Du befindest dich hier: Home » Chronik » „Ein Blackout“

„Ein Blackout“

Alexandra Riffeser und Johnny Beutel

Der Psychiatrie-Star Reinhard Haller wird nun doch nicht Gutachter im Beweissicherungsverfahren zur Klärung der Zurechnungsfähigkeit von Johannes Beutel. Beutels Verteidiger sagen, ihr Mandant habe ein „Blackout“ gehabt.

Von Thomas Vikoler

Gerichtsgutachten sind eine auch juristisch heikle Angelegenheit. Besonders wenn es um die Klärung des Geisteszustandes zum Tatzeitpunkt geht. Weil Richter keine Psychiater sind, beauftragen sie solche, um die Zurechnungsfähigkeit/Unzurechnungsfähigkeit eine Beschuldigten zu klären.

Das wird auch im Mordverfahren gegen den 38-jährigen Johannes Beutel so sein. Beutels neue Vertrauensverteidiger Alessandro Tonon und Marco Ferretti haben an Voruntersuchungsrichter Peter Michaeler formell einen Antrag auf Einleitung eines Beweissicherungsverfahrens zur Klärung der Zurechnungsfähigkeit gestellt.

Wie vergangene Woche berichtet, sollte der österreichische Star-Psychiater und Buchautor Reinhard Haller diese Aufgabe übernehmen. Auf den ersten Blick eine ideale Besetzung: Haller sieht, wie in seinem jüngsten Buch ausgeführt, die Kränkung als „die Wurzel allen kriminellen Verhaltens“. Eine Kränkung ist der mutmaßliche Auslöser der Bluttat von Gratsch bei Meran: Johannes Beutel hat gestanden, am 24. September seine Lebensgefährtin Alexandra Rifesser mit einem Messer erstochen zu haben. Mit 43 Messerstichen, wie die Autopsie ergab. Dies, nachdem ihn, so Beutel in seinem neunseitigen Geständnis, seine Partnerin schwer beleidigt habe („Du Psycho“).

Doch Reinhard Haller wird Beutel nicht begutachten. Der Star-Psychiater ist „territorial unvereinbar“, wie man den Vorbehalt von Richter Michaeler umschreiben könnte. Sowohl Haller als auch Beutel sind Vorarlberger. Ob rein juristisch keine Inkompatibilität besteht, könnte der Eindruck entstehen, dass ein Vorarlberger den anderen über ein Gutachten von einer lebenslänglichen Haftstrafe bewahren könnte.

In der Wissenschaft dürfte die Herkunft eines Untersuchungsobjekts eigentlich keine Rolle spielen (was wäre wenn ein Südtiroler Psychiater einen Landsmann begutachtet?). Doch in einem Strafverfahren ist ein Einwand seitens der Verteidigung schnell formuliert und könnte Richter und (eventuell) Geschworene beeinflussen.

Deshalb ist der Voruntersuchungsrichter nun auf der Suche nach einem anderen Gutachter als Reinhard Haller. Keine einfache Angelegenheit, denn es gibt hierzulande wenige als Gutachter vereidigte Psychiater, welche die Sprache des beschuldigten Johannes Beutel sprechen. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Verteidigung für das Beweissicherungsverfahren aller Voraussicht nach auf einen bekannten Universitätsprofessor zurückgreifen wird.

Ein ungleiches Duell wäre zu vermeiden.

Indes spricht Neo-Verteidiger Marco Ferretti über einen Besuch bei seinem Mandanten im Bozner Gefängnis.

Johannes Beutel sei von dem Geschehenen stark gezeichnet und habe nichts Gewalttätiges an sich. Auch deshalb ist Ferretti davon überzeugt, dass er aus einem Impuls gehandelt habe, der sich nur medizinisch klären lasse: „Es war ein Blackout eines Mannes, der die Stunden vor der Tat in absoluter Ausgeglichenheit verbracht hat“.

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
Clip to Evernote

Kommentare (6)

Lesen Sie die Nutzerbedingungen

  • goggile

    unfassbar in was für einer Rechtslage wir leben. Mörder gehören lebenslang hinter gitter ohne jegliche gutachten, pakteleien oder sonstiges. es ist wohl niemanden der beteiligten macher bewusst, was es heist sein leben an einem Mörder zu verlieren, geschweige denn was dies für die angehörigen des Mordopfers bedeutet.

    es sollten keinerlei Berichterstattungen über Mörder weltweit passieren und lieber berichte über die, die das leben lassen mussten für MÖRDER!

    die spezie mensch soll sich SCHÄMEN; so mit Mordopfer im nachhinein umzugehen und Mörder zum guten hin zu medialisieren! dafür braucht es warscheinlich studientitel um solch Auffassungen zu vertreten. man sieht wie verblendet die Gesellschaft durch die völlig falsch laufende schuldiktatur hinführt!

    • andreas

      Goggile, vorausgeschickt, ich halte dich für strohdumm, wird also nicht viel bringen, dir etwas zu erklären.

      Eine Errungenschaft unserer Gesellschaft ist es, dass jeder, unabhängig der Tat, ein Recht auf eine angemessene Verteidigung hat. Diese beinhaltet auch Aspekte, welche dümmere Leute wie du wohl nicht verstehen, was unsere Gesellschaft aber nicht daran hindert, trotzdem so zu handeln.
      Kein Mensch ist als Mörder geboren, es gibt immer Gründe dafür, warum jemand zu einem Mörder wird.
      Es ist deshalb Aufgabe des Gerichts, diese Gründe zu finden und eine den Umständen entsprechende Strafe auszusprechen.

      Mit deiner Argumentation müsste man z.B. dir ein lebenslanges Sprechverbot geben, da 99% von dem was du schreibst, nur grober Unfug ist.

      • goggile

        Sie sind und bleiben eine 0. Rechtsanwaeltchen.

        • martasophia

          Gott sei Dank geht unser Rechtssystem den Gründen der Tat nach. Das ist ein Recht auch der Angehörigen des Opfers und des Täters. Außerdem ist es beispielsweise für die beiden Kinder, wenn die mal Erwachsene sind ganz wichtig zu wissen, wie es so weit kommen konnte, dass der Vater die Mutter getötet haben und da könnte das Rechtsgutachten ein hilfreicher Trost sein, mit dem schweren Schicksal leben zu können.

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2018 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | DATENSCHUTZ & AGB | Cookie Hinweis

Nach oben scrollen