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Peter Pichler am Trautonium

Peter Pichler am Mixturtrautonium (Foto: Dietmar Zwick)

Ein außergewöhnliches Konzert findet am Freitag, 24. Jänner im Forum Brixen statt.Peter Pichler führt am Trautonium Werke von Paul Hindemith, Harald Genzmer, Werner Pirchner und Manuela Kerer auf. 

Das Trautonium, benannt nach seinem Erfinder, Friedrich Trautwein (1888 – 1956), ist als elektronisches Musikinstrument ein Vorläufer der heutigen Synthesizer. Es wurde 1929 in der Rundfunkversuchsstelle der Musikhochschule Berlin entwickelt und auf dem Berliner Fest „Neue Musik“ 1930 erstmals öffentlich vorgeführt. Mit dem Einsatz für die Filmmusik zu Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ erlangte das Instrument Bekanntheit über die Musikszene hinaus.

Das Trautonium war ursprünglich ein monophones Instrument und beruht auf folgender Konstruktion: Über eine lange Metallschiene ist ein Widerstandsdraht gespannt. An diesem Draht sind eine Glimmlampe und eine Röhre angeschlossen. Die Stelle, an welcher der Widerstandsdraht die Schiene beim Spielen berührt, bestimmt die Frequenz der Kippschwingung und damit die Tonhöhe. Es wurde eine kleine Serie (200 Stück) Trautonien für Hausmusik von Telefunken gebaut, bekannt geworden als „Volkstrautonium“. Aufgrund des für damalige Verhältnisse stolzen Preises und der Weltwirtschaftskrise war es kein Markterfolg und die Produktion wurde nicht fortgesetzt.

Das Trautonium, das Sala noch vor Kriegsausbruch („Rundfunktrautonium“ und „Konzerttrautonium“) und später als „Mixturtrautonium“ weiterentwickelte, ist polyphon und kann bis zu 8 Klänge gleichzeitig spielen. Diese beruhen auf der subharmonischen Tonreihe. Die Kombination von mehreren subharmonischen Tönen wird als Mixtur bezeichnet. Diese wirken wie ein Mehrklang / Akkord.

Auf dem Mixturtrautonium ist also die Untertonreihe, die in der Natur nur in klingenden Platten und Glocken ertönt, realisierbar. Es erlaubt viele Variationen der Klangfarbensynthese- Abklingvorrichtung, Rauschgenerator und Frequenzumsetzer ermöglichen feinste Nuancierungen.

Der Frequenzumsetzer, der ein externes Gerät ist und eine Eigenkonstruktion Oskar Salas auf Röhrenbasis, befindet sich heute zusammen mit Salas gesamtem Nachlass im Deutschen Museum in München. Da Oskar Sala keine Schüler unterrichtete ist Peter Pichler heute einer der ganz wenigen Virtuosen auf diesem Instrument.

 

Paul Hindemith schrieb das Konzertstück für Trautonium mit Begleitung des Streicherorchesters 1931 für seinen Schüler Oskar Sala anlässlich der zweiten Tagung für Rundfunk-Musik in München. Zu diesem Anlass wurde das Stück zum ersten Mal öffentlich aufgeführt, was schon deshalb bemerkenswert ist, weil es sich um das erste je komponierte Stück für Trautonium mit Begleitung handelte. Das einsätzige Stück gliedert sich in drei Teile und erinnert in seiner Satzanlage an klassische Solokonzerte: Zwei schnelle Rahmensätze umgreifen einen langsamen Mittelsatz. Die Themen des Stückes werden aneinandergereiht und greifen Spielfiguren barocker Concerti Grossi auf. In den langsamen Mittelteil integrierte Hindemith einen Teil der Sopran-Arie aus seinem in Zusammenarbeit mit Gottfried Benn kurz vorher vollendeten Oratorium „Das Unaufhörliche“.

 

Harald Genzmer wollte für seine Suite des Danses pour Instruments Électroniques (1958) ein ausgefallenes Stück für mehrere Trautonien schreiben und auch aufnehmen. Da es aber nur einen Spieler – nämlich Oskar Sala – gab, entwickelten Genzmer und Sala eine Technik, die heutzutage jeder DJ beherrschen muss: Sie nahmen die einzelnen Spuren nacheinander auf Tonbänder auf. Dies zu einer Zeit, in der das Tonband zwar erfunden, aber bis dahin nur einer sehr kleinen, interessierten Gruppe zur Verfügung stand: Der „Ur- Techno“ war geboren.

Die Bearbeitung durch Peter Pichler hatte das Ziel, die Suite auch live mit drei Trautonien aufführen zu können. Das ist möglich, weil es sich im Prinzip um klassisch gebaute Sätze im Sinne freitonaler Musik handelt. Es gibt einen ostinaten Bass oder Rhythmus, der das Stück eröffnet und ihm das Gerüst gibt. Es folgen Mittelstimmen, teils geräuschhaft, teils tonal, und letztlich eine Melodie bzw. melodische Fragmente. Das alles wird mit den klanglichen Möglichkeiten des Trautoniums (Mixturen, vokale und perkussive Klangfarben) und des elektronischen Umfelds (Rauschgenerator, Frequenzumsetzer, Hall) dargeboten.

