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Granatapfel

Ivo Rossi Sief: „Die Wahrheit ist nicht Literatur!“

Die Autobiographie ist so etwas wie „ein Schlamm, in dem man zurückschwimmen muss“: Der Künstler Ivo Rossi Sief hat einen „Werdungsroman“ geschrieben.

 Von Helmuth Schönauer

Der Bildungsroman gilt als ausgesprochen optimistisches Genre, er zeigt nämlich Helden, die sich um die Verbesserung ihrer Lage durch Bildung bemühen und zumindest eines schaffen, sie können darüber einen Roman schreiben.
Ivo Rossi Sief (1949 in Innichen geboren, lebt in Rinn) wählt den Ausdruck „Werdungsroman“, um einen Suchvorgang zu beschreiben, der quer durch Zeit, Geographie, Bewusstsein und die Künste streift, um als Treffer den „Granatapfel“auszuspucken. Der Granatapfel gilt als biblisch-archaische Frucht, die beim Anbau und Verzehr viel Sorgfalt braucht, um sie nicht zu verletzen, immerhin weist sie die Konsistenz eines kleinen Gehirns auf. Auch die rote Färbung hat es dem Autor angetan, kann er doch damit seine Schwierigkeiten mit dem Namen zeigen. Dem urkundlich vermerkten Rossi ist später der alte Sippschaftsname Sief aus dem Alpental hinzugekommen. Jetzt passt der Name zwar für den Autor, macht aber Bibliothekare und Lexikon-Bearbeiter unsicher, weil sie nicht wissen, wie sie ihn suchen oder ablegen sollen.
Ivo Rossi Sief entwickelt eine minimale Rahmenhandlung, wonach ein kursives Ich gereift in seinem Körper sitzt und an Schriften arbeitet, die das Leben eines gewissen Reinhard darstellen. Am Schluss sitzt das Ich erschöpft und verunsichert vor dem Roman und zieht ein weites Resümee: „Ich fühle mich noch wie auf offenem Meer – auf hoher See.“ (193)
In einem Protokoll-Ton, der Innen- und Außensicht zu vereinen sucht, wird von einem Helden berichtet, der schon früh aus der ihm zugedachten Unauffälligkeit ausbricht, indem er sich nicht ins Gewöhnliche fügt. Das beginnt mit jener Kränkung, die entsteht, wenn im Dorf der Einfältigen der eigene Name herausragt durch Kürze und Eleganz. Schon von Kindesbeinen an weiß man nicht recht, was man mit Reinhard machen soll, und steckt ihn in das nächstbeste Heim in der Gegend. An Kleinigkeiten zeigt sich dabei die Zerrissenheit des Knaben, der hellhörig der Sprache und ihrer Bedeutung lauscht. „Bachpromenade“(26) ist so ein sprachlicher Hybrid, der das wilde Gewässer des Dorfes mit den Spaziergängen einer Kurstadt in Verbindung bringen soll.
Reinhard tastet sich vor, übt eine Zeitlang als Sänger, macht etwas Technisches an der Schule, lässt sich von Venedig aufwecken und in die Künste einführen, ehe er ausgerechnet im abgestumpften Innsbruck Psychologie studiert in der fatalen Hoffnung, dass die was wissen von der Seele.
Nicht einmal die simpelsten Fragen können beantwortet werden, in Innsbruck sind nämlich um diese Zeit die Psychologen noch auf der Suche nach dem Ich-Organ. (62) Dabei dreht sich alles um dieses eine: „Was tue ich auf der Welt eigentlich?“ (55)
Der nächste Schritt zwingt Reinhard förmlich nach Wien zu gehen. Hier kriegt er es erst einmal mit dem Archivsyndrom zu tun, „er fühlt sich mit einer Bibliothek beladen“. (79) Aber Wien liefert auch jene Nuance, die man als Blues oder blaue Stunde zelebrieren kann. Zwar wird er wegen seine Doppelsprachigkeit immer noch argwöhnisch beäugt, aber in der Meisterklasse der Bildenden Künste tun sich in der Theorie neue Welten auf, während in der Praxis alles davon handelt, wie man Bilder verkauft, Circles besticht und ein Netzwerk aus Filz über seine Werke legt. „Die Wahrheit ist nicht Literatur!“ (141) Für den Künstler wird es abermals Zeit, die Zelte abzubrechen.
Wie bei so vielen Suchenden auf dieser Welt, ist auch bei Reinhard das Ergebnis verblüffend einfach. Wenn du zur Ruhe kommen willst, dann musst du in dir selbst einen Platz dafür suchen. Und dazu musst du zurück an den Ort des Aufruhrs, zu deinen Wurzeln, in die Heimat, die dir als Kind keine Hand reichen konnte.
Tatsächlich wird erst eine Ausstellung zu Hause für diesen Frieden sorgen. Ein Freund erklärt bei einer Ausstellung das Wesen des Helden anhand seiner Werke. Reinhard ist selbst am meisten darüber erstaunt, wie hellsichtig die Welt sein kann, wenn man sie mit gutem Willen ausleuchtet. Und dann fängt wie so oft im Leben der Körper zu spinnen an, Reinhard wird am Hals operiert und entwickelt sich in der Rehabilitation zu jenem Menschen, den er wahrscheinlich ein Leben lang gesucht hat. Die ganze Biographie kommt ihm wie eine einzige Schrift vor. Das Aufgeschriebene ist plötzlich klar wie ein Roman, sodass der Held um Aufnahme in die IG Autoren bittet.
Ivo Rossi Sief hält mit seinem „Werdungsroman“ Abstand zu seinem Helden, der ihm beim Schreiben immer wieder recht nahe kommt. Die Autobiographie ist so etwas wie „ein Schlamm, in dem man zurückschwimmen muss“. Ein kleine kleine Sammlung mit offenen Bildern und Parabeln schließt diese Suche ab. „Wann verschwindet die Störung, wann beginnt ein Wohlbefinden?“ (191)

Ivo Rossi Sief: Granatapfel. Ein Werdungsroman. Bozen: Retina  2021. 193 Seiten. EUR 19,90.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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