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    Die Ötzi-Millionen

    Die Ötzi-Millionen

    Für Südtirol ist das Ötzi-Museum nicht nur eine archäologische Sensation – sondern auch noch nach 25 Jahren ein handfester touristischer Wettbewerbsvorteil. Vom Geschäft mit einer Leiche.

    Von Anton Rainer

    Gemeinden, die Fußballmannschaften mit teuren Trainingscamps verwöhnen, sind es gewohnt, über ihre Ausgaben Rechenschaft abzulegen. Detaillierte Statistiken, wie, wo und wann welcher Ortsnamen und welche Landschaft im Fernsehen zu sehen waren, sind die Norm. Jeder Euro wird in Marketingminuten umgerechnet.

    Das Archäologiemuseum Bozen führt derartige Statistiken in der Regel nicht, dürfte dabei aber deutlich mehr für den Tourismus und die Bekanntheit Südtirols im Ausland leisten. „Wenn wir eine neue Mitteilung zu irgendwelchen wissenschaftlichen Details herausschicken“, freute sich Museumsdirektorin Angelika Fleckinger anlässlich des 25-jährigen Jubiläums gegenüber europäischen Medien, „dann arbeitet sich diese über das Internet innerhalb von 24 Stunden um die ganze Welt.“

    Tatsächlich lässt sich dieser Marketing-Effekt in nackten Zahlen messen: Rund eine Viertelmillion Besucher zählt das Archäologiemuseum jährlich – trotz langer Schlangen an der Kassa. Zwischen 12 und 20 reservierte Führungen zählt man mittlerweile täglich: „Das entspricht, inklusive Individualtouristen, rund 300 Besuchern pro Tag, die nur wegen Ötzi nach Bozen kommen“, heißt es vonseiten des Landesvermarkters IDM, „oder knapp 90.000 Leuten pro Jahr“.

    Diese Zahl deckt sich in etwa mit den Ergebnissen einer 2012 durchgeführten Studie der Universität Bozen. Unter dem Titel „Understanding Urban Tourism Attractiveness: The Case of the Archaeological Ötzi Museum in Bolzano“ hatten Wirtschaftsprofessoren bei insgesamt 724 Besuchern die touristische Attraktivität des Eismannes abgefragt – mit erstaunlichen Ergebnissen.

    So erklärten 63 Prozent der Studienteilnehmer (hochgerechnet rund 95.000 Besucher), sie würden auch eine andere Stadt besuchen, „wenn Ötzi dort ausgestellt würde“. 38 Prozent waren sogar nur wegen der Gletschermumie nach Bozen gekommen. „Touristisch ist diese Anziehungskraft sehr relevant“, sagt Marco Pappalardo, IDM-Abteilungsleiter im Bereich Kommunikation, „es gibt praktisch keine Fixpunkte, die wir so international spielen können wie Ötzi.“ Die Gletschermumie: bekannter als die Gletscher selbst.

    Klar, dass sich diese Attraktivität auch in finanziellen Vorteilen niederschlägt: Knapp 240 Euro gaben Touristen im Durchschnitt, samt Übernachtung, Essen und anderer Umwegrentabilitäten, 2012 pro Besuch des Archäologiemuseums in Bozen aus. Tagesbesucher kamen noch immer auf mehr als 100 Euro. Kein Wunder, zählen Ötzi-Besucher doch zu den besserverdienenden (und damit begehrteren) Touristen: 40 Prozent der Befragten gaben ein mittleres bis hohes Durchschnittseinkommen an, nur drei Prozent verdienten weniger als 20.000 Euro im Jahr. Darüberhinaus kaufen Ötzi-Besucher kräftig im Museumsshop ein (im Durchschnitt 14 Euro pro Person) – und nehmen weite Reisen in Kauf, um die Mumie zu sehen.

    Auf 250.000 jährliche Besucher gerechnet, entsprechen diese Zahlen einer konservativ geschätzten Wertschöpfung von rund 49 Millionen Euro für Bozen und Südtirol. 18,6 Millionen davon alleine infolge der Anziehungskraft des Eismannes. Zahlen, die nicht nur wegen ihres Alters mit Vorsicht zu genießen sind: Vonseiten des Museums war die „nicht von uns in Auftrag gegebene Studie“ in der Fragestellung „zu ungenau“ – und in den Zahlen wohl etwas zu konservativ.

    „Wir sehen für Ötzi noch ein großes Wachstumspotential“, sagt Marco Pappalardo. Das gelte insbesondere für die Zeit nach dem Umzug in ein Gebäude, das dem Besucheransturm gerecht wird.

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    Kommentare (3)

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    • xy

      Aber keiner spricht mehr davon, wie sich damals die Landesregierung, sprich der Landeshauptmann gegenūber den Finderehepaar Simons verhalten haben, wegen des Finderlohns.
      Erinnere mich noch allzugut, wie sich der Hotelier Decarli aus Kaltern bereit erklärt hat, dass Ehepaar fūr 10 Jahre gratis bei ihm im Hotel zu Urlauben, wenn das Land sich weiterhin weigert, einen angemessenen Finderlohn zu bezahlen.
      Ich habe mich damals fast geschähmt, ein Sūdtiroler zu sein, denn sogar in der Auslandspresse wurde damals ūber das knauserige Verhalten der Landesregierung gegenūber des Finderehepaares berichtet.

    • wollpertinger

      Wer einen Toten findet, ist gesetzlich verpflichtet, dies den Behörden zu melden. Von einem Finderlohn ist keine Rede, vom Alter des Toten auch nicht. In diesem Fall ist eine Belohnung eine rein freiwillige Sache.

      • kleinlaut

        Das sehr ich genau so…“Finderlohn“ wird für etwas bezahlt, was jemand verloren hat. In diesem Fall könnte höchstens von einer Belohnung die Rede sein….und die beruht richtigerweise auf freiwilliger Basis.

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