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Die mit der Klarinette

Andrea Götsch(Foto: Siwoung Song)

Für die 26-jährige Meraner Klarinettistin Andrea Götsch ist ein Traum wahr geworden. Sie hat die Probezeit bestanden und ist jetzt fixes Mitglied der Wiener Philharmoniker. Wie hat sie den Sprung in das weltberühmte Orchester geschafft?

Tageszeitung: Frau Götsch, Gratulation zu Ihrer Aufnahme bei den Wiener Philharmonikern. Schweben Sie momentan auf Wolke 7?

Andrea Götsch:  Herzlichen Dank! Ja, ich bin unendlich glücklich und dankbar! Dass ich nun nach meiner Probezeit einstimmig bestätig wurde, gibt mir das Gefühl, dass meine Liebe zu diesem Orchester sozusagen auf Gegenseitigkeit beruht! Ich freue mich auf viele weitere erlebnisreiche Jahre voller fesselnder Konzerte gemeinsam mit meinen wunderbaren Kollegen.

Die Wiener sind mit den Berliner Philharmonikern das berühmteste Orchester der Welt. Höher hinauf geht es für eine Orchestermusikerin nicht mehr. Wie haben Sie das geschafft?

Mein Weg war lang und oft nicht einfach, aber voller schöner, lehrreicher und intensiver Erlebnisse. Mit 8 Jahren habe ich mit dem Klarinettenspielen begonnen; es ist spannend daran zurückzudenken, wie schon damals jeder einzelne Wettbewerb und jedes einzelne Konzert besonders war, eine intensive Vorbereitung brauchte und mir Freude und Kraft schenkte. Im Nachhinein sind ein paar Stationen aus meinem Leben schnell aufgezählt, aber man darf nicht vergessen, wie groß die Herausforderung in der jeweiligen Situation war und wie beflügelnd es sich immer wieder angefühlt hat, einen weiteren Sprung nach oben geschafft zu haben. Die Studien jeweils von der Aufnahmeprüfung bis zum Abschluss, der Umstieg vom französischen Klarinettensystem auf die Wiener Klarinette, verschiedenste Orchestererfahrungen von Jugendorchestern über erste Substitutendienste in renommierten Orchestern, meine Akademiestelle bei den Nürnberger Symphoniker und dann die erste feste Stelle im Orchester der Bühne Baden, Meisterkurse, Probespiele, Kammermusikformationen, Prüfungen, Auftritte usw., jede einzelne Begegnung und Erfahrung hat wohl dazu beigetragen, mich dahin zu bringen, wo ich heute bin und so bin ich vor allem jenen Menschen sehr dankbar, die mich auf diesem Weg begleitet und geprägt haben.

Was muss frau außer Können und Virtuosität mitbringen, um beim traditionsreichsten Orchester der Welt unterzukommen?

Neben den instrumentaltechnischen Voraussetzungen spielen meiner Meinung nach Klang, Ausdruck, Musikalität, Zusammenspiel und Intonation eine große Rolle, aber auch ein natürliches Musikverständnis und Konzentrationsausdauer sowie ein positiver Umgang mit Lampenfieber. Ich denke eine äußerst wichtige Eigenschaft ist die Sensibilität, ja ein gut ausgeprägtes Gespür, sich in den Orchesterklang zu integrieren, aufeinander zu hören.

Nach den Philharmonikern kann nur noch eine Solokarriere kommen. Denken Sie daran?

Ich spiele sehr gerne ab und zu Solokonzerte oder liebe auch die Kammermusik, mein Schwerpunkt wird aber im Orchester bleiben.

Wer zu den Philharmonikern will, muss ein Probespiel bestehen. Das findet mit Nummern und hinter einem Paravent statt. Warum nach diesem Modus?

Dieser Modus hat sich in der Orchesterwelt großteils durchgesetzt, da es schlichtweg der gerechteste zu sein scheint. Der Vorhang verhindert, dass die Kandidaten gesehen werden, so kann die Jury sich bloß auf die Musik konzentrieren und wird nicht durch andere Faktoren beeinflusst. Es ist allerdings üblich, dass mindestens ein Durchgang mit den bis zum Schluss übriggebliebenen Kandidaten des Probespiels ohne Vorhang stattfindet, so war es auch bei mir in der vierten und letzten Runde. Auch wenn es in erster Linie ums Vorspielen geht, wäre es wohl doch seltsam, einen Menschen zu engagieren, ohne ihm vorher einmal in die Augen geblickt zu haben…

Ihre Orchesterkollegen haben Sie nach der Probezeit einstimmig bestätigt. Wie läuft so eine Probezeit ab?

Die Probezeit läuft im Grunde nicht anders ab, als der „normale Arbeitsalltag“. Von Anfang an spielt man wie ein vollwertiges Mitglied des Orchesters, ist aber natürlich unter Beobachtung – die Kollegen lernen dich kennen und bilden sich eine Meinung darüber, ob sie dich behalten wollen. Man muss sein Können also immer wieder unter Beweis stellen, die Orchestermitglieder davon überzeugen ins Orchester zu passen, ja die richtige Wahl zu sein. In der Regel findet dann nach 1-2 Jahren die Abstimmung statt, zu der erneut eine großköpfige Jury wie beim Probespiel zusammenkommt.

Sie haben als erste Frau überhaupt den Sprung in das Klarinettenregister geschafft. Ist die Klarinette eine Männerdomäne?

Ich bin stolz darauf, es als erste Frau in die Klarinettengruppe dieses Orchesters geschafft zu haben, würde mich aber natürlich auch auf weitere weibliche Zugänge freuen! Die Klarinette ist ganz sicher keine Männerdomäne, aber gerade die Wiener Philharmoniker nehmen ja erst seit relativ kurzer Zeit (soweit ich weiß seit 1997) überhaupt Frauen in ihren Reihen auf, daher ist der Frauenanteil in unserem Orchester generell noch sehr gering.

Der Frauenanteil bei den Wienern ist mit 6 Prozent im Vergleich zu anderen Orchestern noch immer sehr gering. Wie setzt frau sich einem „Männerverein“ mit 150jähriger Tradition durch?

Ich muss sagen, dass ich mich unter Männern schon immer, ja auch schon in der Fußballmannschaft, wohl gefühlt habe. 😉Natürlich braucht der Beruf als OrchestermusikerIn viel Energie, gerade unser Orchester arbeitet wohl so viel wie kein anderes, da wir sowohl als Orchester der Wiener Staatsoper als auch als Wiener Philharmoniker tätig sind.  Aber es geht nur um die Leistung und den Menschen – nicht ums Geschlecht. Wir Frauen dürfen uns nur nicht unterkriegen lassen und müssen an uns glauben. Außerdem hatte ich eigentlich nie das Gefühl mich „durchsetzen zu müssen“, meine Kollegen haben mich von Anfang an voll unterstützt und mir das Gefühl gegeben, ich kann ganz einfach ganz ich selbst sein.

An Klangdelikatesse sind die Wiener nicht zu überbieten. Wie aufgeregt waren Sie bei Ihren ersten Einsätzen?

Ich weiß noch, wie ich anfangs sogar bei Proben höchst aufgeregt war, geschweige denn bei den großen Konzerten. Ich konnte es einfach überhaupt nicht fassen, in diesem fantastischen Orchester spielen zu dürfen. Gleich im zweiten Monat nach Anstellungsbeginn hatte ich große Soli auf der Es-Klarinette zu spielen, ich kann mich noch gut daran erinnern, wie schnell und laut mein Herz gepocht hat! Ich habe mich aber schon vorher, in Vorbereitung aufs Probespiel, intensiv mit dem Thema Lampenfieber auseinandergesetzt und schaffe – zumindest meistens –  solche Auftrittssituationen als etwas durchaus Positives zu sehen, das sind ja schließlich besondere und unvergessliche Momente und es ist total spannend was in unserem Körper da so abläuft! Das ist Leben! 😉

Wie schaut ein Tag im Leben einer Klarinettistin, neben viel Üben natürlich, bei den Philharmonikern aus?

Wir haben so viele Konzerte und Vorstellungen, daneben noch Proben, allzu viel Zeit zum Üben bleibt oft gar nicht mehr. Als Vorbereitung hör ich mir auch oft Aufnahmen der Stücke oder Opern durch und schaue mir die Partitur an. Als Ausgleich versuche ich viel Sport zu betreiben: Fußball, Radfahren, Tennis, Wandern… Das macht mir unglaublich viel Spaß und trägt bedeutend zu meiner Energie und meinem Wohlbefinden bei. Wir haben auch im Orchester eine Fußballmannschaft und ein Rennradteam.

Die Philharmoniker bespielen auch die Staatsoper. Wie oft sind Sie da im Einsatz?

In der Wiener Staatsoper sind wir fest angestellt, wir spielen dort fast jeden Tag. Sogar wenn wir mit den Wiener Philharmonikern auf Reisen sind, bleibt ein Teil des Orchesters in Wien, um den täglichen Opernbetrieb aufrecht zu erhalten. Oft werden dann zusätzliche Musiker aus unserem Bühnenorchester oder andere Substituten gebraucht.

International haben die Wiener Philharmoniker ihren unvergleichlichen Ruf durch die Neujahrskonzerte erworben, die jährlich von Millionen Menschen weltweit verfolgt werden. Sind Sie schon aufgeregt?

Ich freu mich schon riesig darauf! Auch wenn es diesmal aufgrund der Coronasituation möglicherweise in einer besonderen Form stattfindet…ein unvergessliches Erlebnis wird es auf jeden Fall sein!

Wie ist Ihr Verhältnis zu Dirigenten, die mitunter sehr eigen sein können? Welchen Charakter bevorzugen Sie?

Ich finde es total spannend, die „großen“ Dirigenten kennen zu lernen und unter ihnen musizieren zu dürfen. Tatsächlich sind sie mitunter sehr eigen, ich denke man könnte mit jedem Orchestermusiker stundenlang über Dirigenten plaudern und philosophieren… Ich dachte immer, ein Dirigent sollte möglichst nett im Charakter und klar im Dirigieren sein, mittlerweile habe ich aber so besondere Konzerte erlebt, dass ich mir denke: Egal wie verrückt, arrogant, unklar oder unfreundlich ein Dirigent ist, wenn er es schafft, dass das Orchester besonders klingt, er im Konzert eine unglaubliche Spannung aufbaut, die das Publikum und uns alle am Podium fesselt, ja uns dazu bringt, wirklich alles zu geben und er der Musik einen Sinn, ja eine derartige Tiefgründigkeit gibt, dass alle möglichen Emotionen in mir hoch kommen, dass das Publikum diesen herrlichen Moment der spannungsgeladenen Stille vor dem Applaus lange und intensiv auskostet und ich nachher vollkommen fassungslos da sitz, mir völlig unklar darüber bin, was hier alles gerade passiert ist, einfach weil ich es nicht einzustufen verstehe, ja es sich jenseits von allem Normalen abgespielt hat – dann bevorzuge ich genau diesen Dirigenten.

Gelernt haben Sie bei den Algundern, bei Kapellmeister Christian Laimer, der zugleich Ihr erster Klarinettenlehrer war.  Wollten Sie immer schon Berufsmusikerin werden?

Durch Christian habe ich von Anfang an einen wunderbaren Zugang zur Musik gefunden, er war für mich stets musikalisch und auch menschlich ein großes Vorbild und er ist heute noch für mich da, ich bin ihm für seine Unterstützung unendlich dankbar. Die Musik war schon immer ein ganz besonderer Teil meines Lebens, sie hat mir viel Kraft gegeben. Konkrete berufliche Ziele hatte ich eigentlich nicht, ich merkte aber bald, dass ich nicht ganz untalentiert war und entschloss mich dann es zu versuchen, ja war bestrebt, an mir zu arbeiten und voller Leidenschaft den Weg zu gehen, ohne zu wissen wo er mich hinführt. Die Wiener Philharmoniker waren anfangs wohl eher ein Traum als ein Ziel, an den ich kaum zu denken wagte.

Die Klarinette ist ein quirliges Instrument, aber auch ein sanftes.  Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Eine Freundin hat mich damals vor mittlerweile bald 20 Jahren gefragt, ob wir gemeinsam Klarinette spielen lernen. Ich wusste noch gar nicht so richtig was das für ein Instrument sei, aber da meine Mutter selbst mal Klarinette gespielt hat, konnte sie mir es mir gleich zeigen. Ich habe mich sehr schnell verliebt, einfach weil es so viel Spaß machte darauf zu spielen und es eben wirklich ein solch vielfältiges Instrument ist wie kaum ein anderes. Die Klarinette kann von der Volksmusik über Klassik und Filmmusik bis zum Jazz in wohl jeder Musikrichtung eingesetzt werden, die Virtuosität über einen sehr weiten Tonumfang beeindruckt immer wieder, aber was mir wohl am allerbesten gefällt, ist ihr warmer, inniger Klang.

Welche Vorbilder hat eine Klarinettistin?

Ich sehe meine Orchesterkollegen als Vorbilder, meine Professoren und Mentoren, aber auch viele weitere Musiker, Freunde und Bekannte. Ich denke, dass man in fast jedem Menschen etwas finden kann, das beeindruckt und einem die Gelegenheit gibt etwas daraus zu lernen. Schlussendlich ist es in meinen Augen aber wichtig, den eigenen Weg zu finden, ich will nicht versuchen wer anderer zu sein, sondern ganz einfach ich selbst.

Von Mozart bis Gershwin haben fast alle großen Komponisten für die Klarinette komponiert. Wer ist Ihr Lieblingskomponist?

Die Frage ist für mich nicht so leicht zu beantworten…im Moment ist es die Musik von Mahler, R. Strauss und Tschaikowsky, die mich intensiv berührt, aber ich liebe auch viele andere Komponisten, Gott sei Dank gibt es so viele wunderbare Werke…

Auch in der Volksmusik, im Jazz und im Klezmer hat die Klarinette eine gewichtige Rolle. Haben Sie auch eine Affinität zu diesen Musikstilen oder sind Sie eine exklusive Klassikerin?

Ich bin generell offen für jede Art von Musik, freu mich auch immer wieder in neue Stile einzutauchen.

Wien wird ab nun Ihr Lebensmittelpunkt. Wie gefällt Ihnen das Leben in der walzerseligen Donaumetropole?

Ich mag Wien ausgesprochen gern, es ist eine wunderbare Musikmetropole mit einem riesengroßen Kulturangebot, verfügt über schöne Grünflächen und ja, eigentlich alles, was man sich wünschen kann…fast alles…natürlich vermisse ich das mediterrane Klima, die Berge und den italienischen Kaffee…

Im Jänner werden Sie beim Kulturverein Brixen Musik mit dem Amarida Quarett und Andreas Reifer am Horn in einer kammermusikalischen Formation zu erleben sein. Wird man Sie auch wieder einmal bei den Algundern hören?

Auf jeden Fall! Es ist nur leider mit meinem Dienstplan oft schwer zu vereinbaren, mehrere Tage frei zu bekommen und Südtirol ist ja leider nicht so schnell erreichbar von Wien… Aber ich freue mich jetzt schon drauf, wenn es wieder mal klappt mit den Algundern unter Christian Laimer zu spielen, vielleicht ja schon beim Dreikönigskonzert am 6. Jänner, wenige Tage nach dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker…

Letzte Frage: Wie ist es Ihnen während der Corona-Pandemie gegangen?

Es ist mir eigentlich sehr gut gegangen, ich war froh meine feste Anstellung zu haben und dadurch nicht in finanzielle Schwierigkeiten gekommen zu sein. Es war das erste Mal seit langer Zeit für mich, dass ich mal in Ruhe durchatmen und mich vom Stress der Probezeit ein wenig erholen konnte, auch wenn sich durch den Lock-Down mein Abstimmungstermin etwas nach hinten verschob. Wir mussten damals im März unsere Europakonzertreise (waren gerade in Deutschland) unterbrechen und das Orchesterspielen ging mir am ersten Tag schon ab. Dass strenge Maßnahmen in der Art wie wir sie hatten so krass von einen Moment auf den nächsten eingefordert werden konnten und auch so lange anhielten, hat mich erschüttert, nie hätte ich gedacht, dass wir uns von einem Virus so einschränken lassen (müssen)… Unser Orchester hat immer dafür gekämpft auftreten zu können, so haben wir z.B. im Mai einen Aerosol Test gemacht, im Juni auch nur für 100 Leute musiziert, bei den Salzburger Festspielen großbesetzte Opern und Konzerte gespielt und momentan ist auch geplant, dass wir unsere Japanreise im November durchführen. Ich bin glücklich und stolz, dass wir uns nicht so leicht unterkriegen lassen, sondern nach Lösungen suchen und mit unseren Erfolgen vielleicht auch anderen Mut geben.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • heiterbiswolkig

    Schön für die junge Dame. Schade dass ganz vielen Kindern jetzt das Weiterkommen in verschiedensten Bereichen verwährt wird und sie solche Ziele nicht erreichen werden können. Generation Corona werden sie später dann wohl genannt werden.

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