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    „Wir müssen uns digital entgiften“

    Der Wiener Hirnforscher und Neurobiologe Bernd Hufnagl erklärt, warum wir ständig aufs Handy blicken, obwohl es gar nicht läutet – und woran man merkt, ob man Handy-süchtig ist.

    TAGESZEITUNG: Herr Hufnagl, was ist schädlicher: Kokain oder das Handy?

    Bernd Hufnagl: Huch, Sie überfallen mich mit einer Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Es gibt Gemeinsamkeiten und große Unterschiede. Beim Kokain ist es so, dass die Suchtgefahr nach einem einmaligen Gebrauch viel größer ist als beim einmaligen Handy-Gebrauch. Also müsste die Antwort aus medizinischer Sicht lauten: das Kokain ist schädlicher. Aber es bezieht sich auf dasselbe Areal. Der permanente Gebrauch eines Smartphones setzt in unserem Sucht- und Belohnungsareal an. Und das macht das Kokain auch! Es werden folglich dieselbe Rezeptoren stimuliert, nur unterschiedlich stark.

    Vom Handy geht ein Suchtpotential aus?

    Ja, wir sprechen ja heute von einer ganz eigenartigen Seuche, die zu grassieren beginnt. Diese Seuche nennt man im Englischen vom Fomo („fear of missing out“). Es geht dabei um die Sucht, oder besser gesagt, um die Angst, irgendetwas zu versäumen …

    Was zu versäumen?

    Eben, das ist die Frage! Das weiß man eben nicht. Ich weiß nicht, wie Sie die sozialen Medien nutzen. Viele Menschen haben ständig ein komisches Gefühl, nachschauen zu müssen. Das beginnt in der Früh nach dem Aufstehen, und abends vor dem Schlafengehen muss ich auch noch nachschauen. Es gibt eine deutsche Studie, laut der über 50 Prozent der Smartphone-Besitzer als erste und letzte Tätigkeit des Tages ihre sozialen Informationskanäle checken.

    Es gibt Studien, die besagen, dass wir mindestens 80 mal am Tag auf unser Handy blicken, obwohl es nicht klingelt oder piepst ...

    Die absurdesten neuen Daten aus USA besagen, dass die „false alarms“ zunehmen, also Menschen glauben, dass das eigene Handy geläutet oder vibriert hat. Hat es aber nicht! Das heißt: Ein Teil des Gehirns simuliert aus reiner Gewohnheit genau in dem zeitlichen Abstand, in dem es üblicherweise läutet, einen Klingelton, obwohl keiner da ist. Das ist absurd.

    Ob daheim, im Bus, auf der Straße oder im Büro: Warum gucken wir dauernd auf unser Handy?

    Es ist sowohl der Angsttrieb als auch der Trieb der Neugierde, manchmal sogar in Kombination. Zur Gruppe 1: Es gibt Menschen, die haben Versagensängste und glauben, dass sie die Anforderungen des Alltags nicht hinzukriegen. Um sich zu beruhigen, checken sie permanent die eigenen E-Mails. Die anderen tun es aus Neugier. Daraus resultiert, dass wir durch den permanenten Konsum von Medien, durch das permanente Entertainment und Bespielen sofort Langeweile erleben, wenn wir zum Beispiel zuhause sitzen und nur fernsehen. Ganz vielen Menschen wird so langweilig, dass sie beim Fernsehen sofort das Gefühl haben: Ich brauche mein Tablet und beginne dann beispielsweise auf Amazon oder Zalando herumwischen. Das ist der Neugier-Trieb.

    Die Konsequenz dieses Tuns?

    Es entsteht ein Teufelskreis, denn wir brauchen immer Entertainment. Auf diese Weise trainieren wir uns Oberflächlichkeit, Langeweile und Ungeduld an. Besonders bei Kindern merkt man das. Denen wird ganz schnell langweilig.

    Wie merkt man, dass man Smartphone-süchtig ist? Gibt es Entzugserscheinungen?

    Von einer Sucht spricht man erst dann, wenn man das Gefühl hat: Ich kann ohne nicht mehr! Also wenn Sie es nicht mehr aushalten. Das beginnt im ganz harmlosesten Fall etwa damit, wenn Sie beispielsweise Ihr Handy zuhause vergessen und sich fragen, wie sie sich dabei fühlen. Eine neutrale Emotion beobachten wir bei den wenigsten Betroffenen. Die meisten drehen um und fahren heim, um das Handy zu holen. Das ist schon verdächtig, aber noch keine Sucht. Von Sucht spricht man, wenn man es nicht mehr regulieren kann. Beispielsweise: Sie sitzen im Urlaub an einem wunderschönen Strand und bemerken bei sich selbst, Sie halten es nicht mehr aus, Sie müssen nachschauen.

    Wie kann man gegensteuern? Soll man Handy-Fasten?

    Ja, das ist ein netter Begriff: Digital detox. Es ist eigentlich absurd, dass man sich digital entgiften soll, aber ja: Bei allem, wo ein Suchtpotential dahintersteckt – und das war Ihre erste Frage – , müssen wir gegensteuern. Meine konkreten Empfehlungen sind, Zeiträume zu finden, in denen wir Nicht-Ziele definieren ...

    Das bedeutet?

    So ein Nicht-Ziel wäre: In den nächsten 20 Minuten kommuniziere ich gar nicht, sondern konzentriere mich auf etwas anderes. Oder: Ich sitze irgendwo und schaue nur.

    Wie funktioniert dieses – im wahrsten Sinne des Wortes – Abschalten konkret? Kann man das trainieren?

    Für die, die schon sehr tief drinnenstecken in diesem permanenten Medienkonsum und sich daran gewöhnt haben, die haben fast nur eine Möglichkeit – fünf bis zehn Minuten Abstinenz am Tag muss her! Wir haben das in Studien überprüft. Wir haben Menschen, meist Manager, in einen leeren Raum gesetzt und ihnen die Aufgabe gegeben, nichts zu tun, sie sollten einfach nur zum Fenster hinausschauen, währendem sie fünf Minuten am EKG hängen. Die meisten konnten das nicht ertragen.

    Genügen zehn Minuten Abstinenz schon?

    Das ruhige Sitzen ohne permanente Gedankensprünge wird den Wenigsten gelingen. Ich ergänze noch etwas: Diesen Menschen kann man nur mehr eines raten: Sie müssen Konzentrationsübungen lernen. Das Gegenteil von Multitasking – also dem Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Gedanken oder Aufgaben im Arbeitsleben, aber auch im Privatleben – ist nicht Zero-Tasking, sondern Single-Tasking, also nur eine Tätigkeit auszuüben. Das ist das Gegenteil vom Alles-gleichzeitig-Tun. Das gibt es viele Optionen, vieles kommt aus dem asiatischen Raum. Sie können Entspannungstechniken lernen, Sie können auch Sport betreiben, Sie können klettern, Musik machen. Sie können auch Rasen mähen …

    Rasen mähen als Entspannungstechnik?

    Ja, weil Sie müssen zur effektiven Konzentration Kriterien erfüllen. Kriterium 1: Sie müssen sich anstrengen. Kriterium 2: Sie müssen sehen, welchen Effekt Ihre Anstrengung hat. Beim Rasenmähen ist es simpel erklärt: Sie sehen, dass das Gras vorne lang und hinten kurz ist. Das ist absurd, aber es entspannt. Wir sehen immer mehr Manager, die sich beim Rasenmähen entspannen.

    Das heißt: mit körperlicher Tätigkeit entspannen?

    Es muss nicht körperliche Tätigkeit sein. Sie können auch singen.

    Man muss ein Ergebnis sehen?

    Richtig! Die Handwerker-Logik könnte man es nennen.

    Aber Joggen mit Musik aus dem Handy im Ohr geht gut?

    Natürlich! Man darf nicht sagen: Alles, was gleichzeitig ist, ist schlecht! Man muss zwei Dinge unterscheiden: Multitasking ist ein Begriff, der oft falsch angewendet wird. Wenn wir von Multitasking umgangssprachlich sprechen, meint man das bewusste Multitasking. Das würde jetzt bedeuten: Wenn Sie in diesem Moment mir zuhören und gleichzeitig versuchen, einen ganz anderen Text zu schreiben, das können Sie nicht! Das ist bewusstes Multitasking. Aber unbewusstes Multitasking – das ist das, was Sie gerade genannt haben – geht in Ordnung. Sie können gehen und sprechen, riechen und fühlen gleichzeitig, das schadet überhaupt nicht.

    Wir wirkt sich die Handy-Sucht auf Partnerschaften, auf die Familie, also gesellschaftspolitisch aus? Werden wir zu einer sprachlosen Gesellschaft? Reden wir nicht mehr miteinander?

    Ich habe gerade dieser Tage über dieses Thema referiert. Das Auffälligste, das Mahnendste an diesem Thema war, dass wir zu Sendern mutieren.

    Was verstehen wir darunter?

    Menschen tun sich immer schwerer, Zeitungsartikel bis zum letzten Punkt zu lesen, ein Buch fertig zu lesen, zuzuhören, was ein anderer Mensch sagt, Sendungen und Filme fertig zu sehen. Wir sind Sender! Wir tun uns mit dem Empfangen schwer.

    Wir stumpfen ab?

    Wir stumpfen ab! Genau! Wenn eine Führungskraft oder ein Elternteil seinem Kind nicht zuhört, wie soll man Menschen fördern? Wie soll man achtsam kommunizieren? Wie soll man mitbekommen, wie es anderen Menschen geht?

    Sind die sozialen Medien an unserer Handy-Abhängigkeit schuld?

    Sie sind dran beteiligt, weil es ein Hormon gibt, das vermehrt ausgeschüttet wird, wenn Sie ein paar Likes bekommen. Also wenn Sie Zustimmung erfahren. Das mag auch eine Erklärung für Hass-Postings, als für diese wilden Gerüchte, für Zynismus und Jammerkultur im Internet sein. Dieses Phänomen greift ja in beängstigendem Maße um sich. Schuld daran ist das Oxytozin.

    Ein Hormon?

    Oxytozin wird bei uns Säugetieren – und das ist der Mensch halt auch – seit 150 Millionen Jahren immer dann ausgeschüttet, wenn mich jemand lieb hat, oder wenn ich jemanden lieb habe. Mich lieb haben heißt: mich liked jemand. Es stimmt mir jemand zu. Es pflichtet mir jemand bei. Ob Fakten stimmen oder nicht, ist völlig egal.

    Die Motive für die Hass-Postings wären?

    Ich habe unlängst eine Sendung mit Barbara Stöckl für den ORF gedreht, da ging es um genau diese Frage. Die Frage nach Motiven für Hass-Postings ist nicht so leicht zu beantworten. Denn es gibt nicht nur ein Motiv für Hass-Postings: dass man Zuspruch braucht, ist ein Motiv. Aber es geht auch um tatsächlich gewaltbereite Menschen. Und es geht darum, dass Menschen plötzlich ein Ventil haben, in einer Welt, in der sie sonst jemanden etwas ins Gesicht sagen müssten. In der analogen Welt traut man sich dies nicht. Aber in der digitalen Welt ist die Hemmschwelle deutlich geringer. Das heißt: Diese Menschen, die sonst am Stammtisch oder sonstwo laut waren, haben plötzlich ein Sprachrohr bekommen …

    Diese Menschen können in der digitalen Welt plötzlich Artikel schreiben wie ein Journalist. Ist das gefährlich?

    Absolut! Ich sehe das sehr problematisch. Ich kann Ihnen noch ein Ergebnis unserer Diskussion geben: Die Kollegin, die sich mit Cyber-Kriminalität, also mit dem ungehemmten und unkontrollierten Austoben im Netz beschäftigt, die sagte: Wir regen uns massiv auf, dass im Internet unsere Freiheit, unsere Meinungsfreiheit beschränkt wird. Andererseits, in der analogen Welt, da wollen wir viel mehr Polizeikontrolle. Das ist der Wahnsinn. Wir brauchen dringend in dieser virtuellen Welt etwas Ähnliches, was wir auch in der analogen Welt haben: Wir brauchen Kontrolle. Es geht nicht um Überwachung, um Freiheits- oder Meinungsbeschneidung, aber es geht auch um den Schutz des Schwächeren.

    Ein Shitstorm kann für viele Menschen fatale Folgen haben …

    Absolut! Insbesondere für sehr sensible Menschen.

    Damit wären wir beim Thema Bullying, wenn Schüler kompromittierende Inhalte von Mitschülern ins Netz stellen …

    Tragische Fälle! Wir hatten selbst einen tragischen Fall in der Familie. Mein Bruder war bis vor einem halben Jahr mit einer Dame liiert. Die Frau hatte fünf Kinder, und eines davon hat sich genau aus diesem Grund umgebracht. 13 Jahre alt, ein Bub! Der Bub hat einen Link per Facebook von Schulkollegen, die ihn einfach fertigmachen wollten, geschickt bekommen. Es war ein Link von einem Schwulen-Porno. Der arme Bub hat draufgeklickt. In dem Moment, wo er draufgeklickt hat, war ihm klar, dass alle anderen wissen, dass er sich das angesehen hat. Das hat er nicht ertragen, ist am Abend rausgegangen und hat sich unter den Zug geworfen. Der ist tot, 13 Jahre!

    INTERVIEW: Artur Oberhofer

    Lesen Sie am Montag auf  TAGESZEITUNG Online:

    • Wie viel Handy tut Kindern gut?
    • Und: Sollen Schulen Störsender einbauen?
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