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    „Wir werden noch staunen“

    Elmar Thaler (Foto: SSB)

    Schützen-Chef Elmar Thaler ist überzeugt, dass Katalonien „irgendwann“ ein unabhängiger Staat werde. Und er kritisiert das nationalistische Gedankengut in Europa.

    Tageszeitung: Herr Thaler,wie groß ist Ihre Enttäuschung darüber, dass Carles Puigdemont die Unabhängigkeit Kataloniens vorerst aussetzt?  

    Elmar Thaler: Enttäuschung ist gar keine da, vielmehr die Spannung vor dem, was jetzt passieren wird. Der spanische Ministerpräsident hat Katalonien dazu aufgefordert, sich zu entscheiden und klar zu sagen, ob es die Unabhängigkeit ausgerufen hat oder nicht. Danach könnte es sein, dass Madrid den Artikel 155 (die sogenannte „nukleare Option“, A.d.R.) zur Anwendung bringt. Mich wundert es doch sehr, dass es für Europa ein so großes Problem ist, wenn Katalonien aus dem spanischen Staatenverbund austritt. Diese Haltung ist nicht im Sinne Europas, denn auch als unabhängiger Staat würde Katalonien ja weiterhin zu Europa gehören. Dieser Umstand zeigt, wie weit verbreitet das nationalistische Gedankengut in Europa noch immer ist.

    Was soll Carles Puidgemont nun Spanien mitteilen?

    Er soll seinen Weg weitergehen. Das Volk hat in dem Referendum ganz klar seinen Willen zum Ausdruck gebracht, obwohl Madrid alles getan hat, um diese Abstimmung zu verhindern. Das Ergebnis ist eindeutig, es lässt keinen Zweifel über die Zukunft Kataloniens offen.

    Wenn Madrid den Artikel 155 anwendet und die katalanische Regionalregierung entmachtet, dann wird es nichts mit der Unabhängigkeit …

    Sollte das tatsächlich passieren, dann würde die Maske fallen. Man würde sehen, dass Europa in Wirklichkeit nur eine Feigenblatt für die Nationalisten sein.

    Wie sehr wirkt sich die Entwicklung Kataloniens auf die Unabhängigkeitsbestrebungen in Südtirol aus?

    In der Vergangenheit, zum Beispiel bei der Abstimmung in Schottland, haben die Gegner der Unabhängigkeit immer gesagt, dass Südtirol mit anderen Regionen nicht vergleichbar sei. Jetzt sage ich es. Natürlich muss man auf die Unabhängigkeit gut vorbereitet sein. Doch wenn man sich immer nur auf das Phantomargument berufen hätte, wonach die Staaten unteilbar seien, dann wären viele der heutigen Staaten nie entstanden, weil dies gegen die Verfassung der jeweiligen Vorgängerstaaten verstoßen hätte. Auch Italien würde es heute nicht geben. Ich bin überzeugt, dass in Katalonien kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Es ist wie ein Kochtopf, der siedet. Du kannst zwar den Deckel drauflegen und dich draufsetzen, doch irgendwann wird der Kochtopf trotzdem übergehen – so wie Katalonien irgendwann ein unabhängiger Staat sein wird.

    Irgendwann heißt?

    Da müsste man Hellseher sein. Das könnte Wochen, Monate oder auch länger dauern.

    Eine gewisse Ernüchterung ist aber auch bei Ihnen eingetreten?

    Im Gegenteil. Ich bin froh, dass sich jemand getraut hat, diesen Schritt zu gehen. In Katalonien gab es vorher nie eine Mehrheit für die Unabhängigkeit, jetzt ist sie da. Der Weg ist das Ziel. Deshalb bewundere ich die Katalanen.

    Wann wird Südtirol ein Unabhängigkeits-Referendum durchführen?

    Keine Ahnung! Das hängt von der Bevölkerung, den Verantwortungsträgern und den Umständen ab. Kein Land ist mit den anderen vergleichbar. Deshalb sind wir gut beraten, nicht nur die Phase der Umsetzung der Unabhängigkeit in Katalonien, sondern auch die Phase danach zu beobachten. Dann werden wir feststellen, wie stark sich das unabhängige Katalonien entwickelt und selbst auf dieses Ziel hinarbeiten. Denn dass Spanien unbedingt Katalonien bei sich halten will, hat wirtschaftliche Gründe. Das heißt aber, dass Katalonien auch als eigenständiger Staat absolut überlebensfähig wäre. Wir werden noch staunen.

    Interview: Matthias Kofler

    Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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    Kommentare (13)

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    • erich

      Das Problem ist, dass sich Thaler, SF und STF in etwas verstiegen haben wo es keinen Ausweg gibt. Sie müssen ihre nationalistischen Gedanken mit aller Kraft weiter tragen um in der Aufmerksamkeit zu bleiben, wenn sie auch selber nicht wissen welche Folgen es hat. Andernfalls ist nicht nur die doppelte Staatsbürgerschaft Geschichte sondern sie selbst auch.

