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Der Schatz von Neustift

Ein chinesisches Kabinett aus dem 18. Jahrhundert wurde im Kloster Neustift entdeckt. Es war lange Zeit übermalt.

Eine kunsthistorisch sehr bedeutende Entdeckung wurde im Frühjahr 2021 im Bibliothekstrakt des Klosters gemacht. In dem Raum, der einst wohl als repräsentativer Vorraum des Bibliothekssaals diente, wurde eine bis dahin unbekannte Wandmalereiausstattung von ca. 1775/80 entdeckt – ein chinesisches Kabinett. Die Wandmalereien sind ein faszinierendes Zeugnis der für die europäische Kultur des Rokoko charakteristischen China-Begeisterung.

Prälat Eduard Fischnaller, Stiftsverwalter Fabian Schenk, Landesrätin Maria Hochgruber Kuenzer, Landeskonservatorin Karin Dalla Torre und Museumskurator Hanns-Paul Ties stellten bei einer Presskonferenz (17.05.2021) die sensationelle Entdeckung im Kloster Neustift vor.

„Es ist für das Augustiner Chorherrenstift eine Besonderheit, wenn plötzlich Dinge ans Tageslicht kommen, von deren Bedeutung wir bis dato nichts wussten. Prälat Leopold I. von Zanna zu Königstein hat uns nicht nur einen der schönsten Profanräume des 18. Jahrhundert, den Bibliothekssaal, sondern auch diesen großartigen Vorraum vermacht, der wohl als repräsentativer Empfangs- und Festraum diente“, freute sich Prälat Eduard Fischnaller. Der Stiftsverwalter Fabian Schenk betonte, dass die Neuentdeckung ein weiterer Nachweis für die kulturhistorischeBedeutung des Stiftes ist. „Das chinesische Kabinett wird eine weitere besondere Attraktion für das Stiftsmuseums sein, das am 20. Mai wieder die Tore öffnen wird“, ist der Stiftsverwalter überzeugt.

Die Landesrätin Maria Hochgruber Kuenzer bewunderte den Mut, im 18. Jahrhundert die ferne, heidnische Welt Chinas ins Kloster zu holen. Sie dankte dem Stift für die denkmalpflegerische Sensibilität und freute sich über die besondere Entdeckung für Südtirol. „Diese unerwartete Schönheit berührt Körper, Geist und Seele. Wie oft im Leben, findet man die wertvollsten Dinge, wenn man den Mut hat, tiefer zu graben. Wir tragen die Verantwortung, Kunstwerke nicht nur zu bewahren, sondern sie auch künftigen Generationen zu erklären, damit sie weiterhin Körper und Geist berühren“ betonte die Landesrätin bei der Vorstellung.

Die Landeskonservatorin Karin Dalla Torre unterstrich, dass es sich bei den Wandmalereien um einen seltenen Schatz handelt. Es gibt nicht viele profane Wandmalereien der Rokoko-Zeit in Südtirol. „Diese vollständig erhaltene Raumausstattung mit chinesischen Motiven ist ein überraschender und  bedeutender Fund von Wandmalereien aus dem späten 18. Jahrhundert in Südtirol, der in  seiner filigranen Schönheit und Leichtigkeit ein Geschenk für alle Menschen sein wird, die das Museum im Kloster Neustift besuchen“, so die Landekonservatorin, die sich auch über die ersten kunsthistorischen Forschungsergebnisse des Museumskurators   freute.

Museumskurator Hanns-Paul Ties erläuterte, dass es sich bei den neu entdeckten Wandmalereien um ein faszinierendes Zeugnis der für die europäische Kultur des Barock und Rokoko charakteristischen Asien- und China-Begeisterung handelt, die in zahlreichen weltlichen, aber auch geistlichen Residenzen derartige „chinoise“ Raumausstattungen entstehen ließ.

„Die Wandmalereien in Neustift zeigen chinesische Alltagsszenen, von denen jene an der Ost- und Westwand die vier Elemente Erde, Luft, Feuer und Wasser symbolisieren. Dazu kommen Medaillons mit exotischen Vögeln“, erklärte Ties bei der Vorstellung und wies darauf hin, dass sich die unmittelbaren Vorbilder dieser Raumausmalung in der Innsbrucker Hofkunst Maria Theresias finden. Als Mitglied des Tiroler Landtags hielt sich der Neustifter Prälat Zanna immer wieder in Innsbruck auf. Es ist folglich zu vermuten, dass Zanna die dort vorhandenen „chinoisen“ Raumausstattungen kannte und dass er den zuvor in der Innsbrucker Hofburg tätigen, namentlich nicht bekannten Maler  Maler für einen analogen Auftrag nach Neustift holte.

Im Jahr 2020 waren bei der Befundung eines Nebenraums des Neustifter Bibliothekssaals Spuren von Wandmalereien aus der Zeit des Rokoko entdeckt worden. In Absprache mit dem Landesdenkmalamt entschloss man sich Anfang 2021, bei dem Restaurator Hubert Mayr die Freilegung und Restaurierung der Malereien in Auftrag zu geben. Die Freilegung dauerte von Januar bis Ende April, die Restaurierung soll innerhalb Juli abgeschlossen werden.

Das Museum öffnet am 20. Mai die Tore.

Das chinesische Kabinett kann beim Museumsbesuch mit oder ohne Führung besichtigt werden.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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