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Zu spät für Superbonus?

Südtirol gehöre beim 110-Prozent-Superbonus zu den Schlusslichtern, sagt Philipp Gamper. Unter anderem weil die Landespolitik zu träge sei.

Tageszeitung: Herr Gamper, ist Südtirol tatsächlich Schlusslicht bei der energetischen Sanierung mit dem 110-Prozent-Superbonus?

Philipp Gamper (Präsident des Interdisziplinären Ausschusses der technischen Berufskammern und Kollegien): So ziemlich. Wenn man durch das Land fährt, sieht man, dass zwar viel gebaut wird, aber wenige energetische Sanierungen mit dem Superbonus umgesetzt werden. Fakt ist, dass bei uns der Aufwand größer ist als im restlichen Italien. Während letzthin auf staatlicher Ebene Vereinfachungen eingeführt wurden, um Schwung hineinzubringen, sind diese in Südtirol nicht anwendbar, weil wir ein eigenes Raumordnungsgesetz haben, das teilweise im Widerspruch steht. Bis die notwendigen Änderungen gemacht sind, ist der Superbonus vorbei. Die technischen Kammern und Kollegien haben mehrfach diese Schwierigkeiten vorgebracht, aber die zuständigen politischen Entscheidungsträger reagieren zu langsam oder gar nicht, was die Anwendung des Superbonus für den Wohnungseigentümer erschwert. Konkret geht es etwa um die Einführung von Toleranzen im Bauwesen und um Prozeduren zur Erlangung des Baurechtstitels. Während auf nationaler Ebene kleinere Abweichungen des Bestandes kein Bauvergehen darstellen, müssen sie in Südtirol mit Strafzahlungen vorab richtiggestellt werden.

Ist das der Grund, warum Regionen wie Veneto beim Superbonus so weit besser dastehen?

Es ist ein Grund. Bei uns ist es auch so, dass sich die Bauwirtschaft nach dem Lockdown sehr gut erholt hat und der Superbonus für sie deshalb nicht so interessant ist. Die Handwerker haben derzeit die Auftragsbücher voll und sind nicht auf den Superbonus angewiesen. Zudem sind bei uns die Baupreise höher als in anderen Regionen. Das heißt, dass für den Bauherrn am Ende nicht alles gratis ist, wie viele meinen, sondern trotzdem noch Kosten bleiben. Zuletzt gab es zusätzlich noch die extreme Verteuerung von Grundmaterialien wie Holz und Stahl. Man bekommt auf dem Markt für heuer etwa keine Fenster mehr. Grundsätzlich ist jedenfalls zu sagen, dass es schnellere Entscheidungen braucht. Mario Draghi hat Vereinfachungen eingeführt, die es bei uns nicht gibt oder frühestens in einigen Monaten.

Den Superbonus gibt es seit über einem Jahr. Warum waren Wirtschaft und Politik in Südtirol nicht imstande, in dieser langen Zeit die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen?

Es hat viele runde Tische und viele Zusagen gegeben. Meist ist es aber bei reinen Lippenbekenntnissen geblieben. Während etwa auf Staatsebene für den Superbonus eine beeidete Baubeginnsmeldung ausreicht, lautet die Südtiroler Interpretation in den meisten Fällen, dass das wesentlich aufwendigere Verfahren der Baugenehmigung durchlaufen werden muss. Der Superbonus ist ein sehr aufwendiges Gesetz mit vielen Hürden, um Missbrauch zu vermeiden – etwa die Angemessenheitskontrolle der Preise oder die Konformitätskontrolle der Immobilien. Ein weiterer Hemmschuh ist der neu eingeführte digitale Bauakt, der seit einem Jahr Bauämter und technische Büros lahmlegt anstatt Prozeduren und Datenaustausch zu erleichtern.

Der Landtag hat Anfang Juli einen Änderungsantrag von Josef Noggler angenommen, der von der SVP als Beseitigung von Hürden bei der Anwendung der staatlichen Vergünstigungen verkauft wird. Ist das tatsächlich die Lösung oder fehlen noch weitere Vereinfachungen?

