen sind. Wenn man davon ausgeht, dass das eigentliche Material eines Bildhauers stets der Raum ist, dann bilden diese Blumenskulpturen – genau genommen sind es Assemblagen mit skulpturalen Elementen – einen Raum im Raum. Sie scheinen sich in einem Grenzland, in einer Übergangsphase von der Welt, wo sie herkommen und der Kunstwelt der Galerie zu befinden, weiterhin Teil eines Prozesses, noch keine fertigen Werke zu sein. Es ist, als sähe man etwas aus der Zukunft oder etwas aus tiefster Vergangenheit – wahrscheinlich beides zugleich.

So unsicher die Annäherung an sie ist, einiges lässt sich doch analysieren. In kunsthistorischer Perspektive kann man in den verwendeten Materialien ein Echo der Arte Povera entdecken, die ihre Kunst aus den Eigenschaften des Materials selbst entwickelte, doch Holzknechts Blumen bauen nicht mehr auf die pure physische Präsenz und Aussagekraft des Materials. Zwar verwendet er die charakteristisch armen Materialien der Arte Povera – fast alle stammen aus der Umgebung seines Hofes oberhalb von S. Ulrich, er arbeitet mit dem, was da ist – doch an deren zeitlose Authentizität (vor der schon Theodor W. Adorno in seiner Ästhetischen Theorie 1973 gewarnt hatte) im Vergleich zu den industriell fabrizierten Ready-mades glaubt er nicht mehr. Unberührte Natur? Was für ein Schmarrn.

Man kann sich leicht vorstellen, wie diese Mohnblumen nach der jedem Gärtner bekannten Methode des Pfropfens entstehen. Womit die Hybride ins Spiel kommen. In der Biologie bedeutet der Begriff eine Kreuzung zweier verschiedener Arten. Pflanzen werden durch Aufpfropfung hybridisiert, um eine quantitative und qualitative Steigerung der Erträge zu erreichen. Es hat aber auch einen spielerischen, experimentellen Charakter – man kann es als eine Form biologischer bricolage definieren. Als Metapher / Figur steht es in der Kulturtheorie spätestens seit den 1990er Jahren für die Entgrenzungen, Verschmelzungen, Amalgame, ethnischen, kulturellen und sozialen Vermischungen, die aus dem weltweiten Gemenge von Menschen und Waren erwachsen.

In Holzknechts Gewächshaus sind neben dem Pfropfen gleich mehrere Prozesse der Hybridisierung am Werk: gegenläufige Wachstumsprozesse (dem aufbauend organischen des Pflanzlichen steht die künstlerische Reduktion des Materials entgegen), er setzt Farbe ein, also ein Verfahren der Bedeckung, während das Skulpturale darauf aus ist, ans Licht zu bringen.

Hybridisierung als künstlerische Strategie kommt bereits in den Sockeln der Blumenskulpturen zum Einsatz. Statt funktioneller Sockel, bekanntlich das probateste Instrument und Medium des klassischen Denkmals, des Herzeigens, der Aura-Erzeugung und der Nobilitierung wertvoller, repräsentativer Gegenstände und Figuren, legt er einen Brocken Marmor, einen Porphyrstein und eine Holzkugel hin, um sie standfest zu machen. Damit befreit er die Blumen aus ihrer Erdgebundenheit, treibt ihnen die stets lauernde Nostalgie  der Verwurzelung buchstäblich von Grund auf aus.

Es sind diese Uneindeutigkeiten von Holzknechts Mohnblumen, die zu einem gleichzeitigen Wiedererkennen und Befremden führen. Interpretiert man sie in politischer Perspektive sind sie genau das, was die Identitären mit ihren fatalen (und mörderischen) Reinheitsvorstellungen am meisten hassen. Schwächere Künstler würden daraus eine ökologische oder politische Botschaft basteln, Holzknecht  erreicht das nämliche durch virtuose Leichtigkeit. Er erschafft etwas, was es vorher nicht gab und übergibt es einem unablässig sich verändernden Bedeutungsstrom.

Der 1960 geborene Grödner Bildhauer ist ein Experimentierer in Permanenz und Zeit ist eine der entscheidenden Produktivkräfte im Fächer seiner kompositorischen Strategien. Heinrich von Kleists Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ paraphrasierend, könnte man ihn einen Künstler der allmählichen Entstehung von Kunst beim Handwerken nennen.

Relieftafeln von Arnold Holzknecht: Verkörperte Zeit sind die Linien, ohne Zeit und damit erfüllt von aller Zeit.

Nirgends kommt das stärker zum Ausdruck als in den ebenfalls ausgestellten Relieftafeln, die, mit der gemeinsam mit Michele Bernardi realisierten „Entschärfung“ des faschistischen Monumental-Reliefs von Hans Piffrader am Finanzgebäude in Bozen, sein Trademark genannt werden können. Auch in diesen Arbeiten sind Methoden des Hybriden am Werk.

Die Tafelbilder schauen auf den ersten Blick wie flache graphische Gebilde aus, sind aber Bildhauerei. Materialgerecht sind in die Lindenholztafeln längsgerichtete, seitlich meist mit Acrylfarbe bemalte Rillen gleichmäßig eingeschnitzt. Kunsthistorisch handelt es sich um Flachreliefe („rilievo schiacciato“), denn die Linien wirken teils fast nur eingeritzt und haben dennoch genug Plastizität, um auch als Druckstöcke verwendet zu werden. Es ist die Position der Reliefkunst zwischen den Gattungen Skulptur und Malerei, die eine Verbindung von Plastizität und graphisch-malerischem Linienspiel ermöglicht.

Holzknecht spielt in diesen Werken die Möglichkeiten der Linie, eines der abstraktesten Elemente der Malerei, in ihren plastischen Variationen durch. Flächenhaft ornamental ist die formale Makrostruktur, aus der Nähe hingegen offeriert die strenge formale Gebundenheit einen großen Reichtum an Nuancen, Details und Brüchen, die ein verlangsamtes Betrachten einfordern. Verkörperte Zeit sind die Linien, ohne Zeit und damit erfüllt von aller Zeit.

Wer sich darauf einlässt, erfährt Kunst als das, was sie möglicherweise auch für den Künstler ist. Etwas, in das er hineingeht, ein Raum, der in ihm und außerhalb von ihm ist. (Heinrich Schwazer)

Termin: Bis 29. Juni in der Galerie Doris Ghetta in St. Ulrich.

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