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Geglückte Nachfolge

Wie können Handwerksbetriebe dabei unterstützt werden, die Herausforderung Unternehmensnachfolge gut zu stemmen? Konkrete Vorschläge dafür kommen vom Centre for Family Business Management der unibz, das heute gemeinsam mit Vertretern des SHV-CNA Südtirol die Ergebnisse der sogenannten PASSA-Studie vorgestellt hat. Dabei handelt es sich um das erste Forschungsprojekt zu dieser strategisch wichtigen Thematik für Italiens Wirtschaft, dem ähnliche Initiativen auf nationaler Ebene folgen werden.  

Das Projekt PASSA (Pensionati Attivi e Strumenti di Successione delle imprese Artigiane) wurde 2018 vom Centre for Family Business Management der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Bozen und dem SHV-CNA sowie CNA Pensionisten gestartet. Das gemeinsame Ziel?

Die italienweit erste Studie zur Unternehmensnachfolge in Handwerksbetrieben durchzuführen, und dafür in Südtiroler Betrieben das Phänomen des Führungswechsels sowie von weiterarbeitenden pensionierten Firmeninhaber*innen zu beleuchten. Im Rahmen der Umfrage wurde ein Fragebogen an 1.250 Unternehmer*innen oder Verantwortliche von Kleinst- und Kleinunternehmen im Handwerksbereich zwischen 55 und 75 Jahren sowie ihre potenziellen Nachfolger gesandt.

Berücksichtigt wurden dabei vor allem Unternehmen mit Sitz in Bozen, Meran, Leifers, Burggrafenamt, Unterland und Überetsch, in denen sich die Betriebsübergabe mit gewissen Schwierigkeiten gestaltete.

Einer der Auslöser für die Studie waren beunruhigende Daten zum Phänomen bereits pensionierter, aber weiterarbeitender Firmeninhaber*innen, die immerhin 15% der italienischen Handwerker stellen. Für die Südtiroler Vereinigung der Handwerker und Kleinunternehmen CNA-SHV sowie ihr Patronat CNA Pensionisten war das ein Grund, die Zusammenarbeit mit der unibz zu suchen, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

Heute wurden die Ergebnisse der Studie vom Team des Centres for Family Business Management unter Führung von Prof. Alfredo De Massis am NOI Techpark im Rahmen der Tagung „Unternehmensnachfolge in Handwerksbetrieben zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ lokalen und nationalen Interessenvertretungen vorgestellt. Es handelt sich dabei um die erste Studie zu diesem Thema in ganz Italien.

Claudio Corrarati

Wie sich in der PASSA-Studie zeigt, schätzen – trotz eines Durchschnittsalters der Befragten von 59,5 Jahren –  nur 40% eine Unternehmensübergabe in den kommenden zehn Jahren als realistisch ein. Die Gründe, diesen wichtigen Schritt gedanklich in die weite Ferne zu rücken, sind vor allem auf individueller Ebene zu suchen: Viele Inhaber sind stark mit ihrem Unternehmen verwachsen, haben Angst vor Einbußen im Lebensstil oder Probleme, sich einen Alltag außerhalb des Unternehmens vorzustellen. Dabei gäbe es auf der anderen Seite der Familien potenzielle Nachfolger, die vielfach bereit wären, die Führung der Unternehmen zu übernehmen.

Was also braucht es, um für beide Seiten einen möglichst effizienten und schmerzlosen Übergang zu gestalten? Die heute vorgestellte Studie liefert dafür – neben einer Analyse der Ist-Situation – konkrete Lösungsvorschläge. Das Forschungsteam des Centre für Family Business Management sowie die Experten des SHV-CNA laden dafür insbesondere politische Entscheidungsträger zu lenkenden Maßnahmen ein. Neben ausgewogenen Unterstützungen für Start-ups und Re-Start-ups, wie beispielsweise die Schaffung eines Portals für „übergabereife“ Unternehmen, werden unter anderem Coaching und Mentoring für Firmeninhaber*innen ab dem 55. Lebensjahr oder die Erarbeitung von neuen Lebensentwürfen für die Zeit nach dem Abtreten während der noch aktiven Phase empfohlen.

Doch auch die Handwerksbetriebe selbst werden dazu aufgerufen, sich dem wichtigen Thema zu stellen. Prof. De Massis und sein Team legten ihnen dabei nahe, sich von Experten begleiten zu lassen, um die Unternehmensnachfolge erfolgreich zu meistern. Andernfalls würden sich viele Familien in technischen oder finanziellen Fragen verlieren. Essentiell ist laut dem Professor der unibz auch, dass „der scheidende Chef bzw. die scheidende Chefin gemeinsam mit den Familienmitgliedern der nächsten Generation Prinzipien und Regeln für die Unternehmensnachfolge festlegt, damit diese nicht nur auf formaler Ebene vollzogen wird“.