 

Werner Pirchner komponierte die Emigranten-Symphonie für Streichquintett (1987) ursprünglich als Bühnenmusik zum Theaterstück „Arturo Ui“ von Bertolt Brecht. Darin wird beschrieben, wie der kaltblütige Arturo Ui zum gefürchtet-geachteten Beherrscher des Karfiolgeschäfts in Chicago aufsteigt. Geschickt spielt er Vertreter von Wirtschaft und Politik gegeneinander aus und spannt sie für sich ein. Er erzeugt ein Klima der Angst und Verunsicherung unter seinen Konkurrenten, verbreitet Terror und betreibt mafiöse Machenschaften. Das korrupte Stadtoberhaupt Dogsborough wird durch Geschenke gefügig gemacht, der Politik jede Handlungsmöglichkeit genommen. Die stets anwesende Presse vermag nicht, die Verwicklungen aufzudecken. Werner Pirchners Emigranten-Symphonie kann man durchaus als Anklage der Politik verstehen. Er selbst sagte dazu „Gäbe es nicht Haydn, Mozart, Schubert, Bruckner, die Strauß-Familie, Mahler, Schönberg, Berg, Webern und Zawinul, wäre Hitler der weltweit bekannteste Österreicher… Grauslig! Dieses Stück ist einer meiner Versuche, mich mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen.“

Manuela Kerer staunt gern und ist ständig auf der Suche nach neuen Klängen, Überraschungen und Herausforderungen. Sie absolvierte Studien der Komposition und IGP-Violine und promovierte in Psychologie und Jura in Innsbruck und Mailand, wobei sie alle diese Disziplinen in ihren Kompositionen verbindet. Kerers Musik war u.a. in New York, Berlin, Wien, Rom, London oder am Titicaca-See zu hören, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und von Ensembles wie dem Solistenensemble Kaleidoskop Berlin oder dem Klangforum Wien aufgeführt. Ihre Werke wurden auf zahlreichen CDs eingespielt und erscheinen im Verlag Breitkopf & Härtel. – www.manuela-kerer.bz

Manuela Kerer beschäftigt sich in Feuernde Seele für Trautonium und Streicher (2016) mit unserem Bewusstsein. Beruht es ausschließlich auf substanziellen Prozessen im Gehirn? Oder gibt es das seit langem beschworene Konzept einer Seele, die unabhängig von Neuronen oder grauer Masse existiert? René Descartes` Dualismus, der Körper und Geist trennen wollte, scheint längst überholt. Inzwischen weiß man sehr viel über das unglaublich komplizierte Nervennetzwerk Gehirn. Es soll aus fast einer Billiarde neuronalen Verknüpfungen bestehen. Neuronen kommunizieren, indem sie über ihre Fortsätze elektrisch übertragene Signale annehmen oder weiterleiten. Sprich: Neuronen feuern. Und genau darin soll der Zauber des Bewusstseins liegen, das wohl inmitten dieser Aktivität entsteht. Sind also Seele und Bewusstsein ein Produkt der feuernden Neuronen? Nicht unbedingt. Denn obwohl Bewusstsein das Ergebnis dieser Prozesse ist, muss es nicht zu 100 Prozent damit identisch sein. Es könnte sogar darüber hinausgehen. Unser Gehirn produziert Bewusstsein, das aber mit Sicherheit nicht auf die im Gehirn ablaufenden Vorgänge reduzierbar ist. Von all diesen Gedanken inspiriert ist Manuela Kerer in ein Meer von neuronalen Vernetzungen getaucht und hat sie in Klänge übersetzt. Unsere virtuell-neuronale Welt wäre nicht möglich ohne die Wahrnehmung der Umwelt, des Körpers und des Geistes. Genauso kann ein Ton erst im Total einer Partitur seinen Sinn entfalten. Trautonium und Streicher feuern, wetteifern um Glissandi und chromatische Läufe. Klänge vergrößern sich, arten aus und ziehen sich wieder zurück. Mysteriös wie das Bewusstsein selbst, das trotz allen wissenschaftlichen Errungenschaften nach wie vor ein Rätsel ist.

 

Ausführende:

Peter Pichler aus München ist ein Grenzgänger zwischen verschiedenen Kunstformen. Er ist heute einer der wenigen Musiker, die das Trautonium beherrschen und der einzige, der live damit auftritt. Pichler studierte klassische Gitarre und Renaissance Laute am Mozarteum Salzburg, dem Leopold Mozart Konservatorium Augsburg und der staatl. Hochschule für Musik in Karlsruhe. Er ist Preisträger des bayerischen Förderpreises der Landeshauptstadt München und anderer Wettbewerbe und ist als Musiker, musikalischer Leiter und Arrangeur bei Peter Licht, Funny van Dannen und Hans Söllner Produktionen beteiligt. Im Februar 2017 erschien Pichlers erste CD mit bislang unveröffentlichten Werken für Trautonium von Harald Genzmer. Im April 2019 führte er das Trautonium erstmals in dessen 90-jähriger Geschichte aus Europa heraus auf Konzerttournee durch Australien.

www.peterpichler-trautonium.com

 

Laurin Quintett

Das Ensemble wurde im Jahre 1997 als „Laurin Streichquartett“ von Nathan Chizzali und Sylvia Lanz während ihrer Studienjahre am Konservatorium „C. Monteverdi“ gegründet.Langjährige Freundschaften, der gemeinsame  Wohnort Brixen und die große Freude an der Kammermusik verbindet die 4 Musiker, welche auch in verschiedenen anderen Formationen zusammen musizieren und Konzerte im In und Ausland bestreiten. Für den Auftritt im Forum hat sich ihnen der junge Kontrabassist Joachim Pedarnig aus Telfs angeschlossen.

 

Termin: 24. Jänner um 20.00 Uhr im Forum, Brixen.Kulturverein Brixen Musik

 

 

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