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Wer gewinnt die EM?

Der Bozner Stefano Bizzotto ist einer der bekanntesten Sportjournalisten Italiens. Wen er bei der Europameisterschaft favorisiert.

Tageszeitung: Herr Bizzotto, wie erleben Sie als Bozner die Rivalität zwischen Deutschland, Österreich und Italien?

Stefano Bizzotto: Bei uns in Südtirol wird oft darüber gesprochen. Ich erinnere mich daran, dass es bei allen großen Turnieren diese Rivalität zwischen Deutschland, Österreich und Italien gab. Ich habe als Kind in Haslach gelebt, wo sowohl italienischsprachige als auch deutschsprachige Familien lebten. Als wir als Kinder Fußball gespielt haben, hat man immer Deutschland gegen Italien nachgespielt.

Wie wird der Fußball in diesen drei Ländern gelebt? Was sind die Unterschiede?

In Österreich war ich aus beruflichen Gründen noch nicht ganz so oft, aber ich habe den Eindruck, dass es für die Österreicher vor allem wichtig ist, gegen Deutschland zu gewinnen, egal ob für Spieler oder Fans. Man spricht heute noch in Österreich von den Helden von Corodoba, die 1978 bei der WM in Argentinien gegen Deutschland gewonnen haben. Das hatte zwar keine Auswirkungen für Österreich, aber es war eine große Befriedigung für die Österreicher damals. Die Aussage des Kommentators „I werd narrisch“wird heute noch oft zitiert. In Österreich vergleicht man sich also oft mit Deutschland. In Italien ist der Fußball pure Passion. Selbst heute spricht man noch von Ereignissen die Jahrzehnte zurückliegen, beispielsweise einem aberkannten Treffer im Spiel Roma gegen Juventus im Jahr 1981. Jedes Mal wenn die beiden Mannschaften gegeneinander spielen, wird diese Szene herausgekramt. In Deutschland ist das anders. Auch wenn es kontroverse Episoden gegeben hat, ist vieles am Tag darauf wieder vergessen.

Wer wird diese Europameisterschaft gewinnen? Frankreich wirkt unbesiegbar. Werden sie ihre Favoritenrolle erfüllen?

2016 ist Portugal mit drei Unentschieden in die EM gestartet, sie waren fast ausgeschieden. Am Ende haben sie aber den Sieg geholt. Es gewinnt also nicht immer die stärkste oder favorisierte Mannschaft. Bei einer EM zählen einfach andere Sachen: Der Zusammenhalt in der Mannschaft, die Einstellung oder der Wille. Wenn man sich nur aufs spielerische konzentriert, ist Frankreich der Favorit, danach kommt Italien. Aber wenn Sie mir die Frage in einer Woche nochmal stellen, antworte ich anders auf diese Frage.

Halten Sie als Kommentator zu einer Mannschaft oder sehen sie sich die Spiele neutral an?

Ich freue mich, wenn die italienische Nationalmannschaft so weit wie möglich kommt. Der italienische Fußball musste ein neues Bild nach der verpassten WM 2018 in Russland abgeben und das ist mit Roberto Mancini und seiner beeindruckenden Arbeit gelungen. Ich hoffe, dass Italien gewinnt, aber ich werde keinen Auto-Corso veranstalten.

Italien ist es nach der verpassten WM gelungen, den Umbruch einzuleiten, Deutschland hat das bislang nicht geschafft. Was hat Italien anders gemacht als Deutschland?

Italien hat es geschafft, starke junge Spieler heranzuziehen. In den Jahrgängen 1997, 98 und 99 gibt es viele starke italienische Spieler. Bei den Deutschen gibt es dagegen nur Kai Havertz, der gegen Frankreich enttäuscht hat. Es gibt zwar noch einige talentierte Spieler wie Wirtz oder Musiala, aber sie sind noch nicht reif genug, um die Mannschaft zu führen. Italien ist es gelungen. Eine Generation an talentierten Spielern in die Nationalmannschaft zu ziehen. Roberto Mancini leistet zudem akribische Arbeit, Jogi Löw ist dagegen am Ende seiner Ära, hat versucht neue Spieler heranzuziehen, dann aber erkannt, dass er die Erfahrung von Hummels und Müller braucht.

