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Versenkter Antrag

Die Süd-Tiroler Freiheit hat im Landtag einen Antrag eingebracht, der die Stärkung und den Ausbau des muttersprachlichen Unterrichts vorsah. Er wurde abgelehnt.

Im Beschlussantrag heißt es: Der Landtag möge beschließen: 1. Der Südtiroler Landtag bekräftigt die fundamentale Wichtigkeit und die Unantastbarkeit von Artikel 19 des Südtiroler Autonomiestatuts; 2. der Südtiroler Landtag spricht sich gegen jegliche Sprachexperimente aus, die im Widerspruch zu Artikel 19 stehen; 3. der Südtiroler Landtag beauftragt die Landesregierung und den zuständigen Landesrat, falls noch CLIL-Experimente durchgeführt werden, diese mit Beginn des neuen Schuljahres einzustellen; 4. der Südtiroler Landtag beauftragt die Landesregierung und den zuständigen Landesrat ein Konzept vorzulegen, damit Deutsch in den italienischen Schulen und Italienisch in den deutschen Schulen künftig als Fremdsprachen und nicht mehr als Zweitsprachen unterrichtet werden; 5. der Südtiroler Landtag beauftragt die Landesregierung die Option zu überprüfen, einen Masterlehrgang für supplierende Lehrkräfte ohne geeigneten Studientitel, die Deutsch bzw. Italienisch als Zweitsprache unterrichten, bei der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen anzubieten, um ihnen eine angemessene Qualifikation zu ermöglichen und ihre Arbeitsplatzsicherheit zu verbessern.

Die Schule sei der Schlüssel zur sprachlichen und kulturellen Identität, unterstrich Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit). Deshalb sei der Unterricht in der Muttersprache eine der wichtigsten Säulen der Südtiroler Autonomie. Nach dem Zweiten Weltkrieg sprachen 90 Prozent der Aostaner Französisch; nach Einführung gemischtsprachiger Schulen sprechen heute nur noch zwei Prozent Französisch.

Da brauche man nicht mehr von Minderheitenschutz reden. Man müsse auch sehen, dass man ein Problem in der Schule habe, weil man nach 13 Jahren Italienischunterricht nicht ausreichende Sprachkenntnisse haben. Die Süd-Tiroler Freiheit möchte, dass die Schüler so viele Sprachen wie möglich sprechen. Doch der CLIL-Unterricht bringe nicht die Ergebnisse, die man sich wünschen würde. Das hänge auch damit zusammen, wie an Südtiroler Schulen Italienisch unterrichtet werde – nämlich nicht als Fremdsprache, sondern als Zweitsprache. Die Sprachkenntnisse der Schüler an den Oberschulen seien aber sehr unterschiedlich.

Der Abgeordnete Knoll wärme wieder die alte Debatte auf, bemerkte Brigitte Foppa (Grüne). Südtirol sei das einzige Land auf der Welt, in dem das Konzept des Unterrichts in der Muttersprache im Gegensatz zu jenem auf Mehrsprachigkeit stehe. Nur in Südtirol werde die Zweitsprache als Gefahr für die Erstsprache gesehen. Auf der ganzen Welt wisse man dagegen, dass die Erst-, die Zweitsprache lehrt, die Zweitsprache, die Dritt- und die Viertsprache. Fremdsprachen nehmen der Muttersprache keinen Platz weg.

Es mache ihr viel mehr Sorgen, dass die jungen Menschen Angst vor der zweiten Sprache hätten. Da müsse man etwas dagegen tun. Man müsse sich aufmachen für die Welt – das wollten auch die Familien.

Alex Ploner (Team K) sagte, die Welt diskutiere gerade ChatGPT und Künstliche Intelligenz; wenn ein Fach in einer anderen Sprache unterrichtet werde, sei das nichts Schlechtes. CLIL gebe es nicht nur in Südtirol, sondern weltweit. Es funktioniere. Es müsse nicht über die Abschaffung gesprochen werden, sondern darüber, was man tun müsse, damit es auch hier funktioniere. Das Recht auf die Muttersprache beinhalte auch die Möglichkeit zum Verzicht, und das werde in Südtirol auch schon getan, wenn zum Beispiel deutschsprachige Familien ihre Kinder in den italienischen Kindergarten schicken.

Andreas Leiter Reber (Freiheitliche) bemerkte, man sei sich in der Aula wohl einig, dass der derzeitige Zweitsprachenunterricht verbessert werden müsse. Man sei nicht in Nordrhein-Westfalen oder in der Toskana, wo die Umwelt einsprachig sei, man sei eine Minderheit in einem Staat – und darauf sei der Sprachunterricht ausgerichtet. Man müsse froh um die Regelungen des Minderheitenschutzes in Südtirol sein, denn ohne diese wäre das Bild ein anderes.

Waltraud Deeg (SVP) erinnerte daran, dass sie an der Oberschule Rechts- und Volkswirtschaftslehre unterrichtet habe. Mehrsprachigkeit sei eine Bereicherung. In der Praxis sei es so, dass man im Rechts- und Wirtschaftskundeunterricht immer zweisprachig unterwegs sein, weil man etwa italienische Gesetzestexte oder Zeitungsartikel lese. Sie tue sich schwer damit, wenn man so tue, als sei das alles überholt – das sei es nicht. Sie sei im Austausch mit Aostanern, die sehr vor der mehrsprachigen Schule warnten. Dies bedeute aber nicht, dass man keine anderen Sprachen lernen könnte. Es sei nirgendwo verboten, sich in die eine oder andere Schule einzuschreiben, das sei eine Entscheidung der Eltern. Das Bewusstsein für den muttersprachlichen Unterricht stehe nicht im Gegensatz zu Weltoffenheit.

