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Eine triefende, eiternde Welt

 

Oozing Earth mit Attila Csihar: . „Eine triefende, eiternde Welt, aus der es giftig herausbrutzelt“

Die 22. Ausgabe des Festivals transart vom 8. – 24. September tanzt in Ställen, kreuzt Klassik mit Heavy Metal, lebt klösterliche Rhythmen nach, lässt Goaßln zu elektronischen Sounds schnalzen und sucht mit Shakespeare die Gewalt in der Kunst.

(sh) Man fasst es nicht. 22 Ausgaben hat das Festival transart gebraucht, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass Heavy Metal zum guten Ton gehört. Zornbebende Metal-Attacken waren wohl nichts für die auserwählten Ohren der zeitgenössischen Musik. Zum Trost oder aus schlechtem Gewissen gibt es heuer gleich zum Auftakt Ohrenbetäubendes auf die Ohren. Dafür sorgen der französische Schlagzeuger Flo Mounier  der kanadischen Death-Metal-Band Cryptopsy und der ungarische Sänger Attila Csihar, berühmt geworden durch seine Auftritte mit der norwegischen Black-Metal-Band Mayhem. Letzterer tritt gerne in Ritterrüstung oder als Priester in schwarzer Kutte auf und erschreckt das Publikum mit undefinierbaren Knurrgeräuschen aus der Rachengegend. Mit seinen Stimmexperimenten hat er es sogar in die Berliner Volksbühne gebracht.

Der Osttiroler Komponist Bernhard Gander bringt die zwei Größen der internationalen Death Metal Szene zusammen mit dem Ensemble Modern zum Auftakt von transart am 8. September in der Bahnhofsremise auf eine Bühne. Für Gander, der in Innsbruck Klavier und Dirigieren und in Graz Komposition unter anderem bei Beat Furrer studierte, waren die ohrenbetäubenden Klanggewitter des Heavy Metal die erste Liebe, die Klassik kam erst danach. „Eine triefende, eiternde Welt, aus der es giftig herausbrutzelt“ will seine apokalyptische Komposition sein: Mal hören.

Der intellektuelle Kontrapunkt folgt gleich tags darauf in der Stiftung Antonio dalle Nogare mit dem Konzeptkünstler Vincenzo Agnetti, der  1970 einen Plattenspieler und ihn dazu brachte, die Stille der Pausen erklingen zu lassen. Das Ergebnis, „negative Musik“, stößt einen auch heute hochaktuellen Reflexionsprozesse an. Für Transart integriert das mdi Ensemble die „Pausenmusik“ in die Kompositionen von John Cage, einem weiteren Erforscher der Stille.

Ebenfalls um Stille (und vor allem um Zeit) geht es am 10. September auf Kloster Marienberg, wo der Komponist Eduard Demetz seinen Blick auf die jahrhundertealten Rituale der Benediktinermönche richtet. In Atlas der schönen Welten (Uraufführung) verschränkt er in Zusammenarbeit mit Literatur Lana zeitgenössische Klänge mit Texten aus Herta Müllers „Atemschaukel“ (2009) und Goswin de Marienbergs „Registrum“ (um 1400). Dem seit 900 Jahren gelebten klösterlichen Tagesrhythmus der fünf Stundengebete folgend, treffen in ebensovielen Abschnitten Welten aufeinander. Der Festivaltag im Vinschgau endet mit Brandt Brauer Frick, Drahthaus und Electric Indigo in der BASIS in Schlanders.

