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Wie kreativ ist die Europaregion?

(v.l.) Massimo Martignoni, Ursula Schnitzer und Claudio Larcher: Auch ein selbstgeflochtener Bauernkorb kann Design sein. (Foto: Herbert Thoma)

Ursula Schnitzer, Claudio Larcher und Massimo Martignoni haben für Kunst Meran die Geschichte von 100 Jahre Design in der Europaregion Tirol erforscht. Wie erfindungsreich war die Region in den vergangen 100 Jahren, welche Produkte haben es auf dem Weltmarkt geschafft und ist auch ein Bauernkorb Design?

Tageszeitung: Frau Schnitzer, zusammen mit Claudio Larcher und Massimo Martignoni haben Sie für Kunst Meran 100 Jahre Design-Geschichte in der Europaregion Tirol erforscht. War es schwierig, genug Material zu finden oder war es eher umgekehrt, nämlich eine Auswahl zu treffen?

Ursula Schnitzer: Die Designgeschichte der Region ist weitgehend unerforscht und daher waren wir vorsichtig: haben also einen langen Zeitraum und ein großes Gebiet ins Visier genommen. Nicht ahnend, wie viel wir in den beiden darauffolgenden Jahren finden würden. Es gab Fixstarter wie Fortunato Depero oder Anton Hofer, die uns allen gleich eingefallen sind, als wir das Projekt konzipiert haben. Was dann aber im Zuge vieler Gespräche, Lokalaugenscheine und der Recherche ans Tageslicht kam, war viel mehr als wir uns erträumt hatten. Bis zum Redaktionsschluss des Buches im heurigen Sommer mussten wir schweren Herzen lernen, einzelne Bereiche weg zu lassen oder gewissen Produktgruppen nicht weiter nachgehen zu können. So haben wir das Modedesign und das Grafik-Design ausgeklammert und konnten beispielsweise der langen Geschichte der Kachelöfen oder der Rodeln nicht nachspüren.

Wie sind Sie in der Recherche vorgegangen?

Massimo Martignoni: Die Recherche wurde spartenübergreifend gemacht. Zahlreiche öffentliche und private Sammlungen, Archive der Designer und der Firmen wurden untersucht und dokumentiert. Die dabei gesammelten Informationen wurden einer Kreuz-Kontrolle mit bibliografischen Verzeichnissen (Büchern, Katalogen, Broschüren) unterzogen.

Gibt es repräsentative Sammlungen des lokalen Designs?

Massimo Martignoni: Es gibt keine bestehenden Sammlungen zum Thema wie in den großen Zentren München, Mailand oder Wien.  Aber verschiedene örtliche öffentliche und private Sammlungen haben einschlägige Design-Gegenstände. Wir hoffen, dass unsere Initiative bei zukünftigen Sammlungsaufstellungen berücksichtigt und Design zu den traditionell anerkannten Sparten hinzugenommen wird.

Ursula Schnitzer: Gerade das Fehlen repräsentativer Sammlungen war eine große logistische Herausforderung für uns. Ich habe noch nie eine Ausstellung gemacht, wo so viele Leihgaben von derart vielen verschiedenen, hauptsächlich privaten Leihgebern zusammen gekommen sind. Bedauerlicherweise wird es oft versäumt, die Firmengeschichte kontinuierlich in einem Firmenarchiv festzuhalten. In Glücksfällen wie bei den Unternehmen Swarovski oder Forst sind diese Archive dann aber wieder eine Fundgrube für Tendenzen, Trends, Moden aus mehreren Jahrzehnten

Im Nachhinein fällt einem oft auf, was man alles übersehen hat. Haben Sie Wesentliches übersehen?

Ursula Schnitzer: Sicherlich! Zwei Jahre Recherche sind für ein so  großes Gebiet und ein Jahrhundert nicht all zu viel Zeit. Gleich nach Erscheinen des Kataloges und Eröffnung der Ausstellung wurden viele Ergänzungen, Fragen und auch Richtigstellungen an uns heran getragen. Es hat fast den Anschein, als wäre es gelungen, ein lokales Bewusstsein wach zu rütteln und schon beinahe Vergessenes in Erinnerung zu rufen. Gerade im Rahmen des Produktdesigns bleiben die Mitarbeiter in den Firmen oft anonym bzw. ist die Dokumentation interner Abläufe lückenhaft. Hier sind die Nachkommen, Kinder und Enkel der Designer wichtige Zeitzeugen und die Familienarchive Quelle für wichtige Details. Kunst Meran freut sich sehr, wenn wir weitere Informationen bekommen!

