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Plastik im Körper

Mikroplastik ist fast überall: In der Luft, in Flüssen, in unserer Kleidung und sogar in unserem Körper. Der Umweltmediziner Hans-Peter Hutter über eine tickende Zeitbombe.

Tageszeitung: Herr Dr. Hutter (MedUni Wien), Mikroplastik steht schon länger in der Diskussion schädliche Auswirkungen auf die Umwelt zu haben. Nun ist seit kurzem bekannt, dass wir Menschen regelmäßig Mikroplastik in unserem Körper aufnehmen. Müssen wir uns Sorgen machen?

Hans-Peter Hutter: Mikroplastik ist ein weltweites Problem, nicht nur für die Umwelt – inzwischen nehmen es auch wir Menschen auf. Erst 2018 haben Forscher vom Umweltbundesamt und der Medizinischen Universität Wien von acht Menschen aus acht verschiedenen Ländern Stuhlproben eingesammelt und analysiert. Das Ergebnis war: In jeder Stuhlprobe wurde Mikroplastik gefunden. Das ist natürlich besorgniserregend. Wir wissen also nun dezidiert, dass jeder von uns Mikroplastik im Körper hat. Wir nehmen es über die Nahrungskette auf, vor allem über die Meerestiere, aber es ist auch noch in vielen anderen Bereichen enthalten – an die man im ersten Moment gar nicht denken würde.

Und die wären?

Es gibt Untersuchungen, die Mikroplastik im Bier, im Honig, im Mineralwasser, im Speisesalz und auch in Erfrischungsgetränken nachgewiesen haben. So gelangen diese Partikel dann in unserem Körper. Gleiches gilt für Meerestiere, wie Fische oder Muscheln. Sie nehmen das Mikroplastik auf und so landet es dann auf unseren Teller. Das ist aber nur die halbe Miete. Denn Mikroplastik befindet sich noch ganz woanders – nämlich auch im Hausstaub. Denn von den Plastikprodukten in unserem Haushalt landen mit der Zeit kleinste Teilchen im Hausstaub. Was für kleine Kinder bedenklich ist. Sie krabbeln am Boden herum, und nehmen dann mit ihre Finger die Partikel über den Mund auf. Was auch oft vergessen wird, wir nehmen Mikroplastik auch über die Luft auf. Man braucht nur an den Reifenabrieb von Fahrzeugen denken. Es gibt also nicht nur den oralen Weg, sondern auch den Weg über die Atemwege.

Welche Auswirkungen hat das auf unsere Gesundheit? Wie gefährlich ist Mikroplastik?

Das ist die Gretchen-Frage. Was wir wissen ist, wir können es aufnehmen und es gelangt in unseren Organismus. Niemand weiß aber, wie gefährlich Mikroplastik für unsere Gesundheit werden kann und was es genau im menschlichen Organismus macht. Es gibt einzig tierexperimentelle Untersuchungen, die zeigen, dass sich die Teilchen im Gewebe „ansiedeln“ können. Wir wissen auch, dass sie in den Blutkreislauf gelangen können. Aus Zellversuchen ist bekannt, dass sich die Partikel zwischen den Zellen anlagern können oder an deren Oberfläche und dort entzündliche Reaktionen auslösen. Und wenn diese Belastung nicht aufhört, ist zu vermuten, dass Mikroplastik chronische Erkrankungen begünstigen kann. Je nach Chemikalien, die an den Teilchen angelagert sind, sind auch Einflüsse auf unser Hormon- und Nervensystem möglich. Manche dieser Stoffe sind auch krebserregend. Gleichzeitig besteht das Problem, dass sich an Mikroplastik weitere Schadstoffe aus der Umwelt, wie zum Beispiel Schwermetalle, Pflanzenschutzmittel anlagern können. Mikroplastik ist also wie ein trojanisches Pferd, über das eine Vielzahl chemischer Stoffe in unseren Organismus gelangen kann. Trotz dieser Erkenntnisse wissen wir noch nicht, welche Spätfolgen das für unsere Gesundheit haben kann. Fest steht aber, Mikroplastik ist keineswegs harmlos oder unbedenklich.

Wir nehmen also tagtäglich Partikel auf, die keineswegs unbedenklich sind und von denen man auch gar nicht wirklich weiß, wie gefährlich sie für unsere Gesundheit werden können…

Ja, das klingt hart, ist aber eine gute Zusammenfassung. Es ist einfach so, dass sich Plastik und damit auch Mikroplastik zu einem immensen Problem entwickelt hat. Bald haben wir mehr Plastik in den Meeren als andere Wasserlebewesen. Ein solches Ausmaß hat man nicht vorhergesehen.

Wurde Mikroplastik bislang unterschätzt?

Ja, sicherlich. Man war nur begeistert, was man mit Kunststoff so alles machen kann und welche Vorteile es hat. Was es aber für unsere Gesundheit und Ökosysteme bedeuten könnte oder welche Gefahren damit einhergehen, daran hat man damals nicht gedacht. Die Wissenschaft setzt sich auch erst seit geraumer Zeit näher mit diesem Thema auseinander. Es ist ein neues Forschungsgebiet, das auch methodisch sehr schwierig ist zu erfassen. Man muss erst einmal wissen, wie man diese Teilchen überhaupt messen kann. Es ist also alles sehr kompliziert.

Weiß man überhaupt, wie viel wir Plastik pro Woche aufnehmen? Die WWF sagt, Menschen nehmen pro Woche im globalen Durschnitt bis zu fünf Gramm Mikroplastik auf – das entspricht etwa dem Gewicht einer Kreditkarte.

Nein, das weiß man nicht genau. Ich halte auch nicht viel von diesen Berechnungen, da das Gewicht hier eigentlich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Gefährlichkeit spiegelt sich nicht in der Masse. Denn Nanoplastikteilchen, also die noch kleiner als Mikroplastik sind, wiegen ja nichts, sind aber umso gefährlicher. Denn sie haben einerseits aufgrund ihrer Kleinheit im Gesamten eine sehr große Oberfläche und zusätzlich eine deutlich höhere „Einwanderungskraft“ in unserem Organismus. Das heißt: Sie kommen überall hin und können sich auch im Gewebe einlagern.

Wie erkennt man, dass Mikroplastik drinnen ist?

Grundsätzlich kann das der Konsument nicht erkennen. Das ist ja das Problem. Zudem weiß man auch nicht, woher es kommt. Wenn es etwa einmal im Honig gefunden wurde, heißt das nicht, dass es in allen anderen Honig-Produkten zu finden sein wird. Es kann auch sein, dass im nächsten Produkt kein Mikroplastik vorhanden ist.

Wie schätzen Sie das Plastik-Problem in den nächsten Jahren ein?

Das Plastik-Problem wird sicher immer bedeutender werden. Immerhin schwimmen viele Tonnen in den Weltmeeren herum und zerfallen langsam zu kleineren Teilen. Außerdem werden sich die Abfallprobleme in den Ländern des Globalen Südens nicht so rasch umstellen. So wie es derzeit aussieht, werden wir also in Zukunft damit rechnen müssen, dass wir immer mehr Mikroplastik in unserem Körper aufnehmen werden? Definitiv. Wir sind sicher schon längere Zeit gegenüber Mikroplastik exponiert gewesen. Nur weil sich vor 20 Jahren niemand darüber Gedanken gemacht hat, heißt das nicht, dass damals niemand Mikroplastik im Körper hatte. Natürlich werden wir das auch damals schon der Fall gewesen sein. Kunststoff gibt es seit rund 70 Jahren. Nur hat sich anfänglich niemand für die negativen Folgen interessiert.

Kann man sich dann vor Mikroplastik überhaupt schützen?

Ab einer gewissen Kleinheit wohl nicht. Mir ist auch nicht ganz klar, wie man sich davor schützen kann. Weil man diese Partikel ja auch mit dem bloßen Augen nicht wahrnehmen kann und sich Mikroplastik nahezu überall befindet. Man kann schauen, dass man daheim, vor allem wenn man kleine Kinder hat, regelmäßig feucht aufwischt oder auch weniger Kunststoffprodukte insgesamt kauft. Ganz generell ist es hilfreich, sich bewusst und gesund zu ernähren. Denn so wird der Organismus widerstandsfähiger und resistenter gegenüber allen Umwelteinflüssen. Das reicht von Luftverunreinigungen, über Hitzewellen bis hin zu anderen Stoffen, die man aufnimmt. Ansonsten: keine Getränke aus Plastik, sondern aus Gasflaschen trinken. Dann sollte man weitestgehend auf Einwegartikel aus Kunststoff verzichten. Damit meine ich: Einkaufstüten, Wegwerfgeschirr usw. Hilfreich ist auch, keine Kosmetikprodukte zu kaufen, in denen Mikroplastik drinnen sind. Das alles sind Maßnahmen, die man selbst setzen kann, sie schützen nicht gänzlich vor Mikroplastik, können aber helfen.

Reicht das aus?

Nein, natürlich braucht es auch politische Rahmenbedingungen, damit der Konsument es einfacher hat. Es wird weitere Restriktionen hinsichtlich des Kunststoffeinsatzes geben müssen. Wenn sich die Europäische Union darauf geeinigt hat, Wattestäbchen und Strohhalme zu verbieten, ist das zwar schön, es löst aber das ganze Problem nicht. Man müsste auch den Einsatz bestimmter Additive strenger kontrollieren. Zudem muss am Bewusstsein der Menschen gearbeitet werden. Es darf nicht sein, dass Abfälle in der Umgebung liegen gelassen werden. Das passiert leider immer häufiger. Denn das ist nicht nur respektlos, sondern auch eine unverantwortliche Art. Schließlich landet es irgendwann in den Meeren und dann wiederum in den Fischen und kommt so „bumerangmäßig“ wieder zurück zu uns. Es liegt dann auf unserem Teller. Wir müssen ernst nehmen, was in unserer Umwelt passiert. Mikroplastik ist definitiv ein Problem für uns und unsere Kinder.

Jetzt würde ich noch kurz auf die Anfangsfrage zurückkommen: Müssen wir uns wegen dem Mikroplastik Sorgen machen?

Ja, wir müssen uns Sorgen machen, weil es ökologische Folgen hat, die wir jetzt schon sehen können. Dass in den Gewässern schon sehr viel Mikroplastik vorhanden ist und dort Kleinstwasserlebewesen durch Mikroplastik beeinträchtig werden. Dann müssen wir uns Sorgen machen, weil es sicher so bald nicht weniger wird. Und weil wir wissen, dass diese Stoffe auch in unserem Organismus landen, wir zwar heute nicht sagen können, wie sich das Ganze auf uns auswirkt, aber es plausible Überlegungen gibt, dass Mikroplastik ein Gefährdungspotenzial hat – in welcher Dimension auch immer. Daraus folgt, wir müssen uns Sorgen machen, weil es auch ein Spiegelbild ist, wie wir mit unserer Umwelt und letztendlich mit unserer Gesundheit fahrlässig umgehen. Vor allem ist es ein weiterer Beleg dafür, wie unreflektiert man anfangs damit umgegangen ist: Es gab im Vorfeld keine Technikfolgenabschätzung. Leider kein Einzelfall – denkt man aktuell an die neue Generation in der mobilen Telekommunikation.

Interview: Eva Maria Gapp

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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