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Was bedeuten unsere Osterbräuche?

Hans Grießmair: Ich habe als Bub Palmkätzchen geschluckt und in die Ohren gesteckt und bin beim Viehhüten nicht vom Blitz erschlagen worden.

Südtirol ist reich an Osterbräuchen, doch die meisten verschwinden und ihre Bedeutung kennt kaum mehr jemand. Der Volkskundler Hans Grießmair, Gründer des Landesmuseums für Volkskunde in Dietenheim, erklärt im Ostergespräch, wo der Osterhase herkommt, was Beichteier sind und warum die Pusterer ein geweihtes Ei über das Hausdach werfen.

Tageszeitung: Herr Grießmair, zu Ostern kommt der Osterhase und bringt gefärbte Eier. Das kennt man noch, aber wenn man sich nach weiteren Bräuchen umhört, bekommt man meist zur Antwort: Gibt´s nicht mehr, ist ausgestorben, macht keiner mehr, hat aufgehört.  Welche Osterbräuche wurden früher gefeiert und was bedeuten sie?

Hans Grießmair: Das ist ein weites Feld. Das Osterfest ist das größte Fest der Christenheit, ist von zwei vierzigtägigen Festkreisen eingerahmt und hat viele Bräuche entwickelt. Und wie es mit den Bräuchen so ist, sie kommen und gehen mit den Generationen. Unsere Zeit ist bekanntlich etwas schnelllebig. Vieles wird abgelegt, aber ja nicht überall gleichmäßig, es gibt das Gefälle zwischen Stadt und Land und zwischen den Alten und den Jungen. Was da und dort noch lebt, ist anderswo bereits abgestorben.

Fangen wir mit der Karwoche an.

Wenn wir von Ostern reden, dürfen wir die Karwoche nicht vergessen, die mit dem Palmsonntag beginnt. Palmweihe und Einzugsprozession sind liturgisches Ritual. Vor langer Zeit wurde  an manchen Orten ein hölzerner Esel mit darauf reitenden Heiland mitgezogen. Das ist vergessen, aber den Palmesel, den Langschläfer kennen wir noch. Die geweihten Besen oder Buschen am Gartenzaun aufgesteckt, kann man hie und da noch sehen. Da soll er bis Christi Himmelfahrt bleiben. Vergessen ist der Brauch, Zweige des Palmbuschens bei nahenden Sommergewittern ins Herdfeuer zu legen, zur Blitzabwehr, oder andere Reste unters Viehfutter zu mischen. Geweihtes wurde nicht einfach entsorgt. Ebenso vergessen ist der Brauch, ein geweihtes Palmkätzchen ins Ohr zu stecken oder zu schlucken. Das sollte vor Ohren- oder Halsweh und Hütbuben gegen den Blitz schützen. Probatum est. Ich habe als Bub Palmkätzchen geschluckt und in die Ohren gesteckt und bin beim Viehhüten nicht vom Blitz erschlagen worden. Das ist fünfzig Jahre her.

Woher kommt der Name Gründonnerstag?

Ein heiliger, brauchgesättigter Tag in der Karwoche ist der Gründonnerstag. Der Namen kommt von Greinen, ein altes Wort auch für Klagen, das mit dem Verzehr von grünen Speisen kann man vergessen. Der Gründonnerstag ist in vielen Familien und an vielen Orten noch der Tag des Eierfärbens.  Dieser Brauch reicht ins 13. oder 14.  Jahrhundert zurück, in die Feudalherrschaft. Die zinspflichtigen Untertanen, fast alle Bauern, mussten ihrem Grundherrn Naturalabgaben leisten, das waren zu Ostern unter anderem Lämmer, Kitze und eine erkleckliche Anzahl von Eiern. Ein Termin für solche Giebigkeiten, auch Weisat genannt, war der Gründonnerstag. Die Eier wurden gekocht, um sie haltbarer zu machen. Gefärbt, um sie von rohen Eiern unterscheiden zu können. Auch als die Feudalzeit längst vorbei war, blieb der Brauch des Eierschenkens. Die Patenkinder erhielten von Patin oder Pate eine bestimmte Anzahl Eier, bei den Bauern je nach Rang die Dienstboten. Der Pfarrer erhielt die Beichteier, wenn man sich den Beichtzettel abholte. Die Pflicht, zur österlichen Zeit zur Beichte zu gehen, wird nicht mehr so ernst genommen. Jedenfalls gehören Beichtzettel und Beichteier der Vergangenheit an. Dass vom Gründonnerstag bis zum Auferstehungsgottesdienst in der Osternacht die Orgel und die Kirchenglocken schweigen, ist von der Liturgie festgelegt. An Stelle der Glocken kamen Klappern und Ratschen in Gebrauch. Sie sind nur noch selten zu hören. Vielleicht gibt es noch wackere Schulbuben, die mit den Ratschen umgehen können.