Es gibt immer noch Dinge, die man vereinfachen kann. Darunter die Prozeduren und die Einsichtnahmen. Bis alles in die Gänge kommt, vergeht Zeit. Und typisch Italienisch ist der Superbonus bis Ende 2022 begrenzt. Das ist nicht programmierbar, der Druck ist riesig. Wenn man es als 5-Jahres-Programm ausgelegt hätte, wäre es für die Wirtschaft leichter abwickelbar. Jetzt kommen die Preissteigerungen und die Auslastung der Handwerker hinzu, was der Gesetzgeber natürlich nicht wissen konnte. Das System wird nicht so angenommen. Viele glauben, dass alles gratis ist, was de facto nicht der Fall ist. Bei uns sind die Preise grundsätzlich ein bisschen höher, aber die Maximalbeträge sind immer dieselben.

Für welche Immobilien gibt es ein besonders hohes Interesse, den Superbonus zu nutzen?

Die idealen Immobilien sind Kondominien mit einem schlechten energetischen Standard und mehreren Einheiten. Mit zunehmender Anzahl von Einheiten wird zwar der Maximalbetrag pro Einheit kleiner, aber bei Kondominien mit mehreren Einheiten deckt der Gesamtbetrag die gesamten oder zumindest einen Großteil der Ausgaben. Für Häuser mit einer bis zwei Einheiten hingegen ist der Superbonus weniger interessant.

Für einen einzelnen Hausbesitzer ist der Superbonus nicht attraktiv?

Weniger, weil der Aufwand zu groß ist und es andere Steuerförderungssysteme gibt, wo man wesentlich weniger Aufwand hat und schneller zum Ziel kommt. Etwa der Ökobonus mit 65 Prozent oder die Wiedergewinnung mit 50 Prozent.

Mit Stand Mitte März gab es in der Region Trentino-Südtirol erst rund 120 Superbonus-Projekte. Wie hoch schätzen Sie das Potenzial?

Es ist sehr groß – vor allem im urbanen Bereich, wo das Kondominium als Bauform dominiert, während der Superbonus für das klassische Reihenhaus, das eher im ländlichen Bereich zu finden ist, weniger ideal ist. Für die Kondominien im urbanen Bereich ist das Potenzial riesig.

Also hinsichtlich Projektanzahl im Tausender-Bereich?

Ja, vor allem weil genau diese Immobilienkategorie bislang nicht energetisch saniert worden ist. Es gibt seit 20 Jahren Förderungsmaßnahmen, aber gerade Kondominien sind schwierig zu handhaben, weil es viele Entscheidungsträger gibt. Die Vollversammlung muss die energetische Sanierung genehmigen und es sind Kosten zu tragen. Bei den Kondominien aus den letzten Jahrzehnten sind häufig ältere Menschen die Wohnungseigentümer, die vielfach nur die Rente haben und früher nichts abschreiben konnten. Jetzt gibt es mit dem Superbonus das große Zuckerle, dass das Steuerguthaben an eine Bank oder eine Firma weitervergeben werden kann. Im Idealfall muss ein einzelner Wohnungseigentümer gar nichts mehr aus der eigenen Tasche bezahlen.

Läuft nun die Zeit für den Superbonus davon?

Ja, eindeutig! Die Firmen sind derzeit sehr gut ausgelastet und haben kein so großes Interesse am Superbonus, die Baumaterialien haben sich verteuert – und man muss die Arbeiten bis 30. Juni bzw. 31. Dezember 2022 abgeschlossen haben. Im nächsten Jahr kommt also irgendwann der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr garantieren kann, dass man die Arbeiten bis zum Endtermin abschließt. Dieses Risiko kann keiner übernehmen. Der Superbonus ist eine sinnvolle und weitsichtige Maßnahme, mit der man nach der Pandemie die Wirtschaft antreiben wollte. Nur muss man programmieren können. Wenn es ein 5-Jahres-Programm wäre, könnten sich die Kondominiumsverwalter und Techniker in Ruhe vorbereiten und alles besser abwickeln.

Interview: Heinrich Schwarz

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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