Wie erfinderisch und kreativ war die Region in den vergangenen 100 Jahren?

Durst Duca, 1946 – 1950 Privatsammlung, Foto Anna Maconi

Ursula Schnitzer: Sehr erfinderisch und sehr am Zeitgeschehen und internationalen Entwicklungen interessiert. Ergänzt wurde diese Neugierde und Offenheit durch Bedürfnisse, die der lokalen Realität, den ortstypischen Materialien oder der Topografie geschuldet waren. Nachdem viele Designer Jahrzehnte lang ihre Ausbildung außerhalb der Region gemacht haben, ist es mit der Gründung der Akademie für Design 2003 in Bozen gelungen, eine wichtige Ausbildungsstätte im Land zu schaffen. Studierende aus dem Ausland und der Region sorgen seither für eine geballte Ladung an „kreativem Potential“ und machen die Region unter diesem Aspekt zunehmend attraktiver.

Kann man berechtigterweise von einem alpinen Design sprechen und wodurch unterscheidet es sich von andern Stilen?

Ursula Schnitzer: Wir haben den Begriff „alpines Design“ nicht verwendet. Ich denke, Design aus den Alpen schafft es besser, viele verschiedene Produkte zu inkludieren. Es wäre widersprüchlich von der Aufnahmefähigkeit des Territoriums für Neuerungen zu sprechen und dann eine Abgrenzung durch eine Stilbezeichnung wie alpines Design vornehmen zu wollen. Hier konnten und können Autos, Motorräder, Krafträder oder e-bikes ebenso gut entworfen werden wie Bergschuhe oder Kristallgläser. Das alte Bild des Durchzugslandes mit seinen vielfältigen Einflüssen, das Produkte verschiedenster Natur entstehen lässt, gefällt mir besser. Dass die Berge ein Filter waren, der oft Brauchbares von Nutzlosem trennte, trifft sicher zu. Ebenso die Tatsache, dass Produkte aus verfügbaren Materialien wie beispielsweise Holz in Form von Spielsachen oder Stühlen besondere Qualität erreichten. Aber die Lust an Visionen, Neuem, Überraschendem, ist in meiner Wahrnehmung ebenso charakteristisch für das Gebiet.

Die heutige Europaregion Tirol ist durch die Brennergrenze 1919 auseinandergerissen worden. Hat die politische Teilung im Design Spuren hinterlassen?

Ursula Schnitzer: Nein! Wir konnten feststellen, dass die „kreativen Migranten“ durch die Brennergrenze ihre Ausbildung- und ihren beruflichen Werdegang nicht anders gestalten mussten. Zwischen Trient, Bozen, Innsbruck und Wien pendelte man ausbildungsbedingt weiterhin. Die Brennergrenze war hier nie eine Barriere. Das lässt sich an einer Vielzahl von Biografien der Protagonisten feststellen. Das fiktive Rechteck, das wir für die Recherchen zwischen München, Wien, Venedig und Mailand als Mindmap angelegt hatten, ist wie ein Schachbrett, die Schachzüge darauf sind die Designer und deren Wirken.

Das Klischee reproduziert immer das Bild von einer abgeschlossenen, fortschrittsresistenten Region. Im Design scheint die Region jedoch zu allen Zeiten sehr aufnahmefähig für die Moderne gewesen zu sein.

Massimo Martignoni: Gewiss, es ist ein Klischeé, das wahrscheinlich auf den oberflächlichsten Vorstellungen von der Tiroler und Trentiner Seele beruht. Was die Kunst, die Architektur und das Design in der Region betrifft, war das 20. Jahrhundert nie konservativ oder in sich verschlossen. Wenn wir es aus europäischer Sicht betrachten, können wir im Gegenteil von einem Territorium sprechen, das sich als überaus avantgardistisch und experimentierfreudig darstellt.

