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„Den Planeten lieben“

Gail Brandbrook (Foto: Tiberio Servillo)

Um zivilen Ungehorsam und die Donut-Wirtschaft als Alternative ging es  in den Reden von Gail Bradbrook und Leonora Grcheva bei den Sustainability Days in Bozen.

Tag 2 der Nachhaltigkeitstage stand ganz im Zeichen der Vorstellung des Aktionsplans 2030 für die Landwirtschaft,  der Diskussion über Energiegemeinschaften und der Reden von bekannten Vortragenden aus aller Welt, darunter Gail Bradbrook, Leonora Grcheva, Laura Storm, Ulrike Arens-Azevêdo und Alfons Balmann sowie Clover Hogan.

Gail Bradbrook: „Wie ziviler Ungehorsam den Wandel fördert“

Die britische Biophysikerin und Naturschutzaktivistin Gail Bradbrook ist davon überzeugt, dass ein ziviler, gewaltloser Ungehorsam den notwendigen Wandel vorantreiben kann. Die Bewegung „Extinction Rebellion“ tut genau das. Diese wurde 2018 in Großbritannien ins Leben gerufen. Sie fordert, dass britische Politiker die Wahrheit über die ökologische Krise sagen, den Notstand ausrufen und dringende Maßnahmen zur Emissionsreduzierung einleiten. Diese Bewegung des zivilen Ungehorsams versteht sich als eine Form der Demokratie und ist, in Anlehnung an frühere Größen wie Gandhi oder Martin Luther King, heute in 75 Ländern mit über 1.000 Gruppen weltweit vertreten.

Manchmal führen Aktionen des zivilen Ungehorsams zu neuen Ideen und Lösungen.

„Niemand wird die Menschen vor dem politischen System retten, in dem sie leben, wir müssen uns selbst retten“, sagte die Aktivistin. Die Idee dieser Aktionen bestehe darin, sich so weit wie möglich zu widersetzen und seine Wut auf die politischen Systeme auszudrücken. Aber eine der wichtigsten Grundlagen sei die Liebe. Viele Teilnehmer würden den Akt des zivilen Ungehorsams als eine Art Gebet an das Leben ansehen, als einen Moment, um darüber nachzudenken, warum wir hier sind und uns an unsere Liebe für den Planeten und die Menschheit zu erinnern, so Bradbrook.

„In unserer Gesellschaft liegt der Schwerpunkt ständig auf dem Bruttoinlandsprodukt BIP, aber die Umwelt muss Vorrang haben. Können wir in einer Gesellschaft, die ihre Entscheidungen auf das Wirtschaftswachstum stützt, wirklich einen nachhaltigen Wandel herbeiführen?“, fragte Bradbrook. Das Paradigma des „immer mehr“ müsse ein Ende haben. „Das politische und wirtschaftliche System, das die Welt beherrscht, muss sich ändern. Wir müssen etwas zurücklassen, dass zum Schutz des Planeten dient“, sagte die Aktivistin.

Leonora Grcheva: „Von degenerativ zu regenerativ“

Vom Teilen zum Verteilen. Von linear zu zirkular. Von degenerativ zu regenerativ. Von lokal zu global. Vom Wohlergehen zu einem weiter gefassten Wohlfahrtskonzept. Dies ist die andere Art der Herangehensweise an die zivile, wirtschaftliche und ökologische Gesellschaft nach dem Ansatz der Donut-Ökonomie, die Leonora Grcheva, Stadtplanerin, Forscherin und Leiterin des Bereichs Städte und Regionen bei „Doughnut Economics Action Lab“ bei den Sustainability Days erläuterte.

Die kürzlich konzipierte Doughnut Economy schlägt eine Vision vor, die außerhalb einer Reihe von Kreisen die planetarischen Grenzen sieht, innerhalb derer die Gesellschaften handeln sollten, um Lebensräume zu erhalten.

„Es wird immer deutlicher, dass wir diese Grenzen nicht einhalten, und dass der Planet darunter sehr leidet“, sagte die Stadtplanerin. Grcheva veranschaulichte, dass der Ansatz der Donut-Ökonomie in der Praxis auf jeder Ebene der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Komplexität anwendbar ist. Es sei ein entscheidender Ansatz, der anhand von vier einfachen Fragen hinsichtlich der zu erreichenden Ziele einen Paradigmenwechsel, erfordere, und zwar vom Wohlergehen zu einem weiter gefassten Wohlfahrtskonzept.

Leonora Grcheva (Foto: Tiberio Servillo)

Laura Storm: „Der Blick auf das große Ganze: Eine Welt der Erneuerung“

„Massives Artensterben, Abholzung der Wälder, Plastik verseuchte Ozeane – wir überschreiten gerade massiv unsere planetaren Grenzen, seit den 50-er Jahren leben wir in einer rasanten Beschleunigung. Sei es in der technologischen Entwicklung, aber auch in der Nutzung der Ressourcen“, sagte die Nachhaltigkeitsexpertin Laura Storm.

Dies bringe eine zunehmende psychische Belastung der Menschen mit sich. Kurzum: Alle Systeme seien stressbelastest. „Erst wenn wir unsere Denkweise änderung und um die Ecke denken, anders als gewohnt, können wir neue Lösungen finden“, betonte Storm. Vor 2000 Jahren löste das solare Zeitalter das bis dahin herrschende lunare Zeitalter ab. „Während die Menschen vorher eng mit ihrer Umwelt zusammenlebten, Gott in allem sahen, distanzierten wir uns danach immer mehr. Mensch und Natur waren sich nicht mehr nahe. Man wechselte zu einer extraktiven Sichtweise, die wiederum die Wissenschaften hervorbrachte und die industrielle Revolution“, erklärte die Fachfrau für Nachhaltigkeit.

Mit dem Fortschritt seien auch die Organisationen hierarchisch geworden. An der Spitze stünden Einzelne, die für viele entscheiden. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass die Resignation, die „innere Kündigung“, immer mehr zunehme, weil sich die Menschen nicht mehr mit den Werten ihres Arbeitgebers identifizieren können.

„Wir müssen aus unserer Evolution lernen und dies auch auf unser Business übertragen“, forderte die Expertin.

Für Storm setzt sich die DNA einer regenerativen Führung aus Design, Kultur und Wesen zusammen. Mit Design meint die Nachhaltigkeitsexpertin etwa bioinspirierte Innovationen; die Kultur sollte jene eines respektvollen Arbeitsumfeldes sein, das die Vernetzung fördert, anstelle des Wettbewerbsdenkens. Das Wesen regenerativer Führung sieht Storm in der Schärfung der eigenen Wahrnehmung.

„Schließlich kann jeder von uns ein Leader sein, indem wir uns bewusst machen, was wir wirklich tun wollen. Denn die Qualität des inneren Ökosystems beeinflusst auch das äußere Ökosystem. Wir sollen einen neuen Lebensstil finden und uns als zyklische Lebewesen wieder-entdecken“, sagte Storm.

Ulrike Arens-Azevêdo und Alfons Balmann: Veränderte Bedürfnisse  erfordern die Umgestaltung der Landwirtschafts- und Lebensmittelsysteme

Der Agrarökonom Alfons Balmann gab bei den Sustainability Days einen Überblick über die Zukunft der Landwirtschaft und ihrer Produktionsweisen, machte deutlich, dass ein Veränderungsprozess notwendig sei und nannte dafür vier Gründe: Man soll dadurch Probleme und Interessenkonflikte überwinden können, zahlreiche externe Faktoren drängen auf Veränderungen, es gibt zu viele agrarpolitische Maßnahmen gibt, die aufgrund mangelnder Aufrichtigkeit und Transparenz Probleme schaffen und schließlich ist ein Übergang zur Nachhaltigkeit ist unerlässlich.

Der Genuss gesunder und nachhaltiger Lebensmittel zu fairen Preisen ist laut Balmann nach wie vor ein Ideal, da diese beiden Konzepte oft auseinanderklaffen. „Es ist dringend notwendig und wünschenswert, verschiedene Runde Tische zu etablieren, um zu einer gemeinsamen Liste von Zielen zu gelangen“, unterstrich der Agrarökonom.

Ulrike Arens-Azevêdo, ehemalige Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, schlug eine andere Perspektive der Ernährung vor. In Anbetracht der Unterschiede zwischen Ernährungsunsicherheit (Nahrungsmangel) und Mangelernährung (falsche Ernährung) und der offensichtlichen Unterschiede zwischen entwickelten Ländern und Entwicklungsländern betonte Ulrike, dass die Ernährung heute auch als Risikofaktor nicht nur für die Gesundheit des Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft und den Planeten betrachtet werden müsse. „Obwohl das Lebensmittelsystem geändert werden muss, erfolgt dies nicht, denn es müssten die Bedürfnisse aller berücksichtigt werden und auf eventuelle Kompromisse eingegangen werden“, sagte Arens-Azevêdo.

Clover Hogan: „Alles, was wir zum Handeln brauchen, steckt bereits in jedem von uns“

Clover Hogan, die junge Klimaaktivistin und Gründerin von Force of Nature, erzählte, dass sie seit ihrer Kindheit eine besondere Sensibilität für Umweltthemen hatte und Tränen vergoss, wenn im Fernsehen Bilder von Umweltkatastrophen gezeigt wurden. Ihre Leidenschaft habe dazu geführt, dass sie auf der Bühne mit Unternehmensriesen wie den Geschäftsführern von P&G, Twitter und YouTube sowie mit globalen Umweltschützern stieg. Hogan sagte, dass es im Verhältnis zur Bevölkerung und angesichts der Ausmaße des Problems, wenig Beteiligung an Umweltangelegenheiten gebe.

„Es besteht eine Art, ökologische Angst zu bekämpfen. Angesichts des dringenden Handlungsbedarfs und der Tatsache, dass viele große Unternehmen und Organisationen diese Probleme zum Anlass für höhere Gewinne nehmen, müssen Maßnahmen ergriffen werden“, forderte die Klimaaktivistin. Das sei manchmal nicht leicht, denn ein geringes Selbstwertgefühl führe zu Unbeweglichkeit. „Aber alles, was wir zum Handeln brauchen, steckt bereits in jedem von uns“, betonte Hogan.

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