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Die Sex-Erpressung

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Jede zweite Südtirolerin hat im Laufe ihres Lebens sexuelle Belästigung oder Erniedrigungen am Arbeitsplatz erfahren. Einige werden sogar von ihrem Vorgesetzten erpresst, wie aktuelle Fälle aus Südtirol zeigen. 

von Lisi Lang

Sie war Forschungsassistentin an einer Hochschule, mittlerweile lebt und arbeitet sie im Ausland. Ein Professor hat die junge Wissenschaftlerin sexuell belästigt. Gleichstellungsrätin Michela Morandell erinnert sich an den Fall: „Der Professor hat die junge Wissenschaftlerin immer wieder zum Abendessen eingeladen und irgendwann hat der Professor zur Wissenschaftlerin gesagt, dass alle bisherigen Assistentinnen mit ihm hätten schlafen wollen und das sei so Usus.“ Die junge Wissenschaftlerin wollte das aber nicht, traute sich aber auch nicht, dieses unlautere Angebot anzuzeigen. „Sie wollte nicht, dass der Vorfall publik wird, da sie Angst hatte, dass sie keine Arbeit mehr in einem wissenschaftlichen Bereich findet, da sie gegen ihren eigenen Professor vorgegangen ist“, sagt Michela Moradini. Zudem hätte die Forschungsassistentin keinen einzigen Zeugen gehabt, da keine ihrer Kolleginnen in den Fall mit reingezogen werden wollte. Erst nach Monaten habe eine dieser Kolleginnen die Gleichstellungsrätin kontaktiert und ihr mitgeteilt, dass sie nichts sagen könne, weil sie sonst ihre Stelle verliere. „Der Professor hat einfach nur gesagt, dass die junge Wissenschaftlerin etwas falsch verstanden hat“, erinnert sich die Gleichstellungsrätin.

Tapetenwechsel.

Maria (Name von der Redaktion geändert) ist als Reinigungskraft beschäftigt und auf ihren Job in der Putzfirma angewiesen. Immer wieder wird ihr Vertrag um drei Monate verlängert. Plötzlich ändert sich diese Situation rapide, da ihr Vorgesetzter sagt: „Entweder du schläfst mit mir, oder dein Vertrag wird nicht mehr verlängert.“

Michela Morandini

Es sind dies nur zwei schwere Fälle, welche die Gleichstellungsrätin in den letzten Monaten und Jahren beschäftigt haben. „Im zweiten Fall musste ich intervenieren, aber Die Frau selbst hatte Angst davor, weil sie glaubte, keinen Job mehr zu finden“, erklärt Michela Morandini.

Jede zweite Südtirolerin zwischen 14 und 65 Jahren hat schon einmal in ihrem Leben sexuelle Belästigung oder sexuelle Erpressung am Arbeitsplatz erfahren. Allein in den letzten drei Jahren waren es 18,6 Prozent. Das zeigen die neusten ISTAT-Daten aus dem Bericht „Sexuelle Belästigungen und Erpressungen am Arbeitsplatz“. Eine genauere Aufschlüsselung der Daten zeigt, dass gar 5,3 Prozent der Südtirolerinnen im Laufe ihres Lebens und 2,5 Prozent innerhalb der letzten drei Jahre sexuelle Erpressung am Arbeitsplatz erfahren haben.

Gleichstellungsrätin Michela Morandini überraschen diese Zahlen nicht: „Diese Zahlen sind sehr realistisch.“ Vor allem die Aufschlüsselung der Daten nach der Art der Belästigung, würde diese Tatsache untermauern. Großteils handelt es sich um verbale Belästigungen, gefolgt von Beschattungen, telefonischer Belästigung und auch physischer Belästigung. Auch das Thema Mobbing nimmt eine zentrale Rolle ein.

Die Daten der Gleichstellungsrätin zeichnen ein ähnliches Bild: Rund 5 Prozent der Beratungen finden mit Frauen statt, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erfahren haben. Zudem gebe es zahlreiche Fälle von multiplen Diskriminierungen und auch Mobbing, die häufig mit verbalen Attacken zusammenhängen. „Diese Frauen berichten mir sehr häufig, dass sie runtergemacht werden, ihr Äußeres kritisiert oder sie vor versammelter Mannschaft bloßgestellt werden – auch vom Chef“, erklärt Michela Morandini.

Viele Opfer möchten aber keine Intervention starten – aus Scham, aus   Angst, sie könnten ihren Arbeitsplatz verlieren oder auch, weil man nicht gebrandmarkt werden will. Auch das Outing falle vielen Frauen schwer. „Eine Frau hat mir einmal gesagt: Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich diesen Vorfall publik mache. Diese Frau wurde von einem Kollegen auf dem Parkplatz sexuell belästigt und bedrängt, aber traute sich nicht, etwas zu sagen, weil sie nicht wusste wie ihr Mann und ihre Kinder darauf reagieren“, erinnert sich Morandini. Viele Frauen hätten zudem Angst davor, eine unkontrollierbare Lawine loszutreten. „80 Prozent der Frauen, die Belästigung erfahren haben, sprechen mit niemandem darüber“, verweist Morandini auf die ISTAT-Daten. Die MeToo-Kampagne habe zwar eine zusätzliche Sensibilisierung bewirkt, allerdings würden sich noch immer viele Frauen nicht trauen, Vorfälle zu melden.

Was kann man aber tun, dass Frauen Vorfälle anzeigen und melden? „Wenn 80 Prozent der Frauen Vorfälle nicht melden, dann haben wir ein gesellschaftliches Problem, da wir keine sicheren Strukturen haben, die Frauen und Männern, Anlaufstellen bieten“, erklärt Michela Morandini. Zweitens müsse man noch viel Aufklärungsarbeit leisten, dass es sichere Wege und rechtliche Möglichkeiten gibt, aber auch, dass die Möglichkeiten gibt, dass Rechtsspesen übernommen werden oder die Gleichstellungsrätin für ein Opfer klagen kann. Die Gesetze seien zwar so gemacht, meint Morandini, dass sie Frauen schützen, leider sehe die Realität oft anders aus. „Die Opfer werden häufig zu Tätern gemacht“, bedauert die Gleichstellungsrätin.

„Drittens müssen wir sicher noch weiter sensibilisieren, dass Frauen Vorfälle richtig einschätzen und sofort melden und nicht erst nach vielen Jahren“, so die Gleichstellungsrätin.

Auch Männer erfahren laut ISTAT Gewalt am Arbeitsplatz – vor allem verbale Attacken von männlichen Kollegen. „Ich glaube nicht, dass dies ein neues Phänomen ist“, erinnert sich die Gleichstellungsrätin an einige ihrer Fälle. „Ich glaube, dass andere Dynamiken dahinterstecken ob ein Mann einen Mann oder ein Mann eine Frau sexuell diskriminiert – aber das Phänomen, dass jemand abgewertet wird, ist nicht neu.“

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