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Verschwindende Antikörper

(Foto: LPA/freepik)

Forscher waren sich bisher weitgehend sicher, dass einmal mit Corona Infizierte zumindest für einige Zeit immun sind. Doch Studien zeigen nun, dass schützende Antikörper recht schnell aus dem Blut verschwinden können. Der Virologe Martin Stürmer erklärt, was das für Immunität und Impfstoff heißt.

Tageszeitung: Herr Dr. Stürmer, in letzter Zeit mehren sich Berichte, wonach genesene Covid-19- Patienten bereits nach ein paar Monaten keine schützenden Antikörper mehr im Blut haben. Können diese Antikörper also wirklich so rasch aus dem Blut verschwinden – und damit auch die Immunität?

Martin Stürmer: Ja, das sind Beobachtungen, die wir tatsächlich immer häufiger sehen. Vor allem Corona-Patienten, die kaum oder gar keine Symptome hatten, entwickeln entweder gar keine Antikörper oder die Antikörper verschwinden sehr rasch aus dem Blut. Und am Montag wurde auch bekannt gegeben, dass unser erster deutscher Corona-Patient seit April keine Antikörper mehr hat. Das heißt, bereits drei Monate nach seiner Ansteckung trägt er keine gegen eine erneute Ansteckung schützenden Antikörper mehr in sich.

Wie ist das möglich?

Eine klare Antwort gibt es darauf nicht. Es ist höchstwahrscheinlich so, dass bei diesen Menschen das Immunsystem durch das Virus nicht ausreichend stimuliert wurde. Man weiß auch, dass die Zahl der Antikörper vermutlich mit der Schwere der Erkrankung zusammenhängt: Schwer Erkrankte produzieren oft besonders viele Antikörper. Bei milden und asymptomatischen Verläufen hingegen werden eher weniger oder gar keine produziert.

Heißt das dann, dass die Immunität gegen das Virus also doch nicht so lange anhält als bisher angenommen? Gibt es also doch keine grundsätzliche Immunität?

Laut meinen Beobachtungen und mehreren medizinischen Studien kann gesagt werden, dass die Immunität gegen das Virus doch nicht von Dauer ist. Das Immunsystem ist nicht in der Lage, eine dauerhafte Immunität aufzubauen.

Hat Sie das überrascht?

Ja, das hat mich doch etwas überrascht. Dass es wirklich so schnell geht, hätte ich nicht erwartet. Ich dachte mir, dass die Immunität für mindestens ein Jahr bestehen bleibt. Was man aber auch dazusagen muss, ist, dass wir nicht genau wissen, was dies dann bedeutet, wenn ein Corona-Infizierter noch einmal mit dem Virus in Kontakt kommt. Hat er dann gar keine Immunität mehr? Derzeit geht man davon aus, dass das Immunsystem trotzdem etwas gespeichert hat und dann entsprechend reagieren kann – schneller als beim ersten Kontakt mit dem Virus. Das heißt also nicht zwingend, dass Menschen ohne nachweisbare Antikörper im Blut automatisch ungeschützt sind. Denn die Antikörper sind zwar wichtig im Kampf gegen das Virus, aber nicht allein. Denn um Erreger zu bekämpfen, setzt das Immunsystem zum Beispiel auch auf T-Zellen. Diese haben das Potenzial, infizierte Zellen zu erkennen und diese auch zu vernichten. Und diese Zellen müssten durch das Coronavirus stimuliert worden sein. Es kann aber nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob andere Teile des Immunsystems einspringen.

Kann sich aber ein Corona-Infizierter nach der Krankheit erneut anstecken?

Das können wir nicht abschließend beantworten. Das hängt eben davon ab, wie viel das Immunsystem an Informationen gespeichert hat. Die erste Hürde für das Virus ist natürlich weg, nämlich die Antikörper, die noch vor einer Infektion loslegen könnten. Insofern wird man eine gewisse Art der Reinfektion wieder haben, die aber möglicherweise so schnell vom Immunsystem wieder einfangen wird, weil es das Virus bereits kennt, sodass es nicht zu einem so großen Ausbruch kommen kann. Die spannende Frage ist dann aber, ob diese Person dann wieder ansteckend ist oder nicht.

