Du befindest dich hier: Home » Kultur » Märchen knallhart

Märchen knallhart

„Die andere Seite der Hoffnung“ soll der letzte von Kaurismäkis Filmen sein, sagt er selbst. Wäre schade.
von Renate Mumelter
Am Anfang von „Die andere Seite der Hoffnung“ steht Khaled Ali im Vordergrund. Er wird von Sherwan Haji so zurückhaltend und doch so nachdrücklich gespielt, dass es weh tut. Unter einem Haufen Kohle versteckt landet Khaled schwarz im Gesicht in Helsinki. Hierhergekommen ist er durch puren Zufall. Zu Hause in Aleppo sind alle tot, nur seine Schwester irrt irgendwo durch Europa. Der junge Mechaniker sucht sie verzweifelt.
Zur selben Zeit trennt sich in Helsinki der alternde Hemdenvertreter Waldemar Wikström von seiner trinkenden Frau und versucht, neu anzufangen. Dass die beiden Geschichten miteinander zu tun bekommen, ist von Anfang an klar. Waldemar wird von Kaurismäki in ein Ambiente gesetzt, das aus den 1950er Jahren kommt, jenen Jahren, in denen der Aufbau noch bevorstand, kargen Jahren. Aber Waldemar lebt im Jetzt. Nur optisch erlaubt es sich der Film, aus der Zeit zu fallen.
Waldemar jedenfalls baut sich eine neue Zukunft und hilft Khaled dabei, an der seinen zu bauen.
Kaurismäki erzählt von Träumen, von Leuten, die Menschlichkeit leben wie der Schlepper, der kein Geld will fürs Risiko, von der Mitarbeiterin des des Flüchtlingslagers, die gratis Fluchthilfe betreibt, er erzählt von Flüchtlingen, die ihre Würde nie verlieren und trotz aller Traumata Freundschaft leben. Er erzählt aber auch von Schlägern, Stechern und Vollstreckern. Ein knallhartes Märchen in präzisen Bildern und bewegendem Schauspiel. Ein Segen fast schon, dass Kaurismäki zwischen die Stille Musik bringt, die zum Mitwippen auffordert. Die Interpreten der Stücke sind ausschließlich ältere Männer aus Finnland.
Die Synchronisierung erfolgte nach Anweisungen von Kaurismäki. Das tut dem Film gut.
„L’altro volto della speranza“ (Fi 2017), 101 Min., Regie: Aki Kaurismäki: Mit Sherwan Haji. Bewertung: Präzise, bewegend, verträumt, hart
Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
Clip to Evernote

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2013 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | AGB | Cookie Hinweis

Nach oben scrollen