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Das Inflations-Problem

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Die hoch bleibende Inflation birgt die Gefahr sozialer Konflikte. Über die Folgen für die Menschen und die politischen Handlungsmöglichkeiten.

von Heinrich Schwarz

Die Preise steigen und steigen. In Südtirol hat die Inflation im Mai 9,1 Prozent erreicht. Das Geld entwertet also immer stärker, die Kaufkraft der Menschen sinkt, das Leben wird immer weniger leistbar.

Wo führt die aktuelle Entwicklung hin? Ist eine baldige Entspannung in Sicht? Was müssen die Entscheidungsträger tun? Die TAGESZEITUNG hat bei Stefan Perini, Wirtschaftsforscher und Direktor des Arbeitsförderungsinstitutes (AFI), nachgefragt.

Perini betont: „Es macht sich immer mehr die Meinung breit, dass das Phänomen der hohen Inflation nicht mehr temporär ist, sondern zu einem strukturellen Problem wird.“

Zwar geht Perini davon aus, dass die Teuerungsrate mit Ende des Jahres sinkt, weil dann mit einem bereits höheren Preisniveau verglichen wird (die Inflation steigt bekanntlich seit Ende letzten Jahres), aber: „Trotzdem haben wir derzeit eine Inflationsrate von fast zehn Prozent. Und ein Kaufkraftverlust von zehn Prozent in einem kurzen Zeitraum von einem Jahr ist schon massiv und ein bedeutender Einschnitt der Lebensqualität von vielen Menschen. Vor allem für jene Menschen, die mit festen nominellen Löhnen über die Runden kommen müssen.“

Wie berichtet, ist die Inflation in Südtirol deutlich höher als in Restitalien, aber auch höher als im Ausland. Im Vergleich mit Italien hat Südtirol also nicht nur ein grundsätzlich viel höheres Preisniveau, sondern zusätzlich auch noch größere Preissteigerungen.

Laut Stefan Perini hängt das mit mehreren Faktoren zusammen. Unter anderem mit dem hohen Wohlstandsniveau in Südtirol, mit dem Tourismus als Preistreiber, mit dem Thema Wohnen und mit einer sehr konzentrierten Handelsstruktur ohne großen Wettbewerb, die eher preistreibend wirke.

Ökonomen warnen zunehmend vor der Gefahr sozialer Konflikte, falls die Inflation längerfristig auf einem hohen Niveau bleibt. Diese Gefahr sieht auch Stefan Perini.

Der AFI-Direktor sagt: „Von einer Hyperinflation von über 30 Prozent sind wir zum Glück noch weit entfernt, aber der aktuelle Kaufkraftverlust ist für viele Familien natürlich schmerzhaft. Ich glaube zwar nicht, dass die Menschen in den nächsten Wochen auf die Straße gehen werden, doch je höher die Inflation und je weniger wirksam die Abfederungsmaßnahmen, desto mehr gibt es Anlass für soziale Konflikte.“

Eine Situation wie jetzt habe man seit 40 Jahren nicht mehr gehabt, bekräftigt Perini den Ernst der Lage.

Positiv sieht er die Hilfsgelder der Politik, die vor allem für minderbemittelte Schichten eingesetzt werden. Damit könne man zumindest einen Teil des Kaufkraftverlustes für die Familien abfedern.

Wichtig sei auch, dass die Staatsanwaltschaften und Regulierungsbehörden aktiv werden. „Denn es scheinen sich spekulative Tendenzen breitzumachen. Es gilt zu überprüfen, ob es zu versteckten Preisabsprachen kommt. Die aktuellen Preissteigerungen sind teilweise schon kurios“, meint Stefan Perini.

Man müsse den freien Wettbewerb gewährleisten. Und man solle Übergewinne von Unternehmen, die die Situation ausnutzen und sich eine goldene Nase verdienen, abschöpfen und dem Allgemeinwohl zuführen.

Weiters ist es laut Perini notwendig, Versorgungssicherheit insbesondere im Energiesektor zu garantieren: „Dazu braucht es ein EU-internes Bündnis, wo sich die Länder gegenseitig bei der Versorgung mit Gas, Öl und Strom helfen. Damit könnte man die Energiemärkte beruhigen und inflationäre Tendenzen einbremsen.“

Die Aufgabe, Preisstabilität mit einer moderaten Inflation von zwei Prozent zu garantieren, obliegt eigentlich der Europäischen Zentralbank mit ihrer Geldpolitik. Wie Stefan Perini erklärt, ist eine Anhebung des Leitzinses aber nicht so wirkungsvoll, da die aktuelle Inflation angebotsseitig ausgeht, also von einem Kostendruck.

Während die USA bereits mehrere Zinsschritte nach oben gemacht hat, hat die EZB denn auch erst jetzt eine erste leichte Zinserhöhung angekündigt.

AFI-Direktor Perini beschreibt das Problem der Geldpolitik so: „Steigende Zinsen bremsen die Kredit- und Investitionstätigkeit und können somit preisdämpfend wirken. Es ist aber ein zweischneidiges Schwert, denn steigende Zinsen können gleichzeitig auch den Aufschwung bremsen.“

Höhere Zinsen könnten auch Kreditnehmer in die Bredouille bringen. So etwa Familien mit einem Wohnbaudarlehen. „Wenn die Zinsen steigen, könnten Familien zahlungsunfähig werden oder die Kredite müssen gestreckt werden, wenn die Tilgungsraten nicht mehr bedient werden können“, so Stefan Perini.

Während steigende Zinsen also gut für Sparer sind, weil diese für ihre Ersparnisse wieder Zinsen erhalten, sind sie schlecht für Kreditnehmer, weil die Zinslast steigt. Demgegenüber profitieren bei der aktuellen Lage mit Niedrigzinsen und hoher Inflation Schuldner, während Sparer leiden. „Es ist ein Spiel, bei dem es Gewinner und Verlierer geben wird“, fasst Perini die ungute Situation zusammen.

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Kommentare (4)

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  • sorgenfrei

    Die impfproblematik hat nicht zu nennenswerten sozialen konflikten geführt… ein kleine minderheit von ein paar %, die laut schrie, verzichtete freiwillig auf die impfung und damit teilweise auf einkommen, wohlgwmerkt aner freiwillig und jederzeit rücknehmbae durch einen pieks… was wir jetzt erleben, trifft geringe und mittlere einkommen im besondern, und der einzige ausweg ist verzicht… auf auto, strom und in letzter konsequenz konsum… alles dinge, auf die die mehrheit der bevölkerung nur schwer verzichten kann… deshalb finde ich auch, dass krisengewinner abgeschopft werden sollen… und auch die löhne müssen nachziehen, denn die preise werden wohl nicht mehr zurückgehen

  • dn

    Wir müssen die Coronaauslagen finanzieren und den Krieg, das fällt uns jetzt gewaltig auf die Füße.

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