Der Karfreitag ist ein Ruhetag.

Der Karfreitag ist ein stiller Tag, die in der Barockzeit aufgekommenen Heiligen Gräber sind nach einem kurzen Niedergang wieder in Blüte und stimmen zur Andacht.

Welche Bräuche gab es zur Osternacht?

Die schöne Liturgie der Osternacht kennt die Feuerweihe. Einstmals damit verbundene Bräuche sind ganz oder teilweise abgekommen. In den Häusern wurde das Herdfeuer gelöscht, mit zur Feuerweihe mitgebrachten Spänen neues Feuer entzündet. Heutzutage gibt es nur noch wenige Haushalte, wo ein Herdfeuer brennt. Aus geweihten Spänen wurden kleine Kreuze gemacht und in den Ackerrand gesteckt, zum Schutz des Getreides. Solche Kreuze habe ich vor ein paar Jahrzehnten noch im Eisacktal gesehen, vielleicht lebt der Brauch noch. Der Getreidebau kommt auch wieder stärker auf.

Zum Ostersonntag gab es dann endlich die Eier.

Abgekommen ist der Brauch, zum feierlichen Hochamt am Ostersonntag ein neues Gewand oder neue Schuhe anzuziehen, um innen und außen ein neuer Mensch zu sein. Zum Ostersonntag gehört die Speisenweihe, ein tausendjähriges Ritual. Da werden Fleisch und Eier und noch andere Zutaten geweiht.  Damit werden die in langer Fastenzeit verbotenen Speisen, Fleisch von Warmblütlern und Eier gesegnet und wieder zum Verzehr freigegeben. Das kennen alle, aber das Warum bei den Eiern ist erklärungsbedürftig. Das Ei ist sozusagen ein Weltsymbol, von Schöpfung und neuem Leben, wenn ein Hühnchen aus der Schale bricht. Das im Ei möglicherweise schon keimhaft vorhandene Hühnchen ist ein Warmblütler, unterliegt daher dem Fastengebot.  In einen traditionellen Weihekorb gehören der Fochaz, Sinnbild für die ungesäuerten Brote der Israeliten seit dem Auszug aus Ägypten, und dann der Kren, der für das bittere Leiden Jesu steht. Wann das Geweihte verspeist wird, ist in Familienbräuchen geregelt. Vor einem Menschenalter, als es bei größeren Bauern noch Dienstboten gab, war es Aufgabe der Großdiern, den Weihekorb zu tragen. Es gab dann einen heiligen Wettlauf im Gotteshaus, denn jede wollte oder sollte als Erste aus der Kirche. Welcher das gelang, deren Bauer war dann mit der Feldarbeit das ganze Jahr vorne dran. Ausdruck von Bauernstolz.

Nach dem Ostergottesdienst ging es ans Hecken, Pecken oder Guffen.

Nach dem Gottesdienst geht es heute lebhaft zu, früher war es noch viel lebhafter. Die Burschen und Buben machen sich an einen Wettkampf mit Ostereiern, nicht mit solchen aus dem Weihekorb, sondern mit solchen, die sie von daheim in den Rocktaschen oder, wie es manchmal hieß, sogar in den Rockärmeln mitgebracht haben. Das Spiel heißt landläufig hecken, pecken oder guffen. Zuerst werden die Eier mit der Zahnprobe auf ihre Güte, das heißt Härte geprüft, dann erfolgt der gemessene Schlag Spitz auf Spitz, Guff auf Guff. Da ist auch Können gefragt, auf manchen Vortl (Vorteil) kommt es an. Der Gewinner hat das zerbrochene Ei als Beute. In mageren Zeiten konnten Eier eine willkommene Zugabe zur Nahrung sein. Vor nicht langer Zeit gab es im Pustertal den Brauch, ein geweihtes Ei über das Hausdach zu werfen. Der Bogen, den das gekonnt geworfene Ei zog, sollte das Haus vor dem Blitz bewahren, also ein Vorläufer des Blitzableiters. Ein geweihtes Ei unter der Stalltür oder dem Kuhbarren vergraben, wehrte Viehseuchen ab, gegessen half es vor Schlangenbiss.