Alfredo De Massis

„Ein Unternehmen weiterzugeben, ist eine riesige Herausforderung für alle Familienbetriebe”, unterstrich Alfredo De Massis, Professor der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Direktor des Centres for Family Business Management.  „Europaweit sind derzeit 45% der Führungskräfte von Familienunternehmen älter als 60 Jahre, und werden deshalb in den kommenden Jahren konkret mit dieser Herausforderung konfrontiert werden. Die Forschung im Bereich der Unternehmensnachfolge zeigt uns aber, dass nur 12% dieser Unternehmen mehr als zwei Generationen überlebt und gerade in 4% der Familienunternehmen die Übergabe an die dritte Generation klappt.”

Claudio Corrarati, Präsident des SHV-CNA, ging im Rahmen der Vorstellung vor allem auf die Schritte ein, die notwendig sind, um Familienunternehmen in das 4.0-Zeitalter zu bringen. „Damit dies gelingen kann, braucht es auch eine gezielte Bildung im Bereich Unternehmensmanagement – von den Berufsschulen bis hin zur Universität“. Das Motto von heute sollte deshalb „re-startup“ heißen”, so Corrarati. „Wir brauchen junge Menschen, die es schaffen, bestehende Unternehmen mit ihren Kunden, ihren Beziehungen zu Banken und Lieferanten, ihrem qualifiziertem Personal, mit ihrem Know-how und Märkten, neu zu erfinden oder ihnen zumindest frische Energie zu verleihen.“

Giovanni Giungi, Präsident von CNA Pensionati auf nationaler Ebene, unterstrich, dass es zur Unterstützung dieser schwierigen Phase nicht zuletzt steuerliche Anreize für unternehmerische Aktivitäten brauche, die erfolgreich über mehrere Generationen weitergeführt werden. „Doch wir brauchen auch eine Rahmengesetzgebung, die wieder die zentrale Funktion des Handwerks in den Mittelpunkt rückt, den bürokratischen und regulatorischen Dschungel auf regionaler Ebene eingrenzt, die Ausbildungsanforderungen im Schulsystem schärft sowie die Anwerbung neuer Fachkräfte fördert”, so Giungi.

„Jede geglückte Nachfolge ist ein Erfolg“, unterstrich auch der Generalsekretär der Handelskammer Bozen Alfred Aberer. „Gelingt sie nicht, droht eine Betriebsschließung und damit einher gehen ein Verlust an Arbeitsplätzen, an betrieblichem Know-how und investiertem Kapital. Jeder Betrieb, der schließen muss, ist ein großer volkswirtschaftlicher Schaden.“ Um die Südtiroler Unternehmen auf die Notwendigkeit einer rechtzeitigen Planung und Vorbereitung der Betriebsübergabe aufmerksam zu machen, organisiert der Service für Unternehmensnachfolge der Handelskammer regelmäßig Informationsveranstaltungen; die nächste findet am 17. Oktober 2019 mit Beginn um 17 Uhr in der Handelskammer Bozen statt. Hinzu kommen kostenlose Leitfäden, Orientierungsgespräche, Sprechstunden mit Experten und Informationen zu Förderungen.

Manuela Defant, Direktorin der Abteilung Wirtschaft der Provinz Bozen, stellte in Aussicht, die Idee einen Runden Tisches zum Thema Unternehmensnachfolge auf politischer Ebene vorzubringen. So könnten gemeinsam mit allen interessierten Stakeholdern lokale Lösungen erarbeitet werden, um die Übergabe von Betrieben hinsichtlich Themen wie Finanzierungen für re-startups, Krediten, Bürokratie, Ausbildung Coaching und Mentoring zu erleichtern.

Marion Prast, Retailverantwortliche der Südtiroler Sparkasse, sicherte den Unternehmern zu, sie in Zusammenarbeit mit den Garantiekonsortien, ab einem Alter von 55 Jahren bei der Vorbereitung der Übergabe zu begleiten. Auch Unternehmensnachfolger könnten mit Beratung und eigenen Finanzierungen zu diesem Zweck rechnen.

Abgeschlossen wurde die Tagung von CNA-Generalsekretär Sergio Silvestrini. Er versprach, der Regierung in Rom und dem Parlament einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, der mit zwei bis drei konkreten Maßnahmen die Unternehmensnachfolge in den Kleinst- und Kleinbetrieben des Handwerks erleichtert. Dabei soll vor allem auf Anreize, Zugang zu Krediten, Ausbildung des Nachwuchs, bürokratische Erleichterungen und eine Sicherung des bestehenden unternehmerischen Know-hows und der Arbeitsplätze gesetzt werden. „Es braucht ein nationales Rahmengesetz, das dann an regionale Bedürfnisse und Gegebenheiten angepasst werden kann, wie hier in Südtirol die große Tradition der dualen Ausbildung”, so Silvestrini.

 

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