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„Avantgarde wird gelehrt“

Hubert Stuppner: Avantgardistisch ist der lebenslange Versuch etwas gültiges Unerhörtes auszusagen, doch den kompositorischen Stein zu finden, ist im 20. Jahrhundert wenigen gelungen.

Das 46. Festival Zeitgenössischer Musik wartet mit zahlreichen Uraufführungen von Südtiroler Komponist*innen auf. Ein Gespräch mit dem Gründer und künstlerischen Leiter Hubert Stuppner.

Tageszeitung: Herr Stuppner, die 46. Ausgabe des Festivals Zeitgenössischer Musik ist fast zur Gänze eine südtirolerische Leistungsschau neuer Musik. Was ist eigentlich der Maßstab des Neuen im hybriden Stilpluralismus der Gegenwart?   

Hubert Stuppner: Solange die serielle und strukturelle Musik als Fortsetzung der Zweiten Wiener Schule den Maßstab für avanciertes Komponieren hergaben, gab es keinen Stilpluralismus.  Man wusste, „wer Recht hatte“. Historisch wurde das Ende dieser universellen Verbindlichkeit mit dem kreativen Verstummen von Boulez eingeleitet, mit dem Nihilisten Cage vertieft, mit den amerikanischen Minimalisten relativiert und zuletzt mit dem Verschwinden jeglicher Utopie (Pazifismus, Sozialismus und Psychoanalyse), überwunden. Heute herrscht postmoderne Beliebigkeit: Everything goes, eben hybrider Pluralismus.

Hans Werner Henze gab 1970 auf die Frage „Wo stehen wir heute in der Musik“ die Antwort: „Jeder woanders.“ Wo stehen wir 50 Jahre danach?  

Vor einem Monat wurde der jüngste, alle 2 Jahre ausgetragene Enescu-Kompositionspreis vergeben. Ich bin seit mehreren Jahren einer der 9 Juroren und kann die Situation als zwischen Ost und West ästhetisch gespalten beschreibe: im Westen komplexes und akribisches Erfinden im Trend der radikalen Avantgarde, im Osten ideologiefreies modernes Komponieren mit der Suche nach Klang und Wirkung: erstere Partituren für die sogenannten „Tage der Neuen Musik“ (die es nur im Westen gibt), letztere Partituren für die ordentlichen  Orchester, die neben Beethoven im ABO auch zeitgenössische Musik spielen: Partituren, die nicht zu komplex sind und nicht mehr als 2 Proben beanspruchen. In Amerika, wo die zeitgenössische Musik viel häufiger als in Europa in den Abos zu finden ist, haben letztere Partituren mehr Chancen, gespielt zu werden. Dennoch einigen sich die Juroren immer, von welchem ästhetischen Standpunkt aus auch immer, auf die avancierten, komplexen und klanglich dichten Partituren. Das liegt am Konsens, dass die Musik als kreative Potenz nach dem Unerhörten und nach dem unbedingt Neuen und Originellen strebt.

Die langlebigste Etikette der Zeitgenössischen Musik ist ihre Verkopftheit. Wird sie dieses Stigma nie los?  

In dem Augenblick, wo sowohl das akustische als auch strukturelle Unerhörte erlernt und abgeschaut werden kann, schleicht sich der Manierismus in die Kunst, samt der nicht durchgehörten Kopflastigkeit. Xenakis hat sich in den Siebziger Jahren in Darmstadt  unbeliebt gemacht, als er die Nachahmer der damaligen Avantgardismen als „Parasiten“ bezeichnete. Man bedenke: Die Aktualität der Gründerväter der Avantgarde war gerade deren Inaktualität. Nachahmung kennt keine  Spontaneität.

Das Programmheft steckt voller enigmatischer Begriffe, die für Nichteingeweihte ein Buch mit sieben Siegeln sind: experimentelle Musik, postmoderner Eklektizismus, Avantgarde und Moderne mit Werkcharakter. Können Sie diese kurz erklären.  

