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In der Schleife/Noli me tangere*

 

 

Lissy Pernthaler (Foto: Alex Hölbling)

In der Schleife/Noli me tangere*

Von Lissy Pernthaler

Doch ich sage euch die Wahrheit:
Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.
Denn wenn ich nicht fortgehe,
wird der Beistand nicht zu euch kommen;
gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.
(Joh 16,7)

Neulich meine Seele so zu mir: “Ich weiß nicht wie es Dir geht, aber seit die Welt da draußen stiller ist, geht es mir besser.“ Ich war nicht wirklich erschrocken, aber dennoch überrascht. Denn ich hatte lange nichts mehr von ihr gehört und ohne dass ich mich weiter darüber wunderte, dass meine Seele mit mir sprach, begann ich darüber nachzudenken, dass es tatsächlich stimmte. Ich konnte nun ihre Stimme hören, die zuvor oftmals komplett mit Geräuschen, Gesprächen, Ablenkungen, Tätigkeiten und Firlefanz überdeckt war.

„Atme mal tief durch“, meldete sie sich wieder. Ich tat, wie mir geheißen und mir wurde bewusst, wie flach ich die meiste Zeit am Tag atmete. „Du hast recht“, pflichtete ich ihr bei. „Jetzt wo ich dich so klar hören kann, muss ich zugeben, dass es gut tut. „Hast mich vermisst, gib’s zu!“, schäkerte die Seele, „Ist wie einen alten Freund wieder treffen, stimmt’s?“

Ich musste lachen. „Ja, es fühlt sich vertraut an, wie ein Freund, den man ewig nicht gesehen hat aber man kann sofort da anknüpfen, wo man aufgehört hat, es gibt kein Nachtragen Warum hast du dich so lang nicht gemeldet und keinen Vorwurf, nein, eine Begegnung ohne all das.“

Es war sehr früh am Morgen und die Sonne bahnte sich langsam den Weg hinter dem noch leicht schneebedeckten Ifinger hervor ins Etschtal. Die Höfe, die auf der rechten Talseite ganz weit oben lagen, waren schon von der Sonne beleuchtet. Ich schaute Richtung Wald, wo eine Windböe mit den frischen Blättern und Knospen spielte. Ich atmete nochmal tief ein uns aus, fast plakativ, als müsste ich der Seele beweisen, dass ich sie verstanden habe. Sie aber schwieg. Und ich schwieg, wusste nicht was sagen und kurz dachte ich daran, „wie peinlich“. Jetzt haben wir uns so lange nicht mehr unterhalten und dann entsteht gleich schon wieder eine peinliche Stille.

Aber dann überkam mich plötzlich ein Schauer und ich musste mich über mich selbst wundern. Die Seele hat viele Sprachrohre und zum Zeichen dass ich sie verstanden hatte, berieselte mich nochmals ein angenehmer Schauer von oben bis unten. Ich lächelte. „Tut gut in der Sonne, ja?“, fragte sie unvermindert. „Oh ja, das Wetter ist bombastisch“, erwiderte ich ihr. Ich schaute ins Tal und erblickte die Eispracht. Morgens gab es Frost und die Bauern hatten die Frostschutzberegnung eingeschaltet und alle Apfelblüten in ein Eiskleid gehüllt. „Ich muss danach unbedingt ein Foto davon machen,“ dachte ich, „bevor alles wieder weg schmilzt.

„Typisch“, wieder sie. „Was heißt hier typisch?“, fragte ich verwundert zurück. „Na, dass du wieder alles festhalten willst. Ist dir das nie aufgefallen? Du lebst jeden Tag in einer Schleife.“, sagte sie gerade heraus. Ich hatte keine Lust mich belehren zu lassen, doch sie war ein ganzes Stück älter als ich und hatte viel mehr Lebenserfahrung, so schenkte ich ihr dennoch Gehör. „Das nennt man Alltag, liebe Seele, kann nicht jeder so ewig sein wie du!“, konterte ich.

„Aber nur weil alle es immer so machen, heißt es ja nicht, dass es richtig oder wichtig ist, es genau so zu machen.“

„Willst du damit sagen, dass ich mich zu wichtig nehme?“

„Hallo Ego, da bist du ja.“

Ich nahm einen tiefen Atemzug, um nicht zu explodieren. Ich fühlte mich ertappt.

„Sehr gut, meine Liebe!“

Ich wollte etwas sagen, hielt mich aber zurück.

„Du hast soeben ein Muster unterbrochen und einen Teil deines alltäglichen Loops… abgehackt.“ Zwischen Loop und abgehackt machte sie eine bedeutungsvolle Pause.

„Weil ich nicht gleich ausgeflippt bin wie sonst?… Stimmt.“

Durchs Fenster beobachtete ich vier Schwalben die durch die Luft segelten. Sie tauchten auf und ab. Aber sie schienen immer wieder auf die Höhe des Bettes zu fliegen, als wollten Sie der Unterhaltung lauschen. „Dein Atem ist ein tolles Werkzeug.“, sagte die Seele, „versuche Dich mal öfter zu unterbrechen.“ Ich hasse es unterbrochen zu werden und sie traf mich damit mitten ins Herz und auch ins Ego. Wenn ich etwas konzentriert mache, gebe ich ihm alle Wichtigkeit und vergesse sogar oft zu Trinken und zu Essen und ja, sie hatte recht, meine Atmung ist dann sehr flach. „Keiner mag es unterbrochen zu werden, kann aber ganz neues Potential entfachen. Hilft auch wunderbar gegen Angst.“, sagte sie. Ich habe Angst gehabt. Ich war am Anfang des Lockdowns hin- und hergerissen, wusste gar nicht welche Emotionen ich fühlen sollte, ein einziges Wechselbad. Angst, Herabspielen der Gefahr, mir einreden, ich sei in Sicherheit.

„Bleib bei dir.“, erinnerte sie mich liebevoll. Und ich blieb bei mir.

Da schlug mein Liebster, der bisher noch geschlafen hatte, seine Augen auf und mein Herz bebte. Während ich ihn wach küsste, dachte ich mir: „Ich unterbreche jetzt. Den Flow meines Lebens. Ich erschüttere jetzt. Die Tiefen meiner Seele. Ich zelebriere jetzt. Das Wunder meines Lebens.“

 

Zur Person

Lissy Pernthaler ist Schauspielerin, Autorin und Performancekünstlerin. Sie schreibt Gedichte und Kurzgeschichten. 2002 gewann sie zum ersten Mal den Literarischen Wettbewerb der Stiftung Südtiroler Sparkasse und des Südtiroler Autorenbundes in der Sparte Lyrik. 2009 erschien ihr erster Kurzgeschichten Band „Lorbeer und Zitrone“ im Sakrabaeus Verlag.  2013 erschien ihr E-Book „Die Intelligenz des Plankton“ bei KDP Select. Als Schauspielerin war sie unter anderem in Oliver Hirschbiegels Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ zu sehen.

Info

Die Sammlung der Texte, die Südtiroler Schriftsteller*innen zu und während der Quarantäne verfassen und als Reihe in der Südtiroler Tageszeitung publiziert werden, mündet in ein Lesefest von Literatur Lana. Zu Beginn des Sommers, hoffentlich, sollen die Kurzerzählungen, Essays, Gedichte oder Notizen in einem langen Reigen gelesen und mit ihnen ein Wiedersehen gefeiert werden. Das Projekt unterstützt Schriftsteller*innen in Zeiten von Corona.

,www.literaturlana.com,

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