Das heißt aber auch, dass eine Person, die mit dem Virus infiziert war und nun als „genesen“ gilt, sich nicht in Sicherheit wähnen kann. Man hört mittlerweile oft den Satz: „Ich war bereits infiziert, mir kann in nächster Zeit eh nichts mehr passieren.“

Richtig. Niemand kann sich sicher fühlen. Auch nach einer Corona-Infektion kann man nicht sagen: „Ich bin nun immun und habe zumindest für ein Jahr meine Ruhe.“ Das wird schwierig. Es kann sein, dass man sich innerhalb kurzer Zeit wieder mit dem Coronavirus ansteckt.

Was bedeuten diese neuen Erkenntnisse nun eigentlich für die Entwicklung des Impfstoffs?

Ja, für die Impfstoffentwicklung ist diese Nachricht erstmals ein Rückschlag. Bis jetzt wissen wir, dass die Impfstoffe Antikörper induzieren bzw. sogar teilweise diese zelluläre Immunantwort stimulieren. Was jetzt aber wirklich gezeigt werden muss ist, ob diese Antikörper wirklich fähig sind, vor einer Infektion zu schützen. Das ist jetzt die ganz große Frage. Aber auch: Wie lange halten sich diese Antikörper durch den Impfstoff? Wenn das Virus es nicht schafft, dass die Antikörper für mindestens ein Jahr bleiben, stellt sich die Frage, wie verhalten sich die Impfstoff-induzierten Antikörper? Verschwinden diese noch schneller oder ist der Impfstoff doch so wirksam, dass diese Antikörper stabiler sind? Zusammengefasst kann gesagt werden: Wenn ein rein antikörperbasierter Impfstoff hergestellt wird, ergeben sich zwei Fragen: Ist der Impfstoff besser in der Lage längerfristig Antikörper zu induzieren als das Virus? Wie wir derzeit sehen, schafft dies nicht einmal das Virus. Oder ist das ein Impfstoff, der auch die T-Zellen-Antwort induziert und stimuliert, sodass wir, wenn wir uns mit dem Virus auseinandersetzen müssen, unser Körper schon gelernt hat, wie er sich gegen das Virus durchsetzen kann?

Kann man also davon ausgehen, dass der Impfstoff jetzt doch nicht so schnell kommen wird, wie eigentlich geplant?

Das kann passieren. Es kann sein, dass die Phase-3-Studien zum Impfstoff, die derzeit laufen, trotz der guten Ergebnisse aus den Vorphasen, zum Schluss kommen, dass der Impfstoff kaum oder gar keine Wirkung hat. Gerade weil wir nun auch wissen, dass die schützenden Antikörper – gerade bei Corona-Patienten mit einem milden Verlauf – nach einer gewissen Zeit verschwinden.

Das Coronavirus wird uns unter Umständen also noch länger beschäftigen als gedacht…

Ja, da wir eigentlich hoffen, mit zugelassenen Impfstoffen wieder zu der Normalität zurückkehren zu können, die wir vor der Pandemie gekannt haben. Ohne funktionierenden Impfstoff wird das höchstwahrscheinlich nicht möglich sein, und spätestens dann muss die Art und Weise des Umgangs mit SARS-CoV-2 neu definiert werden.

Zuletzt noch eine Frage zu den Antikörpern: Kann es auch sein, dass manche Corona-Infizierten gar keine Antikörper bilden und sich sofort wieder neu anstecken können?

Ja, diese Berichte gibt es, zumindest was das Fehlen der Antikörper angeht. Die Frage ist nur, wie genau hat man dies gemessen und wie hoch ist die Sensitivität (Anm. der Red.: Die Sensitivität gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass Infizierte auch als solche erkannt werden). Es wird sicherlich vereinzelt Menschen geben, die gar keine Antikörper bilden, aber in der Regel bilden die meisten Infizierten innerhalb von etwa zwei Wochen Antikörper gegen das Virus.

Interview: Eva Maria Gapp

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • nadine78

    …aber in der Regel bilden die meisten Infizierten innerhalb von etwa zwei Wochen Antikörper gegen das Virus…
    Komisch dass derzeit in der Gastronomie auf Antikörper getestet wird, da diese erst nach ca. 2 Wochen nach infektion gebildet werden. Somit ist klar dass diese Test niemanden schützen, da positive bereits 2 Wochen lang als Infektionsherd fungiert haben, bestenfalls kann man dann jene Personen die kontakt hatten aus den Verkehr ziehen.
    Es ist klar dass die Wissenschaft bezüglich Imunität noch am Buchstabieren ist, aber verschucht mittels Impfungen bereits an einem Pulizer zu arbeiten.

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