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„Auf Signale achten“

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Vor rund vier Wochen wurde in Bozen ein kleines Kind von einem Hund im Gesicht gebissen. Die Hundepsychologin Karin Gummerer erklärt, warum Hunde überhaupt beißen und was sie von einem Hundeführerschein hält.

Tageszeitung: Vor rund vier Wochen wurde in Bozen ein dreijähriger Bub von einem Hund ins Gesicht gebissen – das ist jedoch nur ein Fall von vielen. Warum passiert das?

Karin Gummerer: Das hängt natürlich in erster Linie von den individuellen Umständen ab, in diesem Fall beispielsweise vom Verhaltensmuster des Hundes und von jenem des Kindes. Es ist schwierig, das aufgrund von Aussagen und ohne genaue Amnesie allgemein zu beurteilen. Grundsätzlich ist es so, dass jeder Hund zubeißen kann. Erfahrungsgemäß passiert das allerdings so gut wie nie. Bevor ein Hund zubeißt, sendet er je nach Eskalationsstufe verschiedene Signale. Das Problem dabei ist jedoch, dass viele Menschen diese Signale nicht lesen können. Der Mensch ist dem Hund gegenüber oft übergriffig und respektiert seine Individualdistanz nicht. Hunde verfügen nur sehr begrenzt über eigene Entscheidungsmöglichkeiten und werden dadurch häufig Situationen ausgesetzt, mit denen sie zum Teil total überfordert sind. Sie haben genau dasselbe Stressreaktionsmuster und dieselben Gefühle wie wir Menschen und können daher in manchen Situationen sensibel darauf reagieren.

Was sind solche Signale?

Beschwichtigungssignale sind generell alle Handlungen, bei denen der Hund abweisend wirkt: Er schaut weg beziehungsweise dreht den Kopf weg, gähnt, leckt sich über die Schnauze, blinzelt oder „pfötelt“. Wenn sich ein Hund extrem unwohl fühlt, kann es auch zu einer Spontanschuppung kommen, das heißt, dass das Fell plötzlich voller Schuppen ist. All das sind Zeichen dafür, dass der Hund überfordert ist, zum Beispiel bei Stress durch zu viel Nähe. Wenn diese Signale übersehen werden, bleibt dem Hund oft nur mehr die Möglichkeit zu schnappen oder im schlimmsten Fall zu beißen. Im Endeffekt ist dann der Hund Schuld – trotz der von ihm ausgegangenen Warnsignale.

Was sollte man über das Verhalten von Hunden wissen?

Ein Hund sollte immer mit Respekt und Wertschätzung behandelt werden. Jeder Hund hat seine Fähigkeiten, seine Talente und im Rahmen einer Wohngemeinschaft auch seine Grenzen. Durch Training kann man seinem Hund vieles beibringen, doch dadurch wird nicht automatisch eine vertraute Bindung geschaffen. Er ist ein fühlendes Lebewesen und wenn wir ihn auch so wahrnehmen, ist unser Zugang zum Hund ein ganz anderer.

Wie können solche Hundeangriffe vermieden werden?

Hundeangriffe könnten auf jeden Fall vermieden werden, wenn wir Menschen lernen, die Hundesprache zu lesen und die Hunde in ihrer Art und Weise zu respektieren. Die meisten Hundebisse passieren innerhalb der Familie, wo die Privatsphäre der Hunde nicht geschützt wird. Wir müssen darauf achten, sie nicht ständig Situationen auszusetzen, die sie überfordern oder in denen sie sich nicht wohl fühlen. Wenn mir das als Mensch gelingt, kann ich dadurch viele Unfälle verhindern.

Wenn ein Hund schon einmal einen Menschen gebissen hat, gilt für ihn automatisch die Maulkorbpflicht oder kann er weiterhin problemlos frei herumtoben?

Wenn es bereits einen solchen Vorfall gegeben hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich dieses Verhalten wiederholt. In diesem Fall bin ich der Meinung, man sollte dem Hund einen Maulkorb aufsetzen – auch im Sinne des Halters. Oftmals ist es so, dass die Besitzer sich angespannt und unsicher fühlen, mit ihrem Hund, der bereits einen anderen Menschen attackiert hat, unter Menschen zu gehen. Hier nimmt der Maulkorb einfach ganz viel Druck aus der Situation. Allerdings ist es wichtig, dass der Maulkorb die richtige Passform hat und er für den Hund keinen Störfaktor darstellt.

Was passiert mit auffälligen Hunden?

Ein auffälliger Hund gehört in die Hände von Profis, die genau wissen, wie man mit diesem Tier umgehen muss, sodass es ein lebenswertes Leben führen kann. Erst wenn das nicht mehr gegeben werden kann, sollte man über eine mögliche Einschläferung nachdenken.

Kann man seinem Hund zu 100 Prozent vertrauen?

Der Hund ist ein Lebewesen und daher nicht zu 100 Prozent vorhersehbar. Ich kann also nicht garantieren, dass er niemanden attackiert – vor allem, wenn er sich in einer für ihn bedrohlich wirkenden Situation befindet.

Das Problem liegt also darin, dass viele nicht wissen, wie sie mit ihrem Hund umgehen sollen. Wie denken Sie über einen Hundeführerschein?

Ich bin eine große Befürworterin des Hundeführerscheins. Die Leute sollten, bevor sie sich einen Hund zulegen, ein Beratungsgespräch führen. Immerhin gilt ein Hund sozusagen als zusätzliches Familienmitglied und ich als Mensch trage jahrelang dafür die Verantwortung. Beispielsweise muss man sich die Frage stellen, ob ein Hund finanziell tragbar ist oder wer im Urlaub darauf aufpasst. Es ist wichtig, solche Dinge im Vorfeld abzuklären, um gewisse Schwierigkeiten zu umgehen. Ich bin überzeugt davon, dass es dadurch weniger Probleme geben würde. Darüber hinaus sollte man sich intensiv mit der Rasse und deren jeweiligen Eigenschaften auseinandersetzen.

Sollten für Kampfhunde strengere Haltungsbedingungen gelten?

Im Prinzip gibt es gar keine Kampfhunde. Die Rasse hat natürlich eine gewisse genetische Disposition, aber das Verhalten eines Hundes hängt in erster Linie vom Umfeld ab. Es gibt keine Hunde, die losstarten und grundlos jemanden beißen. Ein Hund ist an sich nicht aggressiv.

Interview: Sylvie Debelyak

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