Du befindest dich hier: Home » Kultur » „Nicht nur gemalt, sondern erlitten“

„Nicht nur gemalt, sondern erlitten“

(v.l.) Marjan Cescutti, die Präsidentin des Vereins Anna Silvia Plattner, der Vizepräsident Ennio Casciaro, Ambrogio Balzarotti und Alessandro Casciaro: „Wir glauben, dass sein Werk insgesamt etwa 1700 Originalarbeiten umfasst.“

Das Karl-Plattner-Archiv legt eine Zwischenbilanz seiner Recherchen über das Werk des bedeutendsten Malers Südtirols vor. 1200 Originalwerke sind erfasst, nach etwa 500 Arbeiten wird noch gesucht.

 

Karl Plattner, der bedeutendste Maler Südtirols der zweiten Jahrhunderthälfte, war ein von Selbstzweifeln gepeinigter Mensch. „Er hat seine Bilder nicht nur gemalt, sondern erlitten“, sagt Marjan Cescutti. Den ehemaligen Präsidenten des Südtiroler Kulturinstituts verbindet eine langjährige Freundschaft mit dem 1919 in Mals geborenen und 1986,  im Alter von 67 Jahren, auf tragische Weise aus dem Leben geschieden Künstler. „Er war ein Vermittler zwischen den Kulturen und ein großherziger Mensch. Nie hat er sich abfällig über Künstlerkollegen geäußert“, erinnert er sich.

14 Briefe hat er zwischen 1979 und 1982 an Cescutti geschrieben, die zu den aussagekräftigsten Quellen der Plattner-Forschung zählen. Liest man auch nur wenige Zeilen, erkennt man einen Künstler, der sein eigenes Werk zeitlebens auf gnadenlose Weise ( „Die Intuition verlangt nach einer erbarmungslosen Kontrolle durch den Verstand …“) sezierte und sich damit noch tiefer in die Spirale der Selbstzweifel hineinbohrte: „… die strenge Autokritik trägt die Schuld an meiner Krise“ schreibt Plattner 1981 aus Paris. Angesichts von früheren Werken kann er nur denken: Das hätte man besser machen können. „Das Wiedersehen mit meiner früheren Arbeit hat gemischte Gefühle geweckt, doch auch damals konnte ich nicht mehr geben.“

Karl Plattner: „… die strenge Autokritik trägt die Schuld an meiner Krise.“

Die Rezeption hat sich auf die Formel eines „existenziellen Realismus“ eingeschworen: Tod, Einsamkeit, Geworfensein, Heimatlosigkeit, Verzweiflung, Isolation, Verlassenheit lauten die meist philosophischen Attribute, die ihn als Maler einer seelenlos kalten Welt darstellen, obwohl er selbst am liebsten über die handwerkliche Seite seiner Kunst geredet hat. Doch wissen wir schon alles über die herausragende Südtiroler Künstlerpersönlichkeit der Nachkriegszeit?

Mitnichten. Es gibt noch nicht einmal ein vollständiges Werkverzeichnis und das weltweit verstreute Werk Plattners dürfte noch einige unbekannte Schätze umfassen. Ein Beispiel: Zwei Jahre nach seinem Tod tauchten im Nachlass über hundert schwarz/weiß Fotografien auf, über dessen Existenz weder die Öffentlichkeit noch die engsten Freunde Plattners in Kenntnis waren. 2019, zum 100. Geburtstag von Plattner, wurden die Bilder  im Museum Eccel Kreuzer erstmals ausgestellt.

Zur Gänze erfasst ist nur das grafische Werk (253 Sujets in unterschiedlichen Auflagen), das 1999 im Katalog „Karl Plattner – Das grafische Werk“ von der Goethe Galerie (heute Galerie Alessandro Casciaro) publiziert wurde. Dokumentiert sind des weiteren rund 1200 Originalwerke und die öffentlichen Werke (bspw. das Fresko im Sitzungssaal des Südtiroler Landtags, das Tafelbild im Neuen Festspielhaus Salzburg und der Freskenzyklus der Europakapelle). Doch damit ist sein Oeuvre noch nicht erschöpft. Der Galerist Alessandro Casciaro schätzt, dass es noch einige hundert Werke gibt, von denen man nichts weiß: „Wir glauben, dass sein Werk insgesamt etwa 1700 Originalarbeiten umfasst.“

Um diese aufzustöbern, ein komplettes Werkverzeichnis zu erstellen und die Plattner-Forschung voranzutreiben, haben die Töchter des Künstlers Anna Silvia und Patrizia Plattner, sowie das Galeristenehepaar Ivana und Ennio Casciaro das „Karl-Plattner-Archiv“ ins Leben gerufen.

Gestern hat der Verein, der bislang sieben Mitglieder umfasst, eine Zwischenbilanz seiner Recherchen vorgelegt und die weiteren Ziele definiert. Für Alessandro Casciaro, Sekretär des Vereins, ist die wichtigste Aufgabe des Archivs„das Gesamtwerk sowie die Archive des Künstlers zu verwahren und dessen dokumentarische Unterlagen und Aufzeichnungen zu ordnen.“ Besitzer von Originalwerken Plattners können sich beim Archiv melden und sich deren Echtheit bestätigen lassen. Im Zuge der Recherche, so Alessandro Casciaro, seien bereits einige Fälschungen und Nachahmungen aufgeflogen. Die Authentifizierung und anschließende Archivierung der Werke ist kostenlos. Informationen: Karl Plattner Archiv, Kapuzinergasse 26a, Bozen; T. 0471 975461; [email protected]. (Heinrich Schwazer)

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2024 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl Impressum | Privacy Policy | Netiquette & Nutzerbedingungen | AGB | Privacy-Einstellungen

Nach oben scrollen