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Nachtrag zu Venedig 79

„Freedom on the Fire: Ukraines Fight for Freedom“ in Venedig

Wenn das hier in der Zeitung steht, ist das Festival in Venedig vorbei, die Preise sind verteilt und alle sind daheim. Die Filme kommen aber noch ins Kino, wenn sie Glück haben.  

von Renate Mumelter

Diesmal war ich nicht beim Festival. Ein Termin verhinderte die Reise genauso wie die in diesem Jahr exorbitanten Hotelpreise. Also wich ich auf’s Heimkino der Mostra del Cinema aus. Online wurden jeweils ein paar Tage lang ausgewählte Filme gezeigt, darunter Fundstücke aus den Reihen Orizzonti, Fuori Concorso, Giornate degli Autori. Diesen Filmen wünsche ich früher oder später einen realen Kinoauftritt.

Beeindruckend

Den größten Eindruck machte mir „Freedom on the Fire: Ukraines Fight for Freedom“ von Evgeny Afineevsky. So nah war ich dem Krieg noch nie. 118 Minuten lang ist der Dokumentarfilm mitten im Geschehen in Bucha, Kiew, Charkiv, Mariupol, Lviv. 

Evgeny Afineevsky hatte sofort nach Kriegsbeginn mit dem Dokumentieren begonnen. Er führt uns zu den Kindern in der U-Bahn, zu den Eingesperrten im Stahlwerk Azovstal, auf die Straßen und in die Keller Mariupols. Er führt zu Menschen, in ihre Augen, jene der Erwachsenen und jene der Kinder. Wer da noch zu behaupten wagt, das sei alles nicht wahr oder übertrieben, tut sich schwer. Die Bilder sprechen für sich und die Bedrohlichkeit dieses menschenverachtenden Krieges wird greifbar. „Vor dem Krieg kannte ich den Krieg nur aus Filmen. Ich hätte nie gedacht, dass das in Wirklichkeit passieren könnte“, sagt ein Betroffener. 

Wir dürfen derweil gemütlich daheim sitzen, an allem herummäkeln und theoretisieren ins Blaue. Deshalb tut es uns gut zu sehen, wie Leben auch sein kann und zwar ohne dass man es sich mutwillig ruiniert hat. 2015 hatte Afineevsky mit „Winter of Fire“ die Maidan-Proteste dokumentiert. Diese Dokumentation wird als der erste mitgefilmte Krieg in die Geschichte eingehen.

Überzeugend

„On the Fringe“, „En los màrgenes“ schaut auf die Ränder der spanischen Gesellschaft. Der Spielfilm von Juan Diego Botto stellt eine junge Frau (Penèlope Cruz) in den Mittelpunkt, die ihre letzten Stunden vor der Zwangsräumung erlebt. Ein Schicksal, das sie mit vielen teilt. Diese Vielen haben sich zu einer Aktionsgruppe zusammengeschlossen und werden von einem Anwalt (Luis Tosar) unterstützt. Der riskiert für diese Arbeit sein Privatleben. Das Privatleben der Betroffenen geht auch in die Brüche, weil der grausame Druck zu heftig wird. Schwer nachzuerzählen aber gut mitzuverfolgen ist dieser Film, den ich mir auf die Leinwand wünsche. Penèlope Cruz wurde übrigens zur Mitproduzentin des Films, weil sie vom Thema so überzeugt war. 

Überraschend

Sollte Téona Strugar Mitevskas Film „The Happiest Man in the World“ ins Kino kommen, empfehle ich den Besuch. Die nordmazedonische Regisseurin von „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ erzählt diesmal von einem Speed-Dating in Sarajewo. Die Kundschaften müssen alle dieselbe rosa Kittelschürze überziehen, die Organisatorinnen tragen Leopardenmuster. Es gilt, Fragen zu beantworten, eine Mittagspause gibt es zum besseren Kennenlernen auch. Der Schauplatz Sarajewo ist kein Zufall. Bei dem eventuellen Paar, das sich in diesem Film näherzukommen versucht, geht es um die Kriegsvergangenheit.  

Längst fällig

Dass Tizza Covi und Rainer Frimmel wieder einmal nach Bozen eingeladen werden müssen, steht seit Venedig noch deutlicher fest. Dort zeigten sie „Vera“, wieder eine Mischung aus Realität und Fiktion, in deren Mittelpunkt Giuliano Gemmas Tochter Vera steht. Mit dabei auch wieder Walter Saabel, der ehemalige Zirkusmann, der bei Covi/Frimmel unter anderem in „Der Glanz des Tages“ mit Philipp Hochmaier zu sehen war. Übrigens: Bei der Diagonale 22 in Graz war die Reihe „Zur Person“ Tizza Covi und Rainer Frimmel gewidmet, die Romy 2020 war an die Produktion der „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ gegangen, auch ein Film, den Bozen nie gesehen hat. 

 

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