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Komplett überfordert

Beppe Mairginter und Helmut Burger: Viele Ehrenamtliche verlieren die Lust vor lauter Bürokratie.

Mit der Reform des Dritten Sektors kommen auf Vereine und andere Non-Profit-Organisationen grundlegende Neuerungen zu. Manche fürchten gar ein Massensterben der Vereine.  Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer Helmut Burger und dem künstlerischen Koordinator Peppe Mairginter des Südtiroler Theaterverbandes.

Tagezeitung: Herr Burger, der Präsident des Südtiroler Theaterverbandes Klaus Runer hat bei der Jahresversammlung vor einem drohenden Massensterben der Vereine im Zuge der Reform des Vereinswesen gewarnt. Worum geht es?

Helmut Burger: Es geht um das immer wieder verschobene Gesetz 117, genauer um das einheitliche Register für Vereine. Ursprünglich sollte das Register in Südtirol bleiben, also autonom geführt werden. Dem ist nicht mehr so, das Register soll in Zukunft italienweit geführt werden, weil fiskalische Aspekte ins Spiel kommen. Da hat Rom das Sagen. Der zweite wichtige Punkt betrifft die gewerbliche Nebentätigkeit von Vereinen, beispielsweise die Organisation von Festen oder den Verkauf von Eintrittskarten bei Theatervereinen.

Können Sie ein Beispiel machen.

Wenn beispielsweise ein Theaterverein, eine Musikkapelle oder ein Chor die Eröffnung einer Bankfiliale umrahmt, gilt das als Dienstleistung und kann honoriert werden. Das wird in Zukunft nur mehr unter großen bürokratischen Hürden möglich sein und damit uninteressant werden. Wir als Theaterverband versuchen unsere Mitgliedsvereine von jeglicher Bürokratie so weit wie möglich zu befreien. Schon jetzt braucht jeder Verein eine PEC-Adresse, Bilanzen dürfen nur mehr digital eingereicht werden – das sind Anforderungen, die kleine Vereine nicht stemmen können. Ein großer Verband kann das stemmen, aber nicht ein kleiner Theaterverein. Die italienischen Bestimmungen sind auf unsere kleinen Südtiroler Verhältnisse nicht anwendbar. Wenn die Volksbühne Prettau einen Steuerberater braucht, um jährlich einmal eine Aufführung zu machen, dann läuft etwas nicht richtig. Es ist schon richtig, dass unter dem Deckmantel von Vereinen zahlreiche Geschäfte getätigt wurden, die eigentlich der normalen Steuergesetzgebung unterliegen und das gehört unterbunden. Aber so wie das neue Gesetz geplant ist, ist es von hinten aufgezäumt. Wahrscheinlich wird es im Laufe der Zeit Anpassungen geben, aber das könnte schon zu spät sein für viele Vereine.

Klaus Runers Vision von einem Massensterben der Vereine klingt aber doch sehr nach Schwarzmalerei.

Bei einer Bezirksversammlung hat einer gesagt: Wir werden Corona überleben, aber diese Reform könnte uns den Kopf kosten. Wir werden als Verband alles unternehmen, um den einzelnen Mitgliedsvereinen die bürokratische Last abzunehmen. Es kann nicht sein, dass eine Volksbühne einen Steuerberater braucht, um spielen zu können. Sollen sie auf den Verkauf von Eintrittskarten verzichten oder ein Kaffeekränzchen organisieren und dann freiwillige Spenden einsammeln, um steuerrechtlich in Ordnung zu sein?

Herr Mairginter, verstehen Sie als Obmann der Pustertaler Theatergemeinschaft, was auf Sie zukommt?

Peppe Mairginter: Nein. Ich weiß, wie man eine Bühne aufbaut, wie man Spieler und einen Regisseur engagiert, aber die Bürokratie ist nicht meine Sache. Ich bin gerne Obmann, solange ich die Sache selbst meistern kann, aber unter diesen Umständen habe ich keine Lust mehr darauf. Damit bin ich nicht allein, viele Ehrenamtliche verlieren die Lust vor lauter Bürokratie. Und als Obmann geht man ja auch ein Risiko ein. Niemand will mit dem Staat in Konflikt geraten. Es ist für mich unmöglich eine Bilanz zu erstellen, wie sie von dem Register verlangt wird. Das heißt, ich muss zu einem Steuerberater gehen und der muss bezahlt werden.

Helmut Burger: Wenn ich da etwas ergänzen darf. Die Steuerlast wäre die für Vereine absolut kein Problem, die macht gerade ein Prozent der Einnahmen aus. Nicht tragbar ist der bürokratische Aufwand, steuerlich in Ordnung zu sein. Schon heute ist es wahnsinnig schwierig, Leute zu finden, die Obmann, Kassier oder Schriftführer in den Vereinen machen. Das will sich niemand antun.

Wann soll das neue Gesetz in Kraft treten?

Helmut Burger: Vorgesehen war der 1. Jänner dieses Jahres, aber es wird mit allen Anpassungen wohl noch etwas dauern. Es wäre für uns hilfreich, wenn unsere Politiker diese Befugnis nach Südtirol holen würden und eine andere Lösung für unsere Vereine ausarbeiten würden.

Beppe Mairginter: Jeder Verein lebt vom Engagement seiner Mitglieder. Wenn dieses durch bürokratische Auflagen behindert wird, ist es tödlich für jeden Kleinverein.

Helmut Burger: Ein möglicher Ausweg wäre die Schaffung von Großvereinen, denen die einzelnen Vereine wie Filialen zugehören. Aber das würde das Südtiroler Vereinswesen komplett auf den Kopf stellen, das ja von der Vielfalt lebt.

Beppe Mairginter: Das Gesetz wird jetzt seit vier Jahren diskutiert, aber die Politik kümmert sich nicht darum. Das scheint niemand zu interessieren.

Interview: Heinrich Schwazer

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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