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Die in Bäumen tanzen

Die Tanzlinde von Carmen Müller in Chur: Man tanzt man nicht unter, sondern in der Linde.

Die Künstlerin Carmen Müller installiert am Rosenhügel in Chur eine Tanzlinde.

(sh)  „Der Schäfer putzte sich zum Tanz,/ Mit bunter Jacke, Band und Kranz,/ Schmuck war er angezogen./ Schon um die Linde war es voll,/ Und alles tanzte schon wie toll. (…)“ schreibt Goethe im Faust.

Tanzen wie toll – dazu möchte die Künstlerin Carmen Müller die Churer den Sommer über an- und verleiten. In der Graubündener Stadt erinnert sie im Rahmen des Kunstprojekts BEGEGNUNGEN an eine alte Tradition, die stattliche Linden in den Mittelpunkt dörflicher Tanzfeste und Bräuche stellte. Auf Einladung von ART- PUBLIC CHUR und dessen künstlerischen Leiter Luciano Fasciati hat sie am Rosenhügel von Chur eine Tanzlinde realisiert, deren Tanzboden auf einer Höhe von 2,30 m schwebt. Man tanzt man nicht unter, sondern in der Linde. Der Tanzsaal ist ein duftend grüner Baumsaal und erinnert in seiner Machart an die dreistöckige Baumterrasse, die sie 2011 zur 150 Jahrfeier des Elisabethparks in Meran errichtet hat.

Carmen Müller: Menschen, die in Bäumen tanzen – das ist so ganz und gar eine Geschichte für ihre künstlerischen Erkundungen in der Welt der wilde Blüten treibenden Gartenkultur.

Menschen, die in Bäumen tanzen – das ist so ganz und gar eine Geschichte für die künstlerischen Erkundungen von Carmen Müller, deren Schwerpunktthema künstlerische Streifzüge durch private und öffentliche Gärten sind. In Künstlerbüchern – zuletzt: „Notizen aus Gärten“, 2009 – Fotografien, Zeichnungen Leporellos, Malereien, textilen Werken und Fundstücken dokumentiert sie Beobachtungen und Geschichten aus der Welt der wilde Blüten treibenden Gartenkultur. Dabei interessieren sie nicht nur die Arrangements aus Pflanzen, Wegen, Skulpturen und Gebäuden, kurz: die Idee, Landschaft auf kleinstem Raum zu kreieren, sondern auch die Menschen, die dahinterstecken. Gärten sind für sie Orte, an denen das Verhältnis des Menschen zur Natur ausgehandelt wird, doch die Formung eines Gartens sagt auch viel über die Menschen und die Gesellschaft aus.

Die sogenannten „Tanzlinden“ galten einst als Orte der Gerichtsbarkeit und der Versammlung. Der Brauch geht vermutlich auf einen heidnischen Baumkult zurück, der von den Niederlanden bis Ostpreußen, von der Schweiz bis ins östliche Bayern reichte. Zum Teil sind sie heute noch zu sehen: Neben den wenig erhaltenen Exemplaren in Deutschland, Frankreich, Belgien und Österreich gibt es auch eine in der Schweiz in Stein am Rhein. Bis zum heutigen Tag wird in Peesten und in Limmersdorf (Oberfranken, Bayern) zur Lindenkirchweih gefeiert und getanzt. Der Lindenbaum ist menschheitsbegleitend eng in das kulturell-mystische Leben eingebunden – als Dorflinde, als Tanzlinde, als Kirchlinde, als Burgbaum, als Heiligenbaum oder ganz persönlich als Hausbaum. Unter der Linde wurden Gemeindeversammlungen und Gerichtstage (Judicum sub tilia) abgehalten und Geselligkeit gepflegt. Zahllos sind die Liebeserklärungen an diesen Baum in Form von Gedichten, Erzählungen und Liedern. Das Kunstprojekt BEGEGNUNG hat 13 zeitgenössische Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz und Italien eingeladen, ortsspezifische Arbeiten für den Rosenhügel entwickeln, der im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein als „Galgenbühel“, als öffentliche Richtstätte diente. Als da wären: Remo Albert Alig, Florian Bach, Alex Dorici, Daniela Droz, huber.huber, Isabelle Krieg, Tim Krohn, Carmen Müller, Roman Signer, Not Vital, Dominik Zehnder und Peter Conradin Zumthor.

Termin: Die Tanzlinde am Rosenhügel in Chur bleibt bis 29. September zugänglich.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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