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Geschichte musealisieren?

Hannes Obermair: Wie kann die jüngste Geschichte Südtirols museal erzählt werden?

Wie können Museen die Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts wissenschaftlich fundiert, ideologisch frei und publikumswirksam präsentieren? Das erklärten Delegierte von großen europäischen Museen und museumsähnlichen Häusern bei einer internationalen Tagung in der Festung Franzensfeste und im NOI Techpark in Bozen.

 Den Anfang machte das Haus der Geschichte Österreichin Wien mit seinem stark interaktiven Ansatz, der beliebten Aktion „Wofür lohnt es sich zu kämpfen“ oder der kürzlich gestarteten Ideensammlung zur Neugestaltung des „Hitler-Balkons“ am Heldenplatz (von dem Adolf Hitler am 15. März 1938 die Rede zum „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich hielt). Als „Kathedrale der Demokratie“ wurde hingegen das Europäische Solidarnosc-Zentrumin Danzig genannt, das die Geschichte der Gewerkschaft und sozialen Bewegung der Solidarnosc erzählt und auch dank des starken Rückhalts der Bevölkerung dem eisigen Wind der polnischen Regierung standhält. Vollkommen interaktiv und multimedial präsentiert sich hingegen das Museum M9in Mestre/Venedig, das die Geschichte Italiens zum Inhalt hat und sich vor allem an junge Menschen und Familien wendet. Neue Wege in der Erinnerungskultur geht auch das NS-Dokumentationszentrum München, das am Ort der ehemaligen NS-Parteizentrale entstanden ist und unter anderem diese Fragen beantwortet: Woher kommt der Nationalsozialismus? Wie kam Hitler an die Macht und warum scheiterte die Demokratie?

Die Geschichte Südtirols in der Festung Franzensfeste

Und wie kann die jüngste Geschichte Südtirols museal erzählt werden? Diese Frage beantwortete Hannes Obermair der Südtiroler Landesmuseen: Laut seinem Basiskonzept soll die neue Dauerausstellung der Festung in zwei Baukörpern der Unteren Festung entstehen und sich den großen Themen Grenzen, Begegnung, Trennung, Migration und Politik widmen. „Herausgefordert werde ich dabei von der besonderen Position am zentralen alpenquerenden Korridor, von den bestehenden Nutzungen, den militaristischen Aufladungen der Gebäude und von der enormen Dimension der Festung,“ erklärte er. Mit dem sogenannten „Alphabet der Festung“ könne er sich allerdings einen ersten Entwurf möglicher inhaltlicher Bespielungen vorstellen. Jeder Buchstaben des Alphabets wird einem Ausstellungsbereich und einem Unterthema zugeordnet: B stünde etwa für Brenner, D für Demokratien, F für Frieden, usw… „Es geht uns darum, die Vergangenheit abzubilden und gleichzeitig zur Reflektion und zum Mitdenken anzuregen,“ fasst der Historiker das Ziel der Museumsmacher zusammen. Im Jahr 2022 oder 2023 wird die Dauerausstellung eröffnet.

Landeshaptmann Arno Kompatscher betonte in seiner Rede bei der Tagung ebenfalls die Herausforderung, die jüngste Geschichte zu musealisieren und begrüßte in Hinblick auf die entstehende Ausstellung in der Franzensfeste den Austausch und die Diskussion darüber mit anderen europäischen Museen und Erinnerungsorten.

Auf dem Programm standen im Rahmen der Tagung auch Workshops und Führungen durch die Sonderausstellungen „Lost & Found. Archäologie in Südtirol vor 1919“ im Südtiroler Archäologiemuseum und „Mythen der Diktaturen. Kunst in Faschismus und Nationalsozialismus“ auf Schloss Tirol.

Organisiert wurde die Veranstaltung von den Südtiroler Landesmuseen und der Bayerischen Museumsakademie.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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