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„In der Provinz treffe ich auf größere Offenheit“

: Carolin Widmann: Der größte Vorteil der Provinz ist, dass man nicht so übersättigt ist.(Foto: Lennard Ruehle)

Die Mahler Akademie (und damit das Bolzano Festival Bozen) beginnt am 21. Juli mit öffentlichen Meisterkursen hochkarätiger Gastdozenten, darunter die deutsche Geigerin Carolin Widmann, in deren Beitrag es um Janáčeks Streichquartett „Kreuzersonate“ geht.

Tageszeitung: Die Mahler Akademie musste zweimal verschoben werden, ist Ihr Konzertleben bereits wieder aus der Lähmung erwacht?

Carolin Widmann: Es ist in Gang gekommen, allerdings verlangsamt und verkleinert. Ende Mai habe ich in Wien das erste Konzert vor Publikum gespielt, letzte Woche in den USA bei einem Kammermusikfestival und dann in Dänemark, das waren nicht die Sachen, die ursprünglich für diese Zeit geplant waren, da waren eigentlich Solokonzerte mit Orchester angesetzt. Aber die Kammermusik mit ihren kleineren Publikumszahlen ist derzeit logistisch einfacher und es ist für die Orchester auch sehr schwierig, jetzt am Ende der Saison den Betrieb anlaufen zu lassen.

Wie hat sich ihre Arbeit als Professorin verändert oder bereits wieder normalisiert?

Normalerweise hab ich sehr viele Konzerte in der ganzen Welt, dann komme ich nach Hause und unterrichte sofort für die paar Tage, bevor die Tour weitergeht. Das hatte sich total verschoben, plötzlich war das Unterrichten das Einzige, was ich machen konnte. Meine Studenten haben mich sehr viel gesehen, in den letzten zwei, drei Semestern und das hat mir viel Spaß gemacht und war auch gut für mich. Etwas zu haben, wo ich mich hineinstürzen konnte, als die andere Seite meines Berufs wegbrach. Trotzdem glaube ich, dass es für einen Lehrer das Beste ist, aktiv im Musikerleben zu stehen und das, was man auf der Bühne lernt und erlebt nach Hause, zu seinen Studenten zu tragen. Das gilt für die Studenten genauso, die hatten ja auch keine Auftrittsmöglichkeiten mehr und das hat sich sehr auf Psyche und Motivation ausgewirkt, es traten ganz neue Zukunftsängste auf.

Was raten Sie als arrivierte, erfolgreiche Solistin derzeit jungen Menschen, die kurz vor dem Einstieg in die Profilaufbahn stehen?

Es kommt darauf an, wie viel Fähigkeit und Passion jemand mitbringt. Die Fähigen und Passionierten werden es immer schaffen und die haben auch keine Wahl, das geht mir ja genauso, bei manchen von uns geht es halt nicht anders, als Musik zu machen. Wenn man das als Ventil oder Passion hat, dann muss man diesen Weg gehen. Es ist jetzt an uns, diesen Betrieb wieder hochzufahren, auch unter widrigen Bedingungen, die Hauptsache ist jetzt, da zu sein, zu spielen und diese Momente überhaupt wieder zu haben, auch wenn sie erst mal fragil, klein und zart sind.  Ich rate den Studenten also nichts anderes also sonst auch: Wenn man es nicht 130% will und braucht, dann sollte man sich diesen Beruf nicht antun, aber wenn es so ist, dann geht kein Weg daran vorbei.

Aus welcher Richtung nähern Sie sich mit den Akademie Studenten einem Janáček-Streichquartett, das unter dem indirekten Einfluss Beethovens und Tolstois entstanden ist?

Es gibt nicht immer nur eine Seite, von der aus man sich nähert. Natürlich hilft es zu verstehen, dass Janáček aus einer volksmusikalischen Tradition kommt und von der Literatur beeinflusst ist. Aber er war eben auch ein Modernist, mehr noch, er hat so eine radikal andere Sprache gefunden, die so vor ihm und nach ihm keiner verwendet hat, er ist einfach ein Einzelfall in der Musikgeschichte. Weder ein Beethoven noch ein Tolstoi und erst recht kein Smetana, aber die Herangehensweise ist natürlich die, dass wir ein Instrument gelernt haben und notierte Noten vor uns haben. Hier gilt es eine Balance zu finden, weil man etwas Vertrautes und doch total Neues und Einzigartiges vor sich hat. Diese Aufmerksamkeit kann ich aber auch einem ganz bekannten Stück Musik entgegenbringen, ich würde sogar noch weiter gehen: Wenn man die Dinge mit Neugier und Offenheit betrachtet, geht es einem bei jedem Alltagsobjekt so. Jedes Glas, jeder Teller, jeder Gegenstand hat eine Poesie, wenn ich seine Geschichte kenne.

Südtirol ist keine Musikmetropole. Was ist anders in der „Provinz“?

Vielleicht ist der größte Vorteil, dass man nicht so übersättigt ist, die großen Meisterwerke nicht jeden Abend von fünf verschiedenen Ensembles geboten bekommt. Also, vor Corona – jetzt sind wir natürlich alle überall gleich ausgehungert. Man stößt im Idealfall auf eine viel größere Offenheit. Da hab ich schon alles Mögliche erlebt, also dass echtes Randrepertoire in kleineren Städten oder gar Dörfern besser ankam oder viel vorurteilsfreier aufgenommen wurde. Je kleiner ein Ort ist und je mehr da auch die lokale Bevölkerung und nicht ein aus der Metropole angereistes Konzertpublikum anwesend ist, umso mehr Offenheit treffe ich oft an und es wird auch ganz anders diskutiert, auf eine Art, die mir viel sympathischer ist und auf die ich selbst viel lieber über Musik rede – ohne dieses vorgegebene Expertentum und jahrzehntealte Vorwissen.

Zur Person

Im Zentrum der künstlerischen Arbeit der 1976 in München geborenen Violinistin Carolin Widmann steht die zeitgenössische Musik. Die Schwester des Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann ist eine weltweit gefeierte Solistin, neben ihrer aktiven Laufbahn wurde Widmann bereits mit 30 Jahren Professorin für Violine an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig,

Meisterkurse

Öffentliche Meisterkurse der Mahler Akademie
mit Alfred Brendel, Carolin Widmann u.a.
21. – 24.7.2021 Franziskanergymnasium Bozen
Nach Anmeldung kostenfrei zugänglich
www.busoni-mahler.eu/festival

 

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