Seit wann gibt es den Osterhasen?

Der Osterhase ist seit dem 16. Jahrhundert als Eierbringer bekannt, 1682 hat Johannes Richier in Heidelberg ausführlich darübergeschrieben. Der Brauch ist in der städtischen, protestantischen Welt aufgekommen. Städtisch, weil man Bauernkindern einen derartigen Bären nicht so leicht aufbinden kann. Protestantisch, weil man von dieser Seite den Katholischen jeden Aberglauben zutraute. Inzwischen hat sich die Schokoladenindustrie erfolgreich um den Osterhasen angenommen.  Hauptsächlich Schokolade-Eier werden versteckt und von Kindern freudig gesucht. Sonst gilt der Spruch: „Die Mutter färbt die Eier, der Vater legt‘s ins Gras,dann glauben die dummen Kinder, es wär der Osterhas“.

Gab es auch für den Ostermontag eigene Bräuche?

Der Ostermontag hat wieder seine eigenen Bräuche.  Er ist zwar Feiertag, aber sonst geselligem Treiben vorbehalten. Vor allem ist es ein Osterspaziergang, wie ihn Goethe schildert und wie ihn Arnold Tribus so gern zitiert: Vom Eise befreit…  Der Ausdruck Emmaus giehn ist noch bekannt., wenig aber, wie die Erzählung des Evangelisten  Lukas (Kap. 24,13-33) von den Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus gehen und  auf dem Wege den Auferstandenen treffen, sich so  auch in einem Volksbrauch ausdrücken konnte. In den ladinischen Tälern ist es Brauch, die Eier besonders schön zu verzieren, sie werden mit dem Stichel „geschrieben“. Und in Gröden gab oder gibt es noch den  seltsamen Brauch des Eiereinholens. Damit hat es folgenden Hergang: Um Josefi (19.März), früher gebotener Feiertag, gingen die Burschen zu mehr oder weniger befreundeten Mädchen, um Ostereier zu bestellen. Der Ostermontag war dann der Tag, die Eier abzuholen. In der Anzahl der erhaltenen Eier lag die Botschaft: Zwei kriegt jeder, vier verheißen nichts Gutes, sechse sind ein Grund zur Freude. Bestellt und nicht abgeholt, kam auch vor, das war Anlass zu großem Verdruss. Die Eier wurden heimlich vergraben.

Geht dieses ganze Brauchtum verloren?

Die Heilsgeheimnisse  des Osterfestes sind den Gläubigen  kaum zugänglich,  da halfen und helfen die Bräuche. In unserer technischen Welt hat sich vieles gewandelt. Die agrarische Gesellschaft war  mit dem Volksglauben viel stärker  an die Kirche gebunden,  viele Bräuche haben in der  heutigen Denkweise keine Heimstatt mehr, sie leben noch in der Erinnerung weiter.

Interview: Heinrich Schwazer

Zur Person

Hans Grießmair, 1938 in Kiens geboren, absolvierte das Gymnasium des Klosters Neustift und studierte anschließend Volkskunde an der Universität Innsbruck. Mit der Dissertation „Die bäuerlichen Dienstboten im Pustertal“ promovierte er 1967 bei Karl Ilg. Anschließend kehrte er nach Südtirol zurück, wo er 1974 als Beamter in den Landesdienst eintrat. Als solcher wurde er mit der Einrichtung des Südtiroler Landesmuseums für Volkskunde in Dietenheim bei Bruneck beauftragt, das er lange Jahre als Direktor leitete. Auch am Aufbau des Südtiroler Weinmuseums und des Südtiroler Landesmuseums für Jagd und Fischerei war er maßgeblich beteiligt. Daneben fungierte er ab 1972 drei Jahrzehnte lang als Schriftleiter der Monatszeitschrift für Südtiroler Landeskunde „Der Schlern“. 1983 wurde er mit dem Ehrenzeichen des Landes Tirol ausgezeichnet, 1990 mit der Michael Haberlandt-Medaille, 1998 mit dem Ehrenzeichen der Universität Innsbruck und 2002 mit dem Walther von der Vogelweide-Preis.

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