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Gefährlicher „Kick“

Foto: Instagram/Free.Kidz

Sie klettern auf Kräne, Züge und Stützpfeiler von Seilbahnen: Zwei Trainsurfer aus Südtirol erzählen, warum sie ihr Leben aufs Spiel setzen.

von Eva Maria Gapp

Es sind unfassbare Bilder: Zwei maskierte junge Männer klettern auf einen fahrenden Zug und krallen sich daran fest. Halt geben ihnen dabei nur die Scheibenwischer des Zuges. Diese riskante, lebensgefährliche Aktion halten sie auch noch in einem Video fest.

Eigentlich kennt man „Trainsurfer“ nur von Großstädten. Dort hört man immer wieder, dass Menschen auf U-Bahnzügen mitfahren und ihr Leben riskieren. Dabei ist „Trainsurfing“ illegal. Doch nun ist das „Trainsurfing“, also das Festklammern an der Außenwand eines fahrenden Zuges, auch in Südtirol angekommen.

Denn diese zwei maskierten Männer sind Südtiroler. Sie nennen sich „Free Kidz“. Ihr Video sorgt derzeit für Aufsehen im Netz. Das eineinhalbminütige Video zeigt nämlich, wie die beiden Männer am Bahnsteig von Gargazon ganz unbemerkt auf den hinteren Teil des Zuges klettern, der gerade von Bozen nach Meran unterwegs ist. Darin sieht man auch, wie einer der beiden Männer mit Kapuzenpulli eine Schablone in die Hand nimmt und „Free Kidz“ auf die Zugkarosse sprayt. Ausgestattet mit einem Selfie-Stick und einer GoPro posieren sie vor der Kamera und machen Handzeichen. Auch eine Drohne setzen die jungen Männer ein, um den tödlichen Ritt auf dem Zug aus der Luft zu filmen. Am Untermaiser Bahnhof springen die beiden dann ab und laufen über die Gleise davon.

Unter dem Titel „Escaping Reality“, also Flucht vor der Realität, stellten sie das Video vor einigen Tagen auf Instagram. Doch warum klettert man auf Züge und riskiert sein Leben? Und wer sind diese beiden Jugendlichen?

Die Tageszeitung hat es geschafft, mit einem der zwei jungen Männer Kontakt aufzunehmen. Er möchte anonym bleiben, ist aber bereit, Auskunft zu geben. „Wir sind eine Gruppe von zehn Südtirolern im Alter zwischen 20 und 24 Jahren. Wir kommen aus Meran und dem Vinschgau und gehen einer gewöhnlichen Arbeit nach“, sagt er. Für die besagte Aktion haben sie sich rund einen Monat vorbereitet: „Wir haben uns die Strecke ganz genau angeschaut und Fluchtwege gesucht“, sagt er.

Doch die Gruppe „Free Kidz“ betreibt das „Trainsurfing“ nicht erst seit kurzem, wie der junge Mann betont: „Schon seit einem Jahr machen wir das. Das ist auch nicht unsere erste Aktion, die man im Video sieht. Wir haben das schon sechs, sieben Mal gemacht.“

Die jungen Männer klettern aber nicht nur auf Züge, sondern auch auf Kräne und Stützpfeiler von Seilbahnen – wie man auch auf ihrem Instagram-Account sieht. Jedes Mal riskieren sie dabei ihr Leben. Doch warum nimmt man ein solches Risiko auf sich? „Wir suchen den Kick. Statt jedes Wochenende zu trinken oder andere Drogen zu nehmen, haben wir so unseren Spaß“, erzählt der junge Mann. „Es geht um den Nervenkitzel“, fügt er hinzu.

Doch hat man bei diesen lebensgefährlichen Aktionen keine Angst? „Die Angst ist immer da. Sie muss aber auch da sein, damit man nicht alles macht. Aber die Angst ist das beste Gefühl“, sagt er. Dafür nehmen sie auch das hohe Risiko in Kauf, auch wenn sie wissen, dass sie sich strafbar machen. „Wir sind uns dessen bewusst“, sagt er.

Doch nicht nur der Nervenkitzel sei ausschlaggebend für diese waghalsigen Aktionen: „Wir wollen einfach auch aus dem System ausbrechen. Wir haben gemerkt, dass alle nur mehr für das System arbeiten, nichts mehr hinterfragen und jeder Tag gleich abläuft. Jeder muss so sein, wie es das System vorgibt“, sagt er. Und die Gruppe habe genug davon. Es gehe also auch um zivilen Ungehorsam, ein Akt der Rebellion.

Laut der Gruppe „Free Kidz“ wird es in demnächst weitere Aktionen geben. „Wir haben einiges geplant“, so die Gruppe. In der Zwischenzeit hat die italienische Bahnpolizei die Ermittlungen aufgenommen. Denn Trainsurfing ist nicht nur gefährlich sondern auch verboten. Die Jugendlichen müssen mit einer Geldstrafe rechnen sowie mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung. Zudem haben die Männer eine Drohne eingesetzt, auch das sei verboten.

Immer wieder sterben „Trainsurfer“ bei diesen lebensgefährlichen Aktionen, weshalb es auf keinen Fall nachzumachen ist.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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