    • andreas

      In welcher Welt lebt Thaler?
      Sogar ein großer Teil der Katalanen hat jetzt verstanden, dass es so nicht geht. Von 7 Unternehmen, welche im größten Aktienindex von Spanien vertreten sind und in Katalonien ihren Sitz hatten, haben 6 ihren Sitz schon verlegt, ein einziges ist übrig geblieben. Katalonien würde bei einer Trennung 30-40% der Wirtschaftsleistung verlieren.
      Auch wären sie sofort raus aus der EU.
      Weiß es Thaler wirklich nicht besser oder ist er so verblendet, dass er solchen Unfug erzählt.
      Niemand kauft den Katalanen ab, dass sie unterdrückt werden, eher werden die drangalisiert, welche in Katalonien spanisch sprechen wollen.

    • herrbergsteiger

      In einer Lesermeinung ist zu lesen, dass Südtiroler die vom Nationalstaat Italien weg wollen, Nationalisten sind.
      Das ist vor allem für Südtiroler eine interessante Sichtweise, um eine Selbstbestimmung abzulehnen und Eigeninitiative/Eigenverantwortung zu verweigern.

      Deutsche, egal ob in Südtirol oder Vorpommern, waren immer schon beseelt von dem Gedanken, brave Untertanen zu sein. Das kann nämlich so herrlich bequem sein. Alles wird einem abgenommen, sogar das selbständige Denken!

      • andreas

        Wenn das Ergebnis vom „selbständigen Denken“ die Meinung Thalers ist, würde ich vorschlagen, es mit dem Denken bleiben zu lassen, der Text strotzt nur so von inhaltlichen Fehlern.
        Bezeichnend aber, wenn Leute, welche auf Rattenfänger reinfallen, anderen unterstellen, nicht zu denken.

        • herrbergsteiger

          Bei der Begründung, warum Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung nicht notwendig sind, sind die Südtiroler recht einfallsreich und erfinderisch. Notfalls wird in Rom und Brüssel nachgefragt.
          Nirgendwo in Europa wird Opportunismus so erfolgreich gelebt, wie in Südtirol. Opportunismus hat in Südtirol allerdings auch einen andern Namen- und eine andere Definition auch …

          • andreas

            Opportunismus ist das zielführenste Mittel, um etwas zu erreichen. Was nützt blinde weltfremde Ideologie, wenn man dann so da steht, wie jetzt die Katalanen? Mit direkter Konfrontation ist auf dem Verhandlingsweg selten etwas zu erreichen, außer halt Thaler möchte seine Schützen dafür in Stellung bringen.
            Es wäre doch lächerlich, wenn Südtirol behaupten würde, dass es unterdrückt wird. Wir würden genau so verspottet, wie jetzt die Katalanen, welche nicht mehr ernst genommen werden.

            • herrbergsteiger

              Wenigstens geben Sie zu, erfolgreicher Opportunist zu sein. Mich widert jede Form von Opportunismus an.
              In Südtirol wird in der Tat niemand geknebelt, wenn er sich weigert, die iatl. Nationalhymne zu singen. Aber wer sich das auch als Sportler verweigert, der darf höchstens noch zu den regionalen Schülermeisterschaften antreten.
              Und jeder in Südtirol darf seine Muttersprache verwenden, obwohl die deutschen Orts- und Flurnamen nur geduldet werden. Nur bei Gereicht nicht. Man darf halt nicht mit dem Gesetzt in Konflikt kommen. Aber das betrifft Opportunisten eher weniger …
              Herrlich! Nirgendwo auf der Welt gibt es zufriedenere und fettere Opportunisten, wie im Andreas Hofer-Land Südtirol …

              LG und eine schöne Arbeitswoche!

          • mannik

            „Kriecher und Heuchler“? Wie Meister Schiebel die Südtiroler bezeichnet?

    • rota

      Wie immer wird der bunteste Vogel welcher am lautesten singt bewundert.

    • mannik

      Thaler: „Doch wenn man sich immer nur auf das Phantomargument berufen hätte, wonach die Staaten unteilbar seien, dann wären viele der heutigen Staaten nie entstanden, weil dies gegen die Verfassung der jeweiligen Vorgängerstaaten verstoßen hätte. Auch Italien würde es heute nicht geben.“
      Gewaltig! Man sollte dem Mann einen historischen Atlas aus der Zeit vor der Einigung schenken und ihm zeigen, dass genau das umgekehrte Phänomen stattgefunden hat.

    • cif

      Das Referendum ist Mittel zum Zweck und diente allein zur Druckausübung damit es überhaupt zu Gesprächen mit dem Staat kommt. Ein drittel der erwirtschafteten Leistungen fliessen anscheilich ins Land zurück. Wir Südtiroler wären bei dieser Finanzaufteilung schon lange auf die Barrikaden gegangen.

    • andreas69

      Was redet der für einen Stuss daher? Einerseits befürwortet er lautstark die Gründung eines neuer Nationalstaates inmitten Europas und auf der anderen Seite wettert er gegen das „nationalistische Gedankengut Europas“. Ist dieser Bub noch bei Trost?

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