Welche Jahre oder Jahrzehnte waren die fruchtbarsten?

Ursula Schnitzer: Das ist schwer zu sagen, zumal die Untersuchung nicht lückenlos ist. Zweifelsohne gibt es in den 1920-Jahren mit der Tiroler Moderne einen prägenden ersten Höhepunkt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kommt es erneut zu einer dynamischen, überaus kreativen Zeit. In der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart trägt die Einrichtung der Akademie für Design bzw. Universität für Design und Künste unübersehbare Früchte. Viele junge Designer wurden hier ausgebildet und sind aktuell in einheimischen und internationalen Unternehmen Autoren erfolgreicher Produkte.

Der herausragende Vertreter war zweifellos Ettore Sottsass jr. Allerdings musste er wie alle in die „kreative Diaspora“ gehen, um sich durchzusetzen.

Ursula Schnitzer: Sottsass jr. ist mit seiner Biografie innerhalb des Projektes keine Ausnahme. Sein Vater stammte aus Nave San Rocco nördlich von Lavis, seine Mutter aus Innsbruck. Die Familie war in den 1920er-Jahren nach Turin übersiedelt, in der Folge studierte Sottsass am Polytechnikum dort und lebte danach in Mailand. Seine Kindheit in Tirol mit der Mutter und den Großeltern (der Großvater mütterlicherseits war Tischler) war sehr prägend gewesen. In seinen biografischen Aufzeichnungen widmet Sottsass Wohndetails im alten Holzhaus der Großeltern in schattiger Lage nicht weit vom Brenner oder der Tiroler Kost, die die Großmutter zubereitete viel Platz. „Sie sagen, dass mein Vater mir einen Stift in die Hand drückte, kaum dass ich geboren war (in Innsbruck in der Sterngasse). Er wollte dem Schicksal auf die Sprünge helfen.“ (Sottsass, Scritto di notte, Adelphi, Milano 2010.)

Erwin Stricker war kein Designer, aber im Skisport gehen einige enorm wichtige Neuerungen auf ihn zurück. Das Glück des Außenseiters?

Caproni, moto Capriolo75, 1955 Privatsammlung, Foto Anna Maconi

Ursula Schnitzer: In Erwin Stricker sehe ich den wunderbaren Beweis dafür, wie Begeisterung und Vision vorbei an Marktstrategien und Strukturen zu bedeutenden Innovationen führen können. Die Erfahrungen von Profis wie beispielsweise Erwin Stricker oder Reinhold Messner haben gemeinsam mit ihren Ausstattern zu Produkten geführt, die relevante Leistungssteigerungen oder mehr Sicherheit am Berg mit sich brachten. Gebogene Skistöcke oder die aufsetzbaren „Geierschnäbel“ für den Slalom sind heute aus dem Rennsport nicht mehr weg zu denken.Viele andere Produkte in der Ausstellung haben eine ähnlich private Geschichte, wurden von Einzelkämpfern erdacht und umgesetzt. Vom Autobauer Arrigo Perrini über den Alpinisten Sebastian Mariner.

Welches Produkt von hiesigen Designern war das erfolgreichste auf dem Weltmarkt?

Ursula Schnitzer: Südtirol liefert zahlreiche Produkte für den Weltmarkt: Durst hatte mit dem Fotoapparat „Automatica“ die erste Kamera mit automatischer Belichtungssteuerung auf den Markt gebracht und gehört heute mit seinen digitalen Drucktechnologien zu den weltweit führenden Herstellern. Robert Fliris Fivefingers mit Vibram wurden inzwischen rund 6 Millionen Mal verkauft. La Sportiva ist Weltmarktführer für Kletterschuhe und Höhenbergschuhen. Salewa ist Europas führender Multispezialist für funktionale und technische Bergsportausrüstung. Schneeerzeuger aus Südtirol sind für die Region ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden und sind Olympiaausstatter. Für Seilbahnlösungen nicht nur für die Berge sondern zunehmend auch für urbane Zentren ist Leitner weltweit ein marktführendes Unternehmen. Rebsortenspezifische Weingläser von Riedel verhelfen den besten Weinen der Welt sich optimal zu entfalten. Es gibt also eine ganze Menge Superlative, die in der Region entstanden sind.

