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Sissi mit 40

Sissi die Rebellin, die sie nicht sein durfte

„Corsage“ nennt die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer ihren Film, bei dem Kaiserin Sissi im Mittelpunkt steht. 

von Renate Mumelter

Der Zeitpunkt für den Kinostart ist im Juli leider denkbar ungünstig, denn da sind viele Menschen verreist und die Städte sind heiß. Ein klimatisiertes Kino ist allerdings eine prima Alternative. Wenn es dort einen Film gibt, bei dem eigentlich alles passt, sind zwei Stunden gut genutzt. „Corsage“ von Marie Kreutzer ist so ein Film. Die österreichische Regisseurin erzählt von Kaiserin Sissi, ihrem Leben am Hof und außerhalb. Die Corsage (das Korsett) steht für Zwänge, und genau mit diesem Korsett beginnt die Erzählung. Sissis wird auf eine Taille von 46cm geschnürt. 

Das Korsett

„Was ich beobachtete, sobald ich das Korsett trug, war, dass ich nach zwei Minuten traurig wurde, eine tiefe Traurigkeit“, erzählt Hauptdarstellerin Vicky Krieps, die zur Vorbereitung auf den Film effektiv täglich ein eng geschnürtes Korsett anzog. Das Korsett bewirke diese Stimmung, weil es die Atmung behindert und auf den Solarplexus drückt. „Es ließ mich an all diese Frauen denken, die man schwierig oder hysterisch nennen würde. Warum spricht niemand jemals über dieses Instrument, das diese Frauen eindeutig foltert?“

Die Rebellische 

Marie Kreutzer erzählt keineswegs nur vom Korsett, sie erzählt von einer Rebellischen, die sich mit dem Frausein nach den strengen Vorgaben von Hof und Zeit schwer tut, grad so wie ihr Cousin Ludwig II., mit dem sie sich glänzend versteht. Sissi möchte nicht nur nette Kaiserin sein, sie möchte in der Politik mitreden. Inzwischen ist sie 40, in einem Alter, wo viele Frauen ihrer Generation bereits ans Lebensende gekommen sind. Bei ihr wirkt sich das Alter darauf aus, dass sie sich nicht mehr so schön findet. Diese schwer erkämpfte Schönheit war bisher in Ermangelung anderer Möglichkeiten ihr einziges Mittel zur Selbstbehauptung.  

„Corsage“ hatte seinen Kinostart am 7. Juli, derzeit ist Marie Kreutzers Sissi-Film auch in Südtirol zu sehen. Allerdings hat diese Sissi wenig mit der „süßen“ von Romy Schneider aus den alten Sissi-Filmen zu tun. Sie dürfte eher der Sissi gleichen, die wirklich gelebt hat, ausgenommen wohl Gesten wie dem Stinkefinger, den Sissi in Marie Kreutzers Film zeigt. Innerlich war Sissi unangepasst. Zu Recht natürlich.

Spannende Irritation

Der Film erzählt langsam und irritiert zunächst nicht nur durch diese geruhsame Erzählweise. Da gibt es ein paar Hauptdarsteller, die aus TV-Kontexten bekannt sind, wie Florian Teichtmeister, der uns oft als Kommissar Palfinger aufs abendliche Sofa begleitet. Er spielt Kaiser Franz Joseph. Auch gut. Manuel Rubey dagegen ist Kaiser Ludwig II. Die Luxemburgerin Vicky Krieps ist kein TV-Gesicht. Als Sissi ist sie so überzeugend, dass sie in der Sektion „A Certain Regard“ in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. 

Irritation bietet auch der Soundtrack. Er signalisiert sofort, dass es nicht ein Kostümfilm mit alten Klängen ist. Die Musik kommt von der französischen Chansonniere Camille.

Noch drastischer sind die Eingriffe bei der Ausstattung: Stehlampen mit glattem Kabel, eine Tür mit Panikhebel, ein Kaiser mit maschinengestricktem weißen Rollkragen und Frauen mit zwei Löchern in den Ohrläppchen. War das so? Spätestens bei den Lichtschaltern ist alles klar. Diese Ungereimtheiten sind Absicht genau so wie der Stinkefinger, den es wohl auch noch nicht gab – für eine Kaiserin schon gar nicht. 

Das genaue Hinschauen macht Spaß und den Film kurzweiliger als es das Thema erlauben würde, und angesichts der Rebellion kommt immer wieder aufatmendes Schmunzeln ins Spiel. Ein paar historische Berater haben sich übrigens aus dem Projekt zurückgezogen. 

Marie Kreutzer liest keine der Kritiken, wie sei bei „Willkommen Österreich“ erzählte.

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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