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    Hauptsache Ich

    nackte-bergsteiger-03Der Berg war einmal ein Rückzugsort. Ein Ort der Anarchie. Der Blogger Gabriel Egger philosophiert über Outdoor-Nudismus, Bergliebe und alpine Deppen. Er meint: Das verdammte Internet habe den einst so flachen Bergrücken zu einem schmalen Grat gemacht.

    Von Artur Oberhofer

    Fast genau 60 Jahre liegen zwischen den beiden Großtaten.

     Juli 1953: Finstere Nacht. Der Atem, den er in die eiskalte Luft stößt, ist Hermann Buhls einziger Begleiter. Erst um 19.00 Uhr erreicht der Tiroler am darauffolgenden Tag als erster Mensch den Gipfel des Nanga Parbat. Alleine. Zeugen sind eine pakistanische Fahne und der Eispickel, den er als Beweis in den Schnee rammt. Doch die Zeit reicht nicht. Buhl muss unterhalb des Gipfels biwakieren – im Stehen. Nur wegen der ungewöhnlich günstigen Witterung überlebt er, kehrt nach 41 Stunden wieder zurück ins sichere Lager.

    bildschirmfoto-2016-10-19-um-10-00-06Juli 2013: Die schwüle Luft drückt auf den trockenen Boden, das Plätschern des nahen Baches quält die trockene Kehle. Der Fels ist angenehm warm, die Finger klemmen sich behutsam in seine breiten Spalten. Schweiß läuft über die Stirn ins Auge. Das kleine oberösterreichische Micheldorf ist von hier oben noch kleiner. Gabriel Egger erreicht nach wenigen Stunden mit drei seiner Freunde den Gipfel der Kremsmauer zwischen dem Alm- und dem Steyrtal in den nördlichen Voralpen. Weil das alpinistisch genauso wertvoll ist, wie es klingt, müssen sie anderweitig Aufmerksamkeit erregen. Wenige Meter unterhalb des pompösen Gipfelkreuzes ist der richtige Platz dafür. Die Hüllen fallen. Zuerst auf dem Berg, dann im Internet.

    Buhl und Egger?

    Mit diesem „ganz schlechten Verleich“ (Egger über Egger) steigt der österreichische Blogger Gabriel Egger in eine Geschichte ein, in der es um „das neue Bergsteigen“ geht.

    Egger philosophiert über den Grenzgang zwischen Moral und Selbstdarstellung in Zeiten des Internets. Und er gelangt zu der ernüchternden Erkenntnis: Ja, das verdammte Internet habe den einst so flachen Bergrücken zu einem schmalen Grat gemacht.

    Gabriel Egger prägt den Begriff: „Hauptsache Ich“. Er trauert den guten alten Zeiten nach, als es noch darum ging, Augenblicke zu konservieren. Als der Berg noch ein „Rückzugsort von den Scheinwerferlichtern des Alltags“ war.

    Gabriel Egger schreibt, er würde kein zweites Mal ein Nacktfoto ins Netz stellen. „Das ist auch in Zeiten des aufstrebenden Outdoor-Nudismus furchtbar peinlich.“

    Wer sich in der virtuellen Welt zum Gipfel aufmacht, dem blitze „zwischen pittoresken Bäumen, blühendem Almrausch und dem Panoramaschwenk in die Ferne immer öfter ein nacktes Körperteil hervor“.

    Es gehe nicht mehr darum, anderen den Weg zu zeigen, zu inspirieren oder Freude zu teilen. Nicht mehr darum, die Augenblicke zu konservieren. Auch nicht mehr darum, beim ,Daheimgebliebenen’ Schadenfreude zu erzeugen. Es gehe nur mehr ums Ich.

    Dass alte Bergsteiger sich über die neue ,Freiheit’ echauffieren, dürfe nicht verwundern, findet Gabriel Egger. Für einen großen Teil der Kulturen unsere Erde sei ein Berg immer noch ein Heiligtum.

    Das könne sogar soweit gehen, dass man im Adamskostüm von der Polizei abgeführt wird.

    bildschirmfoto-2016-10-19-um-10-00-35Gabriel Egger berichtet von einer 24-jährigen Britin, die mit Freunden nackt auf dem Gipfel des 4095 Meter hohen Bergs Kinabalu in Malaysia posierte –den Warnungen des einheimischen Bergführers zum Trotz.

    Egger schreibt:

    „Die beiden Männer hatten sich vollständig ausgezogen, die Frauen waren oben ohne. Die Nacktfotos hatte die Gruppe anschließend ins Internet gestellt. Das Gericht verurteilte die zwei Männer und zwei Frauen zu einer dreitägigen Gefängnisstrafe und einer Geldbuße von umgerechnet knapp 1200 Euro.

    Ob das die 500 Likes wert war?“

     

    bildschirmfoto-2016-10-19-um-10-02-15Machen wir doch zumindest in unserer Freizeit Dinge wieder für uns selbst. Popo -und Busenbilder in den Bergen vergessen die meisten beim nächsten Klick ohnehin wieder. Nur das Internet nicht – das Netz wird nie an Alzheimer leiden. Auch ich musste das lernen ­– und der Stoff ist nicht einfach.“

    Gabriel Egger entwickelt die These: Der Berg verliert an Liebe.

