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Ein Haus aus dem Windwurf Vaja

ciAsa Aqua Bad Cortina in St. Vigil: Nach dem Sturm Vaja standen Unmengen an Holz standen zur Verfügung. Ein „Geschenk“, wie es der Bauherr zu sagen pflegt.

Für pedevilla architekten in Bruneck ist Bauen ein bewusster Umgang mit sozialen, kulturellen, ökonomischen und ökologischen Komponenten des täglichen Lebens. 
 Mit der bereits mehrfach ausgezeichneten ciAsa Aqua Bad Cortina in St. Vigil haben sie ein ebenso ausfälliges wie zukunftsweisendes Holzhaus geplant.  Das Holz stammt aus dem Windwurf  Vaja.

Tageszeitung: Herr Pedevilla, das von pedevilla architekten entworfene Haus ciAsa aqua bad cortina in St. Vigil ist eine Holzkonstruktion, die ohne zusätzliche Dämmung die Kriterien eines Klimahauses A erfüllt. Wie bringen Sie das zustande?

Armin Pedevilla:  In unseren Entwürfen legen wir großen Wert darauf, ein Haus so zu planen, dass es auf Klimaeinflüsse, Meereshöhe, Topographie und auf das gewählte Konstruktionsmaterial Bezug nimmt. Im konkreten Fall haben wir uns gemeinsam mit dem Bauherrn für ein Holzhaus entschieden. Das konstruktive Material war somit Holz. Wir haben es in einem System entwickelt, welches uns erlaubt, die Holzwände in massiven Holz zu bauen, ohne zusätzliche Leime und Dämmungen. Die lokale Firma, die ein solches System anbietet, ist die Firma Holzius. Mit Holzius war es möglich, dieses Konzept zu verwirklichen: aus 6 cm starken Dielen wurden massive Holzwände mit 36 cm Stärke verkeilt. Eine 36 cm Außenwand und die kompakte Form waren somit ausreichend, um den nötigen Wert zu erreichen. Die Fensteröffnungen wurden dabei so gewählt, dass sie für die Belichtung, für den Wärmeeintrag und den Wärmeverlust in den kalten Wintermonaten in einem guten Verhältnis stehen.  Wir befinden uns immerhin auf 1.200m Meereshöhe und im Winter in einem sehr schattigen Ort, was zurückzuführen ist auf die naturbedingt schattige Lage des Bauernbads mit hauseigener Thermalquelle.

Das Holz stammt aus dem Windwurf  Vaja. Jeder Bauer weiß, dass Holz im richtigen Monat geschlägert werden muss, damit es stabil bleibt. Ist das der Fall?

Während der Planungsphase fegte der Sturm Vaja über Südtirol. Unmengen an Holz standen somit zur Verfügung. Ein „Geschenk“, wie es der Bauherr zu sagen pflegt. Nach genauer Recherche und im Austausch mit dem Firmengründer von Holzius, Herbert Niederfringer, einem passionierten und leidenschaftlichen Holzliebhaber, der besonders darauf achtet, das Holz materialgerecht einzusetzen, wurde festgestellt, dass das gefallene Holz hervorragende Eigenschaften für den Verbau hat. Es wurde Ende Oktober im abnehmenden Mond geworfen, mit den Baumspitzen hangabwärts um das letzte Wasser im Stamm auszutreiben. Somit natürlich „entsaftet“, was beste Voraussetzungen für ein verzugarmes holz bedeutet. Die Stämme wurden aus dem Wald geholt, mit einer Wandersäge geschnitten und nach dem Schnitt so gekennzeichnet, dass sie im Einbau so eingesetzt werden, wie der Baum gewachsen ist; also von unten nach oben, ein wichtiger Aspekt.

In ihrem Entwurf zieht sich das Dach über die komplette Fassade bis zum Boden herab. Funktioniert ein Haus ohne Dachüberstand in unseren Breiten?

Wenn ein Haus materialgerecht gebaut ist, dann funktioniert es auch ohne Dachvorsprünge. Schauen wir die Beispiele der Kirchen und Schlösser an, bei denen es auch so gut wie keine Dachvorsprünge gibt. Heute ist es oft so, dass die Reinheit und Natürlichkeit der Materialien und deren Eigenschaften kaum mehr zum Einsatz kommen, bzw. durch zu komplizierte Wandaufbauten Gebäude auch anfällig machen. In diesen Fällen hilft sicherlich ein Dachvorsprung. Bei der ciAsa kamen handgespaltene Lärchenschindel zum Einsatz, die sich vom Dach über die Fassade hindurchziehen. Sie funktionieren ähnlich dem Kleid eines Zapfens, Schuppe über Schuppe leiten sie das Wasser an den gespaltenen Holzfasern ab. Durch die Überlappung sind die Stirnseiten der Schindeln geschützt und gewähren eine lange Haltbarkeit. Auch die Lärche trägt durch ihren besonderen Harzanteil und Faserigkeit positiv zur Beständigkeit bei. Somit funktioniert das Haus auch ohne Dachvorsprung.

Woraus besteht die Bodenplatte?

Armin und Alexander Pedevilla: Werden Gebäude so konzipiert, dass sie einem das Gefühl geben, sie erhalten zu wollen, weil wir sie wertschätzen und sie uns emotional berühren, dann werden sie mehr zum Klimaschutz beitragen als nur mathematisch errechnete Kennwerte.

Das Haus ist unterkellert und besteht aus weißem Sichtbeton, der vor Ort mit dem Wasser der hauseigenen Thermalquelle und den Sanden der Dolomiten gemischt wurde. Auf dieser Unterkellerung wurde die massive Holzbalkendecke aufgelegt und das Holzhaus aufgebaut.

Sind die Baukosten und die Bauzeit vergleichbar mit einem Ziegel- oder Betonbau?

Wenn man dieselbe monolitische Qualität der jeweiligen Materialien vergleicht und somit auch vom selben emotionalen und konstruktiven Wert spricht, so halten sich die verschiedenen Bauweisen vermutlich die Waage. Bei der Bauzeit kommt die Vorfertigung im Holzbau bauzeitverkürzend zum Tragen.

Eine Frage zur Bauweise: Handelt es sich um Module, die auf der Baustelle zusammengesetzt werden?

Ja, die 36 cm starken Holztafeln werden aus 6 cm starken Dielen verkeilt und somit vorgefertigt. Diese werden dann auf der Baustelle zusammengefügt. Schlitze für Installationen werden bereits im Werk vorgesehen. die Endoberfläche ebenso. Bei der ciAsa wurden die gesamten Zirbeloberflächen im Werk bereits handgehobelt und somit sichtfertig auf die Baustelle gebracht.

Wenn Sie die Umweltbilanz nicht nur im laufenden Betrieb, sondern auch in der Herstellung mit einem herkömmlichen Ziegelhaus vergleichen. Wer gewinnt?

Wenn sie unter einem herkömmlichen Ziegelhaus, einen Ziegel mit einem Vollwärmeschutz verstehen, und beim Holzhaus ein massives Holzhaus ohne Dämmung wie bei der ciAsa meinen, dann ist das so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Wenn ich einen Vergleich anstellen soll, dann gehe ich jeweils von einer monolitischen Bauweise aus, d.h. ein reiner Ziegelbau ohne Dämmung und ein Massivholzhaus ohne zusätzliche Dämmung. Immer unter der Voraussetzung, dass die Gebäude material- und klimagerecht, ortsbezogen und auf die vorhandenen Umwelteinflüsse reagieren. In diesem Fall würden beide gewinnen. Wie sie sehen, ist nicht die mathematische Zahl ausschlaggebend, sondern der Entwurf und der Einsatz der Materialien, sowie viele andere Faktoren.

Ihr bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnetes Haus ist in Form und Bauweise ein echtes Vorzeigeprojekt. Mussten Sie die Holzbauweise erst erlernen oder haben Sie sich bereits während Ihres Studiums damit auseinandergesetzt?

Während des Studiums wurde viel über Holzhäuser gelehrt. Allerdings waren das Bauweisen, die mit mehreren Schichten und zusätzlichen Dämm- und Abdichtungsmaterialien arbeiten. Für uns war klar, dass ein möglichst monolitischer Einsatz von Holz besser ist. Wir haben uns das System von Holzius genau angeschaut und konnten es gemeinsam noch etwas verfeinern. So kommt die Qualität des Materiales Holz noch mehr zur Geltung. Um ein Material und ein System richtig einsetzen zu können, muss man es erst verstehen, um zu wissen, was man mit ihm machen kann.

Holz stand in der Architektur der Moderne für Vergangenheit, Beton und Glas waren die Zukunft. Unter den Vorzeichen des Klimawandels ändert sich das gerade. Sind Holzkonstruktionen die Zukunft der Architektur?

Nicht immer ist Holz das richtige Material, um ein Gebäude daraus zu entwickeln. Ebenso wenig wie es Beton oder Ziegel ist. Jedes Material hat seine Vor- und Nachteile, aber auch seine Grenzen, die es zu verstehen gilt, um sie im Entwurf und der Nutzung richtig einzusetzen. Oft ist es auch eine Kombination von zwei Materialien, die sogenannte Mischbauweise. Hier werden jeweils die Vorzüge von zwei Materialien eingesetzt und die jeweiligen Schwächen kompensiert. Es wäre nicht richtig, ein Material nur einem Trend zuzuschreiben, es gehören mehrere Überlegungen dazu, um sich am Ende auf ein Material festzulegen. Werden Gebäude so konzipiert, dass sie einem das Gefühl geben, sie erhalten zu wollen, weil wir sie wertschätzen und sie uns emotional berühren, dann werden sie mehr zum Klimaschutz beitragen als nur mathematisch errechnete Kennwerte. Genau aus dieser Überlegung heraus schätzen wir ja historische Gebäude und Räume, weil sie uns berühren, begeistern und staunen lassen. Deshalb wollen wir sie auch erhalten. Gelingt es uns auch in der Gegenwart solche Gebäude zu schaffen, bedeutet das gelebte Nachhaltigkeit und dann stimmt auch die Klimabilanz.

Interview: Heinrich Schwazer

pedevilla architekten

Armin und Alexander Pedevilla studierten Architektur an der Technischen Universität in Graz. Beide gründeten unabhängig voneinander nach dem Studium ein eigenes Büro in Österreich. Vom Verlangen nach alpinem Bauen kehrten die Brüder 2005 nach Südtirol zurück um dort gemeinsam das Büro pedevilla architekten zu gründen. Seither hat sich pedevilla architekten einen Namen in der nationalen und internationalen Architekturszene gemacht und zählt mittlerweile zu den renommierten Büros in Italien. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, publiziert und waren in zahlreichen Architekturausstellungen zu sehen. Es folgten Vorträge an Hochschulen und Institutionen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Slowenien, Kroatien und die Tätigkeit als Juroren bei Architekturwettbewerben und Awards. Für die ciAsa Aqua Bad Cortina
 
wurden sie unter anderem mit dem „best architects“-Award , dem „German Design Award“ 
 und dem „BIG SEE architecture award “ ausgezeichnet.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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