Musik im Bergwerk in Ridnaun

Barbara Maria Neu erzählt in Stalltänze vom Alltag einer Ziegenbäuerin. (Foto: Laura Ettel)

Am ersten Festivalsonntag macht Transart Ridnaun zum Schauplatz des Zeitgenössischen: Die österreichische Performerin und Klarinettistin Barbara Neu – sie wuchs selbst auf einem Bauernhof mit Ziegen auf – erzählt in Stalltänze vom Alltag einer Ziegenbäuerin und analysiert dabei das bäuerliche Leben und die Rolle der Frau am Land. Kurz darauf folgt die zweite Uraufführung des Wochenendes im Landesbergbaumuseum Ridnaun. Das Bergwerk dient dabei als labyrinthischer Resonanzraum für musikalische Experimente, die Südtiroler Komponisten Manuel Zwerger und Alexander Kaiser haben dafür Musik konzipiert, die sich in die verzweigten Stollen förmlich hineingräbt. Aufgeführt vom Ensemble Chromoson und dem Cimabianca Chor lässt die Musik  die kolossalen Maschinen zum Brechen des Gesteins wieder erwachen und lotet die akustische Architektur des Tunnelsystems aus.

Hightech trifft alpine Folklore

Alpine Folklore trifft auf globalen Hightech: Was das heißt ist am Firmensitz des weltweit erfolgreichsten Holzvermessungs-Entrepreneur MiCROTEC in Brixen zu erleben. Für die Programmierung des Alphorns verantwortlich zeichnet der Südtiroler Klangkünstler Hannes Hoelzl, dessen Installationen, Performances und algorithmische Komposition durchgängig auf generativen Methoden basieren. Von ihm ist auch Knock on Wood zu sehen, eine Art robotisches Xylophon, das Hoelzl in Kooperation MiCROTEC erarbeitet hat.

Needcompany im Stadttheater

Billy´s Violence: Gegen Shakespeare war Quentin Tarantino ein Chorknabe.

Gemeinsam mit den VBB präsentiert Transart die neueste Arbeit des avangardistischen belgischen Künstlerkollektivs Needcompany, die Shakespeares unerschrockenen Blick auf den Menschen als Gewaltmaschine zum Thema hat. In Billy’s Violence beschäftigt sich die Needcompany mit den zehn Tragödien Shakespeares. Das Publikum, das Shakespeare mit Sex & Violence ins Theater zu locken versuchte, war Folter und öffentliche Hinrichtungen gewohnt wahr. Was aber bedeutet Gewalt in der Kunst der heutigen Zeit?

Eau&Gaz in Eppan

Die Künstlerresidenz Eau&Gaz lädt ein nach Eppan auf Schloss Gandegg. Auf dem Programm stehen die Vorstellung eines Buchs von Elliot C. Mason, ein Talk mit Lauren Founier über kritische Theorien und deren Anwendung in Literatur und Kunst, eine Performance von New Noveta und Vindicatrix an den Grenzen sozialer Konformität und ein Konzert des Saxophonisten Bendik Giske.

Transart feiert mit Dr. Schär 100. Geburtstag

Auf 100 Jahre Firmengeschichte darf Dr. Schär zurückblicken. Zum Geburtstag ist darum auch ein besonderes Projekt fällig: Stand-Alones von Liquid Loft und dem Phace Ensemble – singuläre, kleinformatige Bewegungs- und Musiksequenzen, die in unterschiedlichen Räumen die beeindruckende Architektur des Dr. Schär-Gebäudes in Burgstall bespielen. Dazu ist eine architektonische Klanginstallation von Hannes Hoelzl zu erleben.

Sommerfrischehäuser auf dem Vigiljoch


 Mit FRISCHE/OTIUM begibt sich das Traditionsformat Inaudito/Unerhört auf das Vigiljoch, wo Sommerfrischehäuser sich überall in die Landschaft fügen. Transart ermöglicht das Eintreten in diese Refugien, die in ihrer Intimität und Individualität zahllose Geschichten erzählen. Von Haus zu Haus flanierend entdeckt das Publikum die vielfältigen Mikrokosmen, welche vom Mailänder mdi Ensemble mit Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert zum Klingen gebracht werden.

TÒ SU im NOI Techpark

Während der Covid-19-Pandemie saßen zahlreiche Seeleute aus dem pazifischen Inselatoll Kiribati im Hafen von Hamburg fest. Mit ihnen entwickelte das in Hamburg lebende Südtiroler Künstler:innenduo TÒ SU (Martina Mahlknecht und Martin Prinoth) die ortsspezifische Filminstallation OVERSEAS. In einem gefluteten Becken taucht das Publikum ein in die Geschichten der Seeleute über Sehnsucht und Trennung, Geld und Anerkennung, Stolz und Gemeinschaft, Umwelt- und Klimarisiken.

transart-Programmvorstellung im NOI-Techpark: Im Vordergrund der weibliche Vorstand, dahinter Sponsoren, BM Renzo Caramaschi und Peter Paul Kainrath: Widerstand gegen Verdummung, Gehirnwäsche und Vereinnahmung.(Foto: Tiberio Sorvillo)

Grace Not

In seiner Schrift „Sechs Vorschläge für das neue Jahrtausend“ beschreibt der 1985 verstorbene Schriftsteller Italo Calvino zentrale Tugenden für Kunst und Gesellschaft. Sie bilden die thematische Grundlage für Grace Note, eine Zusammenarbeit zwischen den Musiker:innen von PHACE, den Tänzer:innen von Liquid Loft, dem Komponisten Arturo Fuentes und dem bildenden Künstler Günter Brus.

Urstimmen aus der Ukraine im Dormizil

2018 reiste die russische Sängerin und Komponistin Natalia Pschenitschnikova mit ihrem Aufnahmegerät durch die Ukraine und sprach mit 80 bis 90jährigen Frauen. In Stimme. Brunnen der Erinnerung versammelt sie diese erstmals und lässt sie durch das gesamte Gebäude des Dormizils, Zufluchtsort für Heimatlose, fließen. Pschneitschnikova performt inmitten der vielen Stimmen zusammen mit der ukrainischen Sängerin Viktoriia Vitrenko außerdem das Stück Stimmlos.

Eppan statt Venedig

 Der erst 35jährige russische Künstler Kirill Savchenkov hätte Russland in diesem Jahr auf der Biennale in Venedig vertreten sollen, doch aus Protest gegen die kriegerische Politik Putins verzichtete er und der russische Pavillon in Venedig blieb leer. Für Transart und Museion bespielt er nun die aufgelassenen Kasernen in Eppan mit einer raumfüllenden performativen Arbeit, in der er Teile des geplanten Biennale Projekts mit Elementen einer 2019 für die Biennale in Kiew verwirklichten Arbeit verschränkt.

Festival Mutek


 Das gefeierte kanadische Festival Mutek, internationaler Referenzpunkt der elektronischen Musik und der digitalen Kunst, bespielt am 22. September die Open-Air Kulisse des NOI Techparks in Bozen mit zukunftsweisenden Visuals und Sounds. Am Abend darauf kuratiert das kanadische Festival für Transart in Kooperation mit Museion zum wiederholten Male eine Clubnacht und präsentiert einige der international interessantesten Akteur:innen der gegenwärtigen elektronischen Musikszene bei Pichler Projects im Park Edison Gebäude.

Ukrainische Gegenwartsmusik

Ganz im Gegensatz zum lautstarken Festivalbeginn steht die Musik des im März 2022 84jährig von Kiew nach Berlin geflohenen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrow, aufgeführt vom Haydnorchester mit der russischen Sopranistin und Performerin Natalia Pschenitschnikova und der ukrainischen Dirigentin Viktoriia Vitrenko am Festivalende. Im Abschlusskonzert steht auch ein Werk des ebenfalls aus der Ukraine stammenden Komponisten Maxim Kolomiiets auf dem Programm. Der Komponist, mit Hang zu elektronischer Musik wird anwesend sein und anschließend den Abend mit einem DJ Set im Garten des NOI Techpark ausklingen lassen.

Ein Motto hat der künstlerische Leiter des Festivals Transart, Peter Paul Kainrath, der 22. Ausgabe auch gegeben: „Warum gerade jetzt zeitgenössische Kultur?“ fragt er: „Weil Kultur Widerstand gegen Verdummung, gegen Gehirnwäsche, gegen Vereinnahmung ist und weil Kultur der zivilisierteste Akt der Auflehnung gegen die behauptete aber niemals bewiesene Wahrheit zum Gang der Welt ist.“

Infos: www.transart.it

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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