Das Spektrum ist erstaunlich reich. Es reicht von Einrichtungsgegenständen, Fotokameras über Modelle in der Luftfahrt-, Automobil- und Motorradindustrie bis hin zu Industriedesign, Spielzeug und Sportausrüstung. Sehr viele Betriebe sind eingegangen oder wurden verkauft. Waren ihre Produkte nicht wettbewerbsfähig oder gehört es zum Schicksal einer kleinen Region, dass die klügsten Köpfe abwandern?

Massimo Martignoni: Das Schicksal von neuen Produkten ist immer ungewiss, das der Erfolg und der Misserfolg von vielen Faktoren abhängig sind. Sicher sind in einigen Fällen, die wir einer genauen Betrachtung unterzogen haben, die geschichtlichen Ereignisse zu berücksichtigen. Dies gilt beispielsweise für Gianni Caproni und sein Firmenimperium, das unvorhersehbare Veränderungen in den Bereichen Technologie und Industrie in die Krise geführt haben. In einigen speziellen Sparten gab und gibt es einen starken Konkurrenzkampf wie in der Sport- und Freizeitindustrie, der den Unternehmergeist fördert und die internationale Konfrontation nicht scheut.

Der Designer Kuno Prey orientiert sich an der „Bescheidenheit und Begabung“ der Bergbauern, die das „Beste aus dem Wenigen herauszuholen“ imstande sind. Ist ein selbstgeflochtener Bauernkorb Design?

Ursula Schnitzer: Wenn wir die Begriffsdefinition „formgerechte und funktionale Gestaltgebung sowie die so erzielte Form eines Gebrauchsgegenstandes“ heranziehen, dann kann ein selbstgeflochtener Bauernkorb Design sein, ja!

Die jüngsten Designer sind Martino Gamper und Harry Thaler. Lässt sich an deren Entwürfen ablesen, wohin der Design-Trend geht?

Ursula Schnitzer: Ich glaube, einen Trend anhand der Entwürfe von Martino Gamper und Harry Thaler feststellen zu wollen, wäre etwas vorschnell. Der Blick auf viele junge Designer aus der Region hat gezeigt, dass Nachhaltigkeit und hochwertige, oft natürliche Materialien eine wichtige Rolle in der Entwicklung ihrer Produkte spielen. Egal,ob bei Nina Mair oder Miki Martinek, Jasmin Castagnaro, Ermanno Zanella oder Hannes Parth, ihren Produkten ist neben den formalen Aspekten eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werkstoff, seinen Eigenschaften, seiner haptischen Qualität oder seiner Umweltverträglichkeit gemeinsam.

Interview: Heinrich Schwazer

Zur Person

Ursula Schnitzer ist Kunsthistorikerin. Seit 1996 organisiert sie Ausstellungen, u. a. Michael Pacher und sein Kreis (Südtiroler Kulturinstitut, Kloster Neustift, 1998). Kuratorin von Ausstellungen wie Hans Ebensberger und Robert Scherer (Schloss Kastelbell, 2001, 2008). Seit 2001 Mitarbeiterin bei Kunst Meran/Merano Arte, wo sie als Kuratorin Publikationen wie Neue Architektur in Südtirol, Perspektiven der Zukunft – Meran 1945–1965 und Armando Ronca betreute. Claudio Larcher ist freischaffender Architekt und Designer und hat 2002 Modoloco Design Workshop in Mailand mitgegründet. Er war viele Jahre Dozent an der Fakultät für Design und Künste der unibz. Massimo Martignoni hat Architekturgeschichte und Design studiert (PhD). Seit 2005 hat er den Lehrstuhl für Designgeschichte an der Akademie NABA inne.

Termin

Die Ausstellung „Designs from the Alps. Tirol / Südtirol /Trentino 1920 – 2020“ ist ein Projekt von Kunst Meran/Merano Arte in Zusammenarbeit mit NABA (Nuova Accademia di Belle Arti) und unibz (Freie Universität Bozen, Fakultät für Design und Künste). Bis 12. Januar 2020.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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