    Was meint der damit?

    „Der Berg wird immer anspruchsvoller.

    ,Wehret den Anfängen.’ Ich hasse es. ,Früher war alles besser’. Noch schlimmer. Veränderung ist wichtig, auch wenn sie nicht immer gut ist.

    Die Pioniere haben Routen studiert, sich mit Flora und Fauna beschäftigt, den Berg beobachtet, sich nächtens in die vom Mond beschienenen Wände verliebt und ihre Gedanken zu Papier gebracht. Der Fels war die Konstante, der Berg selbst das Abenteuer. Um ihn herum entstanden Sehnsucht und Tatendrang.

    Die Zeiten ändern sich. Der Berg steht nicht mehr im Fokus, das Abenteuer wird ohne ihn erschaffen und schließlich auf ihn angewendet. Spannend soll es sein, spektakulär, vielleicht gefährlich. Googeln wir das mal. Moment. ,Spannend, spektakulär, gefährlich’. 73.000 Ergebnisse.

    Biancograt. Hm, schaut gut aus. Das machen wir.

    Der Berg verliert seinen Wert als einzigartiges Mahnmal der Natur.“

    bildschirmfoto-2016-10-19-um-10-01-13Der Blogger Gabriel Egger denkt auch laut über die Selbstdarstellung im Internet und veröffentlicht einige Postings.

    Dazu schreibt er:

    „Darf er/sie darauf stolz sein? Mit Sicherheit. Warum auch nicht. Ein freier Mensch, kann tun und lassen was er will. Das soll er auch, im Sinne der persönlichen Entfaltung. Ist das Alpinismus? Schon auch irgendwie.

    Wenn auch kein klassischer. Müssen diese Zeilen der Öffentlichkeit unter die rümpfende Nase gerieben werden? Nein, wohl eher nicht. Zum einen wegen des vorprogrammierten Shitstorms, den er/sie sich vielleicht gar nicht verdient hat, weil er/sie genau gewusst hatte, auf was er/sie sich einlässt. Zum anderen, weil es Menschen gibt, die irgendwo da draußen, im hektischen Wirrwarr, ihre Selbstverantwortung verloren haben. Die gefährlichste Verkleidung ist die vermeintlich sichere Weste des Internets. Schusssicher ist die aber nicht.“

    „Du, Peter. I mog amoi auf den Großglockner. Wast eh, des is der hechste von Österreich. Oiso Berg.“

    „Jo Hans. Do hobi letztens an Bericht im Internet gseng. Den kaumma sogoa im Winter mit die Laufschuach gehn“

    „Mah super. Daun geht der eh oiwei“.

    Und wenn dann etwas passiert, dann folgt sie. Die Schelte der alpinen Engel. Die Apostel, die Facebook nutzen, um die Kunde der endlosen Weisheit in die Wohnzimmer zu bringen.

    bildschirmfoto-2016-10-19-um-10-01-31Hauptargument: Wegen euch Pfosten muss wieder die Bergrettung ausrücken! Da darf man auch nicht mehr nach draußen, wenn es regnet. (Fahrlässig). Wenn es schneit (Fahrlässig). Wenn es windig ist (Fahrlässig). Wenn Wolken den Gipfel einnehmen (Fahrlässig.). Wenn die Hütten geschlossen sind. (Fahrlässig). Wenn es kalt ist. (Fahrlässig). Wenn es heiß ist. (Fahrlässig). Eigentlich nur bei strahlendem Sonnenschein. (Nicht fahrlässig).

    „Wir leben schon in einer seltsamen Welt“, findet der Blogger Gabriel Egger.

    Er schreibt:

    Blogger Gabriel Egger (Alle Fotos aus dem Blo Berg )

    Blogger Gabriel Egger (Alle Fotos aus dem Blog Bergaufundbergab )

    „Das Internet hat den einst flachen Bergrücken zu einem schmalen Grat gemacht. Auf diesem tänzeln wir nun, zwischen zu viel Moral und zu viel Selbstdarstellung. Da wird angegeben, bloßgestellt, belehrt und beschimpft. 

    Bindende Glieder gibt es kaum. Dabei gebe es ein ganz bedeutendes: Die Liebe. Wer den Bergsport einmal ins Herz geschlossen hat, wird ihn nicht mehr los. Aber zuerst muss man ihn zu schätzen lernen.

    Statt Nacktfotos die Kamera zur Seite und den Kopf einmal ins sanfte Alpengras legen. Statt gehässiger Kommentare einmal den Gebirgsregen im Nacken spüren. Statt der wildesten Felstour, einmal die Lieblingshütte besuchen. Statt den Verteidiger des klassischen Bergsteigens zu mimen, einmal rein in die Trailrunningschuhe und den Fels zwischen den Zehen spüren. Die erste Spur in den Schnee ziehen. Die Sonne im Biwak in der Felswand beim Untergehen beobachten. Die Kälte einer Nachtbegehung mit warmem Tee vertreiben.

    Statt hier im Internet zu schreiben, einmal raus und den Wind das Haar zersausen lassen. Das mach ich jetzt.“

     

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