Myriam Atz Tammerle (Süd-Tiroler Freiheit) verwies darauf, dass im Internet Angebote zu finden sein, in drei Monaten eine Sprache zu lernen. In Südtirol reichten 1.700 Stunden in 13 Jahren dazu nicht; da müsse das Modell, die Methode angeschaut werden. CLIL sei nicht zielführend, aber eine Gefahr für den muttersprachlichen Unterricht. Es gebe viele Menschen in Südtirol, die in der Schule nicht so gut Sprachen gelernt hätten, und dann später aber noch eine dritte und eine vierte. Der muttersprachliche Unterricht dürfe nicht leiden.

Das Thema sei sehr heikel und heiß diskutiert, so Helmuth Renzler (SVP), es beinhalte aber auch einige Tatsachen zum Schutz der deutsch- und ladinischsprachigen Bewohner des Landes, die nicht geändert werden dürften. Der Artikel 19 werde bestimmt nicht angefochten, ebenso wenig wie der Proporz. Der muttersprachliche Unterricht sei ein Recht, das im Kindergarten und der Grundschule beginne. Zur Muttersprache brauche es die mentale Einstellung, aber wenn es eine Sprachvermischung gebe, dann sei das nicht mehr möglich. Das Ende einer Minderheit sei, wenn die Sprache einer Minderheit nicht mehr als Muttersprache wiederbelebt werde, sondern als Zweitsprache.

Riccardo Dello Sbarba (Grüne) wies die Mehrheit darauf hin, dass sich dieser Antrag gegen die derzeitige Schule richte, nicht gegen die gemischtsprachige Schule, die es nie geben werde. Unlängst sei eine Klasse eines Sprachenlyzeums aus Verona im Landtag zu Gast gewesen, diese Schüler hätten kein Wort Deutsch verstanden, obwohl sie es in der Schule lernten – das sei ein klassisches Beispiel dafür, wie Fremdsprachenunterricht ablaufe. Das Modell der Zweitsprache solle beibehalten bleiben, denn es funktioniere.

Paula Bacher (SVP) sagte, sie könne zwar öfter Meinungen mit Sven Knoll teilen – in diesem Fall aber nicht. Sie habe 30 Jahre an der Grundschule unterrichtet. Es gebe so viele Möglichkeiten, wie man Sprachen lernen könne, ohne den Artikel 19 anzugreifen.

Die SVP werde den Beschlussantrag nicht annehmen, sagte Magdalena Amhof (SVP). Ein Teil davon könnte zwar von jedem mitgetragen werden. Doch das Autonomiestatut sei für die SVP eine Verfassung, dieses stelle niemand in keinster Weise in Frage. Deshalb frage sie sich, warum der Landtag aufgefordert werde, über die Unantastbarkeit desselben abzustimmen. CLIL sei kein Experiment, sondern eine wissenschaftlich fundierte Methode.

Ein gutes Sprachenlernen, so LR Philipp Achammer, sei möglich. Es gebe sehr unterschiedliche Situationen im Land. Ein paar Dinge seien sicherlich zu verbessern. Aufgrund der Sprachumgebung habe man häufig die Situation, dass italienisch außerhalb der Schule kaum gesprochen werde. Es sei festgelegt worden, dass Sprachanwendung im Mittelpunkt stehe. Fremdsprachendidaktik sei als verpflichtendes Modul in die Ausbildung der Zweitsprachenlehrpersonen aufgenommen worden. Doch viele der italienischen Lehrpersonen würden nicht in Südtirol ausgebildet.

Es bringe nichts, Sprachen gegeneinander auszuspielen. Er sei für einen guten, gefestigten Muttersprachenunterricht, und sei dagegen, diesen zu verwässern; er sei aber auch für einen guten Italienischunterricht. In den vierten und fünften Klassen der Oberschulen würden 32 Wochenstunden CLIL, davon zum Großteil in Englisch unterrichtet. CLIL sei kein Allheilmittel, sondern eine Möglichkeit. Man müsse die Sprachumgebung anschauen und dann entscheiden. Er sei der Meinung, dass man nicht in ein System hineinfallen dürfe, mit Anträgen dies und jenes zu bekräftigen – so wie in diesem Fall den Artikel 19. Dieser stehe im Autonomiestatut. Man werde weiter daran arbeiten, den Zweitsprachenunterricht zu verbessern.

Punkt 1 sei so wichtig, betonte Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit), da kein anderer Artikel des Autonomiestatus so stark unter Beschuss sei. Den Eltern werde eingeredet, dass muttersprachlicher Unterricht etwas Rückwärtsgewandtes sei. Deshalb sei es wichtig, immer wieder auf diesen Artikel 19 hinzuweisen; es sei – wenn man so wolle – eine Imagekampagne für den Artikel 19.

Man habe die gesamte italienischsprachige Kultur vor der Haustür, heiße es immer – in den Diskussionen im Landtag werde dagegen nie davon gesprochen, dass man die gesamte deutschsprachige Kultur vor der Haustür habe. Autonomiepolitisch sei es gefährlich, dass die Südtiroler nicht mehr Südtiroler seien, wenn sie nicht als Südtiroler aufwachsen – Italiener blieben indes immer Italiener. Mehrsprachigkeit bedeute, auch außerhalb der Schule mehrsprachig zu sein. Wenn die Quantität des Sprachunterrichts nicht zum gewünschten Ergebnis geführt habe, dann muss dies an der Qualität liegen. Man müsse sich die Situation in anderen Minderheitengebieten ansehen, wo nichts mehr übrig sei von der Muttersprache. Deshalb gelte es vorsichtig mit Experimenten zu sein.

Der Antrag wurde in Teilabstimmungen zu den Prämissen und den einzelnen Punkten mehrheitlich abgelehnt.

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