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„Höhepunkt kommt diese Woche“

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Mehr Infektionen, mehr Quarantänen und mehr Krankenhauspatienten. Wie Biostatistiker Markus Falk die derzeitige Lage einschätzt.

Tageszeitung: Herr Falk, in den letzten Tagen wurden in Südtirol zahlreiche Neuinfektionen nachgewiesen. Mittlerweile werden auch im Krankenhaus über 100 Covid-Patienten behandelt. Was ist für die nächsten Tage zu erwarten?

Markus Falk: Was die Krankenhäuser anbelangt ist leider mit einer Zunahme der Patientenzahlen zu rechnen. Die Intensivbelegung dürfte hierbei gleichbleiben, während auf den Normalstationen mit einer Belegung von um die 150 Betten zu rechnen ist.

Warum ist mit einem Anstieg auf den Intensivstationen nicht zu rechnen?

Eine Omikroninfektion ist weniger invasiv als Delta, von der Belastung her aber auf dem Niveau einer Alpha-Variante und somit nach wie vor kein Honigschlecken. Die Lunge wird weniger stark angegriffen und der Befall dieser entscheidet schlussendlich darüber, wer auf Intensiv muss und wer nicht. Bei Omikron haben sich die Verhältnisse somit insgesamt gesehen verlagert. Die Impfung schützt weiterhin vor der Hospitalisierung und ist ähnlich wirksam wie bei Delta, wenn man geboostert ist. Es ist hauptsächlich der Nicht-Immunisierte, der weiterhin Gefahr läuft, eingeliefert zu werden. Die Gesundheitsrisiken sind für eine nicht immune Person bei Omikron zwar ebenfalls geringer, bei so vielen Infizierten, kommt es aber zwangsläufig zum Anstieg.

Ist bei den Neuinfektionen der Höhepunkt erreicht?
Wir erwarten uns den Höhepunkt in dieser oder der nächsten Woche. In einigen Bezirken wurde dieser bereits überschritten. Der Rt-Wert geht seit längerem zurück. In den über 4000 Fällen vom Dienstag waren vermutlich auch Testungen enthalten, die sich aufgestaut hatten, da die Testkapazität nicht unendlich ist.

Was bedeutet das Überschreiten des Höhepunktes für Südtirol?

Man kann bereits jetzt sagen, dass die Auswirkungen auf die Krankenhäuser glücklicherweise nicht explosiv werden. Ansonsten hätten wir nun bereits rapide Anstiege in den Intensivstationen gesehen. Das weitere Geschehen hängt davon ab, was die Leute machen. Wir haben ein weit verbreitetes und massives Infektionsgeschehen, das derzeit besonders unter den Kindern und dementsprechend wiederum in den Familien wütet. Viele Eltern stellen derzeit fest, dass ein Infekt bei Kindern durchaus sehr unangenehm sein kann, besonders dann, wenn auch das Erbrechen oder der Nachtschweiß dazukommt. Passt man jetzt nicht auf, dann zieht man alles unnötig in die. Wenn jene, die bisher immer aufgepasst haben, auch weiterhin aufpassen und nicht resignieren, dann ist der Spuk schneller zu Ende als manch einer vermutet hätte. Die Maske und die Impfung sind hierbei weiterhin unsere besten Freunde.

Viele Südtiroler haben nun den Eindruck, dass man eine Infektion nicht mehr vermeiden kann. Da Omikron zudem weniger gefährlich ist, achten viele nicht mehr auf die Maßnahmen…

Und genau das ist falsch. Es gibt mittlerweile sehr viele Hinweise, dass es vernünftiger ist, sich nicht zu infizieren, denn die Risiken und Langzeitfolgen einer Erkrankung sind vielfältig. Von Long Covid bis hin zu einem vermehrten Auftreten von Autoimmunkrankheiten, Krebserkrankungen und einem Anstieg der Demenz ist alles möglich. Viele Ärzte sehen nun auch vermehrt Long-Covid Fälle aus den Delta-Wellen vom Sommer und Herbst. Bei Geimpften sind diese Risiken minimal, aber ein Restrisiko gibt es auch unter diesen. Wenn man sich weiterhin an die Maßnahmen hält, schützt man sich nicht nur selbst, sondern trägt auch dazu bei, dass die Welle schneller abklingt. Zudem ