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„Keine rosigen Zeiten“

AFI-Direktor Stefan Perini hält es für einen Widerspruch, dass die Betriebe einerseits die Lehre aufwerten wollen und andererseits bei den Lehrlingslöhnen knausern.

von Heinrich Schwarz

Stefan Perini fragt sich: „War es wirklich notwendig, die Lehrlingslöhne zu senken? Für einen Betrieb, der Interesse hat, in eine Fachkraft für die Zukunft zu investieren, sollte es an 100 Euro mehr oder weniger für den Lehrling nicht scheitern.“

Der Direktor des Arbeitsförderungsinstitutes (AFI) war einer der größten Kritiker, als vor einigen Jahren die Lehrlingslöhne in den Bereichen Handwerk, Handel und Dienstleistungen drastisch gekürzt wurden. Die TAGESZEITUNG veröffentlichte gestern die aktuellen Lehrlingslöhne in Südtirol (siehe https://www.tageszeitung.it/2020/10/04/bescheidene-loehne/). Sie sind in den letzten Jahren bis auf wenige Ausnahmen relativ gleich (niedrig) geblieben.

Ein Lehrling im Bereich Metallhandwerk etwa erhält ein Einstiegsgehalt von 529 Euro brutto pro Monat und im vierten Lehrjahr bei einem guten Notenschnitt 1.210 Euro. Ein Friseurlehrling muss sich im ersten Jahr mit 423 Euro zufriedengeben, im letzten Jahr sind es auch nur knapp weniger als 1.000 Euro im Falle von guten Noten. Vergleichsweise viel verdienen Lehrlinge im Gastgewerbe mit fast 900 Euro im ersten Jahr und 1.461 Euro im vierten.

Hat die duale Ausbildung durch die Lohnkürzungen an Attraktivität verloren? „Die Lehrlingszahlen sind tendenziell rückläufig, wobei es im letzten Jahr wieder einen leichten Anstieg gab“, sagt Stefan Perini.

In der Debatte um die Lehrlinge gehe es um die Frage, ob es zu wenige Jugendliche gibt, die in die Lehre gehen wollen, weil dieser berufliche Weg zu wenig attraktiv ist – oder ob es zu wenige ausbildende Betriebe gibt, weil die gesetzlichen Auflagen zu hoch sind.

„Die Wahrheit wird in der Mitte liegen – also eine Kombination beider Faktoren“, meint Perini.

Durch Corona hätten sich nun die Rahmenbedingungen geändert: „Positiv ist, dass es mit großen Mühen gelungen ist, ein halbwegs normales Schuljahr zu garantieren. Andererseits haben die Unternehmen in diesem Krisenmoment ganz andere Probleme haben und könnten den Weitblick verlieren, jetzt Arbeitskräfte für die Zukunft auszubilden. Es besteht das Risiko, dass vielfach keine Lehrstellen angeboten werden“, erklärt Stefan Perini. Insbesondere im Gastgewerbe und im Handel könne das der Fall sein.

„Für Jugendliche“, so der AFI-Direktor, „sind momentan nicht unbedingt rosige Zeiten. Zu Jahresbeginn war noch der Fachkräftemangel ein Thema und Jugendliche wurden händeringend abgeworben. Jetzt werden sie sich schwerer tun, einen Arbeitsplatz zu finden, wobei Südtirol noch verhältnismäßig gut dasteht.“

Generell sind die Lehrlingslöhne für Perini jedenfalls zu niedrig: „Ziel der Wirtschaftsverbände war es, die Lehre attraktiver zu machen und mehr Jugendliche für die duale Lehre zu begeistern. Doch während die öffentliche Hand sehr viel Geld investiert, um dieses Modell zu stärken – ich denke etwa an Berufsmatura, Aktionen wie World Skills, Lehrlingsprämie für Betriebe und Weiterbildungskurse an Schulen –, knausern die Betriebe beim Lohn.“

Stefan Perini betont: „Wenn man etwas wertschätzen und aufwerten will, dann äußert sich das in einer finanziellen Vergütung. Es ist ein Widerspruch, wenn man auf der einen Seite die Lehre aufwerten will und auf der anderen Seite die Einstiegslöhne erheblich nach unten korrigiert.“

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