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„Jetzt wird mehr geimpft“

Bernd Gänsbacher

Vergangene Woche wurde der Impfstoff  von AstraZeneca in der EU zugelassen. Was der Immunologe Bernd Gänsbacher davon hält.

Tageszeitung: Herr Professor, der AstraZeneca-Impfstoff wurde jetzt zugelassen. Derzeit gibt es aber viele Diskussionen darüber, für welche Altersklassen dieser zugelassen wird…

Bernd Gänsbacher: Die in Deutschland zuständige Impfkommission STIKO hat empfohlen, nur Menschen unter 65 Jahren zu impfen. Denn in der AstraZeneca-Studie wurden relativ wenige Menschen über 65 Jahren mit einbezogen. Im Gegensatz zur deutschen Impfkommission hat die europäische Kommission EMA den Impfstoff für alle Altersklassen zugelassen. Dort entscheiden nämlich die EU-Staaten zusammen und nicht nur einer, deshalb kommt es oft zu einem Kompromiss. Die nationalen Behörden können aber eigene Entscheidungen treffen. So hat die italienische Impfkommission AIFA zunächst die Impfung für unter 55-jährige empfohlen, nach einigen Tagen diese Entscheidung aber korrigiert und für alle Altersklassen zugelassen.

Werden mit der Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffes jetzt endlich auch breite Massen geimpft?

Je mehr Impfstoffe auf dem Markt sind, umso besser. AstraZeneca ist ein guter Impfstoff, der ebenso wie die anderen vor schweren Verläufen schützt. AstraZeneca kann relativ einfach produziert werden und hat den großen Vorteil, dass er bei Kühlschranktemperatur gelagert werden kann. Das heißt, es wird jetzt auf alle Fälle mehr geimpft, weil ein dritter Impfstoff auf dem Markt ist. Die Frage ist, wie erfolgreich die EU beim Ankauf der Dosen war. Bisher steht sie im Vergleich zu anderen Ländern eher schlecht da. Israel hat beispielsweise bereits 60 Prozent der Bevölkerung geimpft, auch die Briten haben bereits zehn Millionen Bürger geimpft.

Halten Sie es für möglich, dass bis Herbst ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist?

Ich bin kein Wahrsager, ich weiß aber, dass es zwei zusätzliche Firmen, die hervorragende Daten in den klinischen Studien haben in einigen Monaten zugelassen werden. Dann gibt es fünf bis sieben Hersteller, sodass die Impfstoff-Produktion keine große Herausforderung mehr darstellt.

Ein anderer Impfstoff, der für Aufsehen sorgt, ist der russische Sputnik-V-Impfstoff. Dieser zeigt offenbar eine hohe Wirksamkeit…

Ja, das stimmt. Dieser Impfstoff ist dem AstraZenica und dem Johnson & Johnson Impfstoff sehr ähnlich. Es sind Vektorimpfstoffe, die unterschiedliche Bausteine von Adenoviren und der Corona Spike DNA enthalten.  Sie haben ihre Ergebnisse in einem englischen Top Journal publiziert und die Daten sind mit einem Impfschutz von 91 Prozent beeindruckend. Sie haben im Januar 2021 eine zweite klinische Studie gestartet, um zu evaluieren, ob eine Einmal Impfung auch genügend Impfschutz gibt. Dieser Impfstoff ist bereits an 2 Millionen Menschen verimpft worden. In der Zwischenzeit hat er in 17 Ländern eine Notfallzulassung bekommen. Für die Zulassung in der EU müssen die Unterlagen von der europäischen Zulassungsbehörde EMA evaluiert werden. Bisher haben die Russen noch nicht um eine europäische Zulassung angesucht. Ungarn hat diesen Impfstoff im Alleingang eine nationale Zulassung gegeben.

Könnte der Impfstoff auch in der EU zugelassen werden?

Um eine EMA-Zulassung zu erhalten, muss das Gamaleya Research Institut aus Moskau seine Unterlagen bei der EMA einreichen. Ob bei der Produktion dieselben Kriterien und Parameter eingehalten worden sind, wie das bei den europäischen Impfstoffen von der EMA gefordert wird, muss untersucht werden. Die EMA Vorgaben sind sehr streng, es ist also nicht sicher, ob sie auch durchkommen. Es geht nicht nur darum, ob der Impfstoff wirksam ist, sondern es wird auch auf Details, wie Reinheit, Qualität, Reproduzierbarkeit der präklinischen und klinischen Daten geschaut. Jeder Schritt wird genauestens geprüft.

Interview: Markus Rufin

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