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„Ein gesellschaftliches Problem“

Foto: lpa

Die Hilferufe aus den Schulen häufen sich. Was die Vorsitzende des Landesbeirates der Eltern, Heidrun Goller, zu den Problemen in der Schule sagt – und welche Lösungen sie vorschlägt.

Tageszeitung: Frau Goller, rund 1.000 LehrerInnen haben kürzlich mit der Petition „Schule in Not“ auf die Probleme und die teils untragbaren Situationen an Südtirols Schulen aufmerksam gemacht. Wie sehen Sie diese Problematiken?

Heidrun Goller (Vorsitzende des Landesbeirates der Eltern): Das Problem kann man nicht isoliert betrachten. Es ist wirklich notwendig, dass sich alle Beteiligten, also Lehrer, Schulamt und auch Eltern zusammensetzen. Wir haben hier mit Sicherheit ein gesellschaftliches Problem, das sich jetzt auf die Schule auswirkt. Am Anfang hat man gedacht, es wäre nur ein Wahlkampfthema, weil das Thema seit Januar diesen Jahres so im Zentrum steht, mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Sprache, Verrohung, zunehmende Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen.

Wie erklären Sie sich die zunehmend problematischen Zustände an den Schulen?

In den letzten Jahren hat man es der Jugend wirklich nicht einfach gemacht – irgendwo muss sich das ja ausdrücken. In der Schule wird ziemlich viel kontrolliert, aber eben auch nur bedingt. Zur Lösung sollten daher unbedingt die Jugendorganisationen hinzugezogen werden, die viel Potential haben, hier mitzuhelfen. Außerdem sollten die Jugendlichen schon ab 14 Jahren Sommerjobs haben können, nicht nur freiwillige Sommerjobs, und man sollte die jungen Leute früher in die Arbeit schicken, denn bisher dürfen sie erst ab 16 arbeiten, bis dahin liegen sie einfach ein bisschen brach. Die Schule ist zu kopflastig und schon in der Mittelschule zu wenig handlungsorientiert. Das Praktische müsste mehr in den Schulalltag integriert werden. Aber diese Lösung darf nicht isoliert betrachtet werden sondern eben mit allen Beteiligten gemeinsam.

Treten diese Probleme in ganz Südtirol auf oder kristallisieren sich effektiv Schulen heraus, die stärker betroffen sind als andere?

Die Problematik betrifft nicht ganz Südtirol. Es gibt Brennpunkte und wir wissen, wo sie sind. Das weiß man schon länger. Es sind vor allem die großen Ballungszentren.

Inwieweit sind die Schulsozialpädagogen und ZIB in diesem Zusammenhang eine Hilfe?

Diese Einrichtungen sind natürlich eine Hilfe, aber sie allein werden das Problem nicht lösen. Es gibt beispielsweise keine Anlaufstelle für Eltern, wenn diese Probleme an der Schule haben sollten.

Bräuchte es auch Schulpsychologen? Wäre die Einrichtung eines solchen Berufsbildes angesichts der aktuellen Entwicklung an den Schulen angebracht?

Mit Schulpsychologen wird diese Problematik auch nicht gelöst. In erster Linie wäre es zielführend, wenn sich alle Beteiligten wirklich zusammensetzen würden, um dann lösungsorientiert zu arbeiten. Wir laufen wirklich Gefahr, dass wir nur Schall und Rauch erzeugen und ein gutes Wahlkampfthema haben, aber unter dem Strich wird es nicht sachlich und fachlich für die Kinder und Jugendlichen gelebt. Das ist mein großes Bedenken und das wäre einfach für die Jugend sehr schade, wenn sie dafür hergenommen werden würde.

Das Schulamt will bei Schulpsychologen eine Grenze ziehen, weil dies zu weit ins Private und in die Familie gehe. Sehen Sie das auch so?

Darüber würde ich gerne mit dem Schulamt und den Lehrern diskutieren, die sich in diesen Situationen befinden. Denn, wenn sich niemand an den Schulpsychologen wendet, dann hat dieser keinen Sinn. Es gibt auch andere Berufsbilder, die man in die Schule bringen kann. Meines Erachtens hat der Südtiroler Jugendring ein großes Potential, welches es noch auszuschöpfen gilt. Ganz zentral und mit großem Potential sehe ich auch das Unterrichtsfach „Gesellschaftliche Bildung“, um auf die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen einzuwirken. Darüber hinaus ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit in diesem Alter ganz entscheidend.

Wie weit sollte es Aufgabe der Schule als pädagogische Einrichtung sein, sich mit diesen Problemen zu befassen. Wo sollte die Grenze gezogen werden?

Das ist eine gute Frage, die auch Grundlage einer Diskussion oder einer Arbeitsgruppe zu diesem Thema sein könnte. Wo stehen wir in der Beratung, was können wir noch tun, was brauchen wir noch?

Oftmals werden auch Rufe laut, die Eltern mehr in die Pflicht zu nehmen. Der Ursprung vieler Probleme wird im Elternhaus der Kinder gesehen. Jedoch sind viele Eltern mit ihrer eigenen Situation und/oder mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Wer übernimmt dann die Verantwortung für diese Schüler?

Wir sehen Eltern, die wir nicht so gut in die Diskussion einbringen können, weil wir eben diese Eltern nicht gut vertreten können. Das ist auch ein Aspekt, der dringend berücksichtigt werden muss. Die Jugendlichen sind der Seismograph der Gesellschaft: Sie drücken das aus, was unterschwellig in bestimmten Situationen und in bestimmten Gebieten vermehrt auftaucht. Das Netzwerk zwischen der Schule und den verschiedenen Einrichtungen ist schon da, aber in wie weit es im Zusammenspiel aktiver werden muss, das kann man nur gemeinsam durch lösungsorientierte Arbeit klären.

Interview: Sandra Fresenius

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (2)

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  • svea

    Solange die Bildungsdirektion nicht auf jene Personen hört, die tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, wird sich nichts ändern. Kinder und Jugendliche lassen sich nur von Personen helfen, zu denen sie Vertrauen haben und Vertrauen entsteht nur wenn man sich ernstgenommen fühlt.

  • artimar

    Was fehlt ist nicht das Wissen um die Problematiken an den Schulen, in den Klassen, im Classroom-Management, sondern die konkrete Umsetzung von pädagogisch zielführenden, wie systemisch-lösungsorientierten Handlungsmodellen. Da kann man der Vorsitzenden des Landesbeirates der Eltern wohl nur beipflichten.

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