War es die richtige Entscheidung von Jogi Löw Mats Hummels und Thomas Mülller zurückzuholen?

Wenn man das Spiel gegen Frankreich anschaut muss man sagen, dass es wohl nicht die richtige Entscheidung war. Hummels hat das Eigentor verursacht und Müller war nie im Mittelpunkt des Geschehens, man braucht aber Antreiber und Führungsfiguren. Hummels und Müller haben das Zeug dazu. Das Problem ist, dass Deutschland ein starker Stürmer fehlt. Der französische Tormann musste nicht einmal eingreifen und das ist ein großes Problem.

Österreich wird als potenzielle Überraschungsmannschaft gehandelt. Können die Österreicher diese Rolle erfüllen?

Viel hängt von Marko Arnautovic ab. Fast die gesamte Mannschaft spielt in der Bundesliga, das heißt, das Niveau ist hoch. Spieler wie Sabitzer, Alaba, Schlager, Lainer, Laimer, Ulmer oder Hinteregger haben viel Erfahrung gesammelt. Österreich hätte für eine Überraschung gut sein können, wenn Arnautovic gut drauf ist.

Was halten Sie von dieser Pan-Europäischen EM? Könnten große Turniere auch künftig in verschiedenen Ländern stattfinden?

Nein, das glaube ich nicht. Die EM 2020 ist eine Ausnahme, denn eigentlich sollte die EM ja 60 Jahre nach der ersten EM stattfinden. Es ist also eine Hommage an die EU: 2024 wird die EM wieder in Deutschland stattfinden. Unglücklicherweise ist die Pandemie dazwischengekommen. Dadurch hat jedes Land seine eigenen Regeln und die Zuschauerzahl verändert sich von Ort zu Ort. Für uns Journalisten ist es auch eine Herausforderungsich jetzt von Ort zu Ort zu bewegen. Ursprünglich habe ich es für eine gute Idee gehalten, aber mit der Pandemie hat niemand gerechnet.

Wie erlebt man eine solche EM als Reporter?

Mittlerweile bin ich ja schon 30 Jahre dabei. Ich habe bei der WM 1990 für die Gazzetta dello Sport berichtet, es ist mittlerweile schon fast zur Normalität geworden. Man bereitet sich vor, sammelt Informationen über die verschiedenen Mannschaften, knüpft Kontakte zu den Kollegen und dann geht es los.

Sie gelten in Italien als der Deutschland-Experte. Waren Sie das schon immer?
Auf nationaler Ebene gibt es nun Mal keine Kollegen die deutsch sprechen. Als ich in den 80er-Jahren bei der Gazzetta dello Sport angefangen habe, war ich der einzige, der deutsch sprach. Es war also automatisch so, dass ich mich um die deutschsprachigen Mannschaften gekümmert habe. Deswegen habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Dasselbe ist dann bei der Rai passiert. Es war für mich eine Gelegenheit, mich zu profilieren. Wenn man mir gesagt hätte, ich muss mich um Belgien kümmern, hätte ich genau dasselbe mit dem belgischen Fußball gemacht.

Sprechen wir kurz über den FC Südtirol: Fußball wird hierzulande im vergleich zu den Wintersportarten nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Was würde ein Aufstieg in die Serie B für den Club bedeuten?

Die Serie B wäre für den Fußball in Bozen fantastisch, denn es würde bedeuten, dass es viel mehr Publikum geben würde, dass Prestige-Mannschaften nach Bozen kommen und ich glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist. In der gerade beendeten Saison hat der FCS das erste Mal in der Geschichte um den Sieg in der regulären Saison mitgespielt. Wenn das Spiel in Triest anders verlaufen wäre, hätte Südtirol direkt aufsteigen können. Die Playoffs entscheiden sich leider häufig durch Zufall. Man arbeitet in Bozen aber gut und mit viel Kontinuität. Man arbeitet bereits an der nächsten Saison. Bozen wird früher oder später aber sicher in die Serie B aufsteigen.

Der FC Südtirol war für viele Trainer wie Zanetti, Stroppa, Sannino oder Vecchi ein Sprungbrett für höhere Aufgaben. Warum ist das so?

In Bozen arbeitet man gut und ohne Stress. Ein Trainer findet die idealen Bedingungen um sich und die Mannschaft weiterzuentwickeln. Deswegen haben viele Trainer gute Arbeit geleistet haben, es ist also kein Zufall, dass viele wie Sannino, Tesser und andere Trainer in der Serie B oder der Serie A gelandet sind. Man arbeitet unter guten Bedingungen und ohne Druck.

In Italien scheint sich eine neue Trainergeneration zu entwickeln. Was zeichnet diese jungen Trainer aus?

Diese Trainer studieren und analysieren viel mehr, als es Trainer früher gemacht haben. Die Taktik und die Vorbereitung sind viel akribischer.

In den letzten drei Jahren haben nur deutsche Trainer die Champions League gewonnen. Sind die Deutschen derzeit die besten Trainer?

Das ist für mich eher Zufall, aber es ist nicht nur Glück, dass Klopp, Flick und Tuchel die letzten drei Trainer sind, die die Champions League gewonnen haben. Nur Hansi Flick hat aber mit einer deutschen Mannschaft gewonnen. Klopp arbeitet seit Jahren in Liverpool. Die ersten Saisonen waren aber nicht erfolgreich. Er hat drei Endspiele, die Europa League, die Champions League und die englische Meisterschaft verloren. Der Verein hat aber mit ihm weiter gearbeitet, man hat ihm Zeit gegeben und das hat sich ausgezahlt. So etwas passiert in Italien nicht. Bei Flick und Tuchel war es zwar anders, weil sie gleich gewonnen haben, dennoch würde ich nicht von einer deutschen Schule sprechen.

Was halten Sie von den aktuellen Entwicklungen im internationalen Fußball rund um die Super League?

Ich bin froh, dass es keine Super League gibt. Es wäre eine Katastrophe für den Fußball. Der beste und nicht der reichste muss im Fußball gewinnen. Es kann nicht sein, dass es eine Liga gibt, in der nur die reichsten Mannschaften mitspielen. Wenn eine Mannschaft, wie Atalanta Bergamo Qualität hat, aber die finanziellen Mittel begrenzt sind, dann hat sie es verdient, sich mit den Besten zu messen. Man muss alles beim Alten lassen. Aufstiege und Abstiege sind dabei zentrale Ideen.

Auch die hohen Ablösesummen sorgen für viele Diskussionen. Wird das immer so weiter gehen oder kommt es irgendwann zum Super-GAU und eine ohnehin schon verschuldete Mannschaft absteigen oder sogar Konkurs anmelden?

Über verschuldete Vereine spricht man bereits seit längerem, trotzdem machen diese vereine weiter und verpflichten teure Spieler. David Alaba verdient in Madrid voraussichtlich rund zehn Millionen Euro netto pro Saison. Es wäre gut, wenn wie in den USA ein sogenannter „Sallery Cap“eingeführt wird. Aber ich glaube, die Zeit ist dafür noch nicht reif. Bis dahin werden die großen Vereine weiterhin Schulden anhäufen. Das ist schade für den Fußball, denn andere Vereine, die ihre Finanzen in Ordnung haben, müssen zuschauen, wie verschuldete Vereine immer neue Spieler holen.

Wohin werden Cristiano Ronaldo und Linoel Messi gehen?

Ronaldo hat noch ein Jahr Vertrag mit Juventus. Es kann sein, dass er bei Juve bleibt, da die Alte Dame in der Champions League spielen wird. Bei Lionel Messi ist es die gleiche Situation. Ich gehe davon aus, dass er seine Laufbahn bei Barcelona beenden wird. Ronaldo könnte hingegen noch eine Station in England oder Pairs einlegen. Es wird sich aber in den kommenden Wochen entscheiden. Beim derzeitigen Stand der Dinge bleiben Ronaldo und Messi, der Fußball ist für Überraschungen aber immer gut.

Interview Markus Rufin

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