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„Ein Brandbeschleuniger“

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Immer häufiger wird Social Media beschuldigt, sich negativ auf die Jugend auszuwirken. Der Psychologe Michael Reiner erklärt, dass man die Schuld jedoch nicht nur bei Tik Tok, Instagram und Co. suchen sollte.

Tageszeitung: Herr Reiner, Anfang Juni kam ein Junge bei einem Autounfall in Rom ums Leben, da der andere Fahrer von einer Social-Media-Challenge abgelenkt wurde. Wie gefährlich sind solche Mutproben wirklich?

Michael Reiner: Wie gefährlich Challenges sind, ist schwer einzuordnen, da es sich um eine riesige Bandbreite handelt: Diese reicht von kleineren Mutproben, die an sich nicht schädlich sind, wie die Eiskübel-Herausforderung, bei welcher auf die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufmerksam gemacht und Spendengelder für deren Erforschung und Bekämpfung gesammelt wurden. Bis hin zu Challenges, die für die Person selbst oder für Außenstehende sehr gefährlich werden können, wie der traurige Fall des verstorbenen Jungen beweist.

Ist sich die Jugend der Gefahr noch bewusst?

Solche Mutproben gab es schon lange Zeit vor Social Media, demnach kann man den Plattformen nicht die ganze Schuld unterstellen. Gerade im Jugendalter kommt es oft vor, dass man sich miteinander messen will. In diesem Alter gerät man häufig in die paradoxe Situation, einerseits dazugehören, auf der anderen Seite herausstechen zu wollen. Gleichzeitig will man auch die eigenen Grenzen austesten, was zu den Entwicklungsschritten der Jugend dazugehört. Tatsächlich ist die größte Gefahr, dass Jugendliche nicht die Konsequenzen erkennen können oder gar wollen, wodurch sich größere Gefahren ergeben. Weshalb meine Antwort Jein lautet.

Warum Jein?

Weil sie die Gefahr entweder unterschätzen oder sich überschätzen. Was jedoch unterm Strich bleibt, ist, dass die Gefahr falsch eingeschätzt wird. In den meisten Fällen geht man die Gefahr selbst ein, wie beispielsweise für spezielle Fotos sich an einem Berghang zu begeben oder die jüngste Neuigkeit, dass eine Zwölfjährige bei der Blackout-Challenge, wo man sich selbst bis zur Bewusstlosigkeit würgt, gestorben ist. Das sind meist Grenzerfahrungen, welche bedauerlicherweise oft nach hinten losgehen. Was für mich jedoch wichtig ist, dass man nicht alles auf die Jugend schieben darf, da das Grenzen austesten über das Jugendalter hinausgeht und somit auch Erwachsene davon betroffen sein können.

Tragen auch die Likes ihren Teil dazu bei?

Ja, da die Likes einen Punkt treffen, wo wir alle sehr empfänglich sind und bei genau ihm beginnt alles: Jeder Mensch sehnt sich nach Wertschätzung und Anerkennung. Dieser Teil unserer Selbst will immer gefüttert werden, nicht nur durch Lob, sondern auch durch die von Likes überbrachte vermeintliche Anerkennung. Gerade die Challenges und Social-Media-Plattformen bedienen sich dieses Bedürfnisses sehr gut, da sie uns das Gefühl vermitteln etwas geschafft zu haben und somit mehr wert zu sein.

Gleichzeitig wird alles gefilmt – wie wirkt sich das aus?

Die Möglichkeit es einer breiteren Masse zu zeigen, wirkt sich wie ein Brandbeschleuniger auf das Phänomen aus. Je mehr Publikum ich erreichen kann, desto relevanter wird es bei der Aktion. Der ausschlaggebende Unterschied zwischen den früheren und den heutigen Mutproben liegt darin, dass das damalige Publikum kleiner war und es im Extremfall auch intervenieren konnte. Heutzutage bietet Social Media den Menschen eine große Plattform mit der entsprechenden Reichweite, wodurch sie einerseits über ein großes Publikum verfügen und andererseits täglich mit Challenges konfrontiert werden, wodurch der Druck, sich immer wieder zu übertreffen, steigt. Gleichzeitig findet in den sozialen Medien vieles im stillen Kämmerlein statt, weshalb mich längere Zeit niemand finden wird, wenn ich mich bis zur Bewusstlosigkeit würge.

Werden die sozialen Kompetenzen beeinflusst?

Der Jugend wird oft unterstellt keine sozialen Kompetenzen mehr zu habe, da sie nur mehr hinter der Tastatur hocken. Dies ist jedoch zu weit hergeholt. Social Media wirkt sich sowohl positiv als auch negativ auf die sozialen Kompetenzen aus: Positiv ist, dass man dadurch leichter in Kontakt mit anderen Menschen treten kann. Ein scheinbar positiver Aspekt, ist, dass man sich auch hinter der Technologie verstecken kann, um unangenehme Situationen zu vermeiden, welche jedoch wichtig für die persönliche Entwicklung sein könnten. Dies betrifft vor allem Menschen, die im Umgang mit anderen unbeholfen sind. Zum Beispiel erscheint die Möglichkeit, ungezwungen mit jemanden zu schreiben, statt sich mit dieser Person zu treffen, per se als nichts Schlechtes. Für die breite Masse ist es möglicherweise auch kein Problem, jedoch werden manche der Chance beraubt, ihre Fähigkeiten zu verbessern.

Sind Altersgrenzen für Tik Tok, Instagram und Co. sinnvoll?

Auf vielen Social-Media-Plattformen wurde als Mindestnutzungsalter 13 Jahre festgelegt, wobei sie in Italien bei 14 liegt. Dennoch reicht es nicht aus, sich nur hinter einer möglichen Begrenzung zu verstecken, da man diese ohne Weiteres umgehen kann und die Verantwortung größtenteils den Eltern obliegt. Sie haben zum Teil die Möglichkeit für das eigene Kind zu entscheiden, welche Plattformen es nutzt, da das Gerät über ihren Namen läuft und somit sie die Verantwortung tragen, weshalb man, statt Begrenzungen auszusprechen, eine Bewusstseinsförderung bei den Eltern und Jugendlichen betreiben sollte.

Interview: Stefanie Putzer

 

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Kommentare (1)

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  • andreas

    Die Jugend nutzt/macht das, was ihr die Erwachsenenwelt bereitstellt bzw. vorlebt.
    Und wie gestört die Erwachsenenwelt teilweise ist, hat man bei Corona gesehen.
    Manche sind immer noch auf dem Verfolgungstrip und meinen, dass hinter jeder Ecke Bill Gates oder der LH steht und ihnen einen Mircrochip injizieren will oder so ähnlich.
    Manche möchten anscheinend eine „Aufarbeitung“, von was auch immer, um ihre gekränkte Seele wieder ins Lot zu bringen, da sie anscheinend eine endlose Demütigungen erlitten haben, glaub ich halt. 🙂

    Die Typen haben mit grober Fahrlässigkeit unendliches Leid über die Familie gebracht, doch was Salvini und die Repubblica gerade veranstalten, ist moderen Hexenjagd und es wäre nicht wirklich überraschen, wenn jemand dem Fahrer nach dem Leben trachten und als Rechtfertigung Salvini und Repubblica zitieren würde.

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