Experimentelle Musik ist error and trial, Versuch und Irrtum, das Ausprobieren akustischer Wirkungen, nie da gewesener Spieltechniken, ein Suchen ohne Methode, a fond perdu, eklektisch und auf Momentreize aus. Das Ziel sollte das Finden einer eigenen Musiksprache sein. Dieses Suchen ist im weitesten Sinne des Wortes avantgardistisch. Im Grunde ein Widerspruch zur Synthese in einem gültigen Opus. Dennoch gibt es avantgardistische Werke, in denen die Lösung dieses Dilemmas auf einen Nenner gebracht ist: Das Streichquartett von Lutoslawsky, der „Marteau sans Maitre“ von Boulez, Messiaens „Oiseaux exotiques“, Ligetis Klavier-Etüden, Lachenmanns „Mouevement-vor der Erstarrung“, Rihms „Tutuguri“, Steve Reichs „Drumming“ sind radikale  Avantgarde mit Werkcharakter. Werkcharakter definieren die Kognitionsforscher mit „Wellformedness“ (Wohlgeformtheit), d. h. in sich geschlossenes und stimmiges Werk: fertig und wiederholbar.

Auf dem Programm steht auch ein Hölderlin Projekt teils noch unbekannter junger Komponisten. Luigi Nono suchte in seinem 1980 uraufgeführten Streichquartett „Fragment, Stille – an Diotima“  nach der „aufrührerischen Aussage“ des Dichters im Turm. Was suchen die Jungen bei ihm?  

So unterschiedlich die persönlichen Perspektiven der jungen Komponisten sind, so verschieden sind deren Interpretationen zu Entfremdung und Isolation: Es zeigt sich bei allen der Versuch, aus dem „elfenbeinernen Turm“ auszubrechen, um nicht wie Hölderlin in der Isolation aus der Gesellschaft weggesperrt zu werden.

 Vorgesehen ist auch eine doppelte Uraufführung von Helga Plankensteiner und Michael Lösch. Was erwartet uns dabei?  

Diese beiden untypischen Avantgardisten vergleichen das Ping-Pong-Spiel in  ihrer Gemeinschaftskomposition als den „verzweifelten Versuch, der Schwerkraft zu entfliehen.“

 Das Hannes Kerschbaumer gewidmete Avantgarde-Konzert beinhaltet auch eine Diskussion über die radikale Avantgarde von Heute. Was heißt heute noch Avantgarde und was macht einen Künstler, eine Künstlerin avantgardistisch?  

Avantgardistisch ist der lebenslange Versuch etwas gültiges Unerhörtes auszusagen, doch den kompositorischen Stein zu finden, ist im 20. Jahrhundert wenigen gelungen.  Eines der letzten Werke von Luigi Nono hieß: „No hai caminos, hay que caminar“ Es gilt, weniger den Weg zu finden, als nach dem Weg zu suchen. Man kann dieses Suchen als die Ethik des seriösen Komponierens bezeichnen.

Die frühe Avantgarde rebellierte gegen die Gesellschaft und das etablierte Kunstsystem. Heute scheint Kunst Teil des gesellschaftlichen Systems zu sein, manche sprechen sogar von einer „Embeddet Art“ nach dem Muster des „Embeddet Journalism“. Ist die Autonomie der Kunst und Musik noch der Rede wert? 

Dazu gibt es 3 Gründe. Erstens ist Komponieren heute durch die Lehre in den Akademien domestiziert: Avantgarde wird gelehrt. Zweitens hat sie den polemischen  Stachel gegenüber den Verhältnissen aufgegeben und drittens wird sie gefördert und aufgeführt.  Nichts ist für einen Komponisten unfruchtbarer als sich in einen erfolgreichen Stil „einzubetten“ und in diesem unkritisch und konformistisch auszuruhen.

 Interview: Heinrich Schwazer

Info: Das Programm online unter www.festivalbz.it

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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