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Eidinger rockt die Leinwand

Corina und Franz lieben sich

„Nahschuss“ spielt im Stasi-Ambiente der späten DDR, leuchtet Abgründe aus und stellt abseits der Historie unbequeme ethische Fragen. 

von Renate Mumelter

Lars Eidinger steht nackt am Fenster, dreht sich um und legt sich wieder zu Luise Heyer. Die beiden lieben sich. Sehr. Selten habe ich im Kino ein Mienenspiel gesehen, das so umfassend Zuneigung ausdrückt wie hier. Die Nacktheit spielt keine Rolle, der Sex auch nicht, die beiden sind einfach Mensch.

Franz Walter und Corina 

In „Nahschuss“ von Franziska Stünkel verkörpert Eidinger den Wissenschaftler und Kommunisten Franz Walter. Luise Heyer spielt seine Freundin Corina. Franz ist dabei, aus Forschungszwecken für ein Jahr nach Äthiopien aufzubrechen, Corina bleibt in der DDR. Er sitzt schon im Flieger, als er die Nachricht bekommt, dass ihm eine Professorenstelle in Berlin winkt. Franz Walter ist außer sich vor Freude. Das ist eine Freude, die ich auch selten so im Kino gesehen habe. In den 116 Minuten ist „Nahschuss“ ein Wechselbad intensiver Gefühle, und vermutlich gibt es im deutschen Sprachraum derzeit niemanden, der so überzeugend in dieses Wechselbad mitnehmen kann wie Eidinger. 

Lars Eidinger als Franz Walter später

Todesurteil

Die erzählte Geschichte ist in Ansätzen jene von Dr. Werner Teske, der als letzter in der DDR nach dem Todesurteil durch einen Nahschuss hingerichtet wurde. Es ist auch eine Stasi-Geschichte, bei der sich immer wieder die Frage aufdrängt, ob die Stasi-Machenschaften, wirklich so fies waren. Was da erzählt wird, ist einfach schwer zu glauben. Dass so mit Menschenleben umgegangen wurde auch. „Es gibt verschiedene Interpretationen der Machenschaften der Stasi. Wir sind ein wiedervereintes Land, seit gerade einmal knapp 32 Jahren. Bei meinem Film geht es mir um die Sichtbarmachung eines historischen Fakts: Der Todesstrafe in der DDR. Das war mein Fokus“, sagt Regisseurin Stünkel in einem Interview. Stünkel versichert, sie habe nur gesicherte Erkenntnisse. Ob dieser Aspekt des Films noch auf innerdeutschen Widerspruch stößt, wird sich zeigen. 

Die Spirale 

Unabhängig von der Stasi-Geschichte geht es in „Nahschuss“ aber auch um übergeordnete ethische Fragen, und die sind besonders interessant, weil sie anhand dieser fremden Geschichte so deutlich werden. Da wäre die Frage nach der Wahrheit und jene, ob Schweigen auch schon Lüge ist. Es stellt sich die Frage, wieviel Lüge ein Mensch aushalten kann und wieviele Kompromisse, und es stellt sich die ganz aktuelle Frage danach, wie sehr es legitim ist, auf den eigenen Vorteil zu schauen. Franz Walter gerät in eine Spirale, die ihn auffrisst.

Bespitzelung fand übrigenss nicht nur in der DDR statt, nur sind die Inhalte dieser Bespitzelung bestens dokumentiert und inzwischen bekannt. 

Drehorte

Wer einmal im Stasi-Museum in Berlin war, wird Franziska Stünkels Farbgebung im Film verstehen. Immer kleidet sie das Ambiente in bedrückende Sepia-Töne. Die bräunlichen, aus damaliger Sicht durchaus eleganten Innenräume sind so nach wie vor im Stasi-Museum zu finden. Dem Westen gibt die Regisseurin buntere Farben. Dem Film ist deutlich anzusehen, dass die Regisseurin ihre Ausbildung zunächst an zwei Hochschulen für Bildende Kunst absolviert hat (Kassel und Hannover). 

Fazit

Wer große Schauspielkunst genießen möchte, sollte sich vom düsteren Thema nicht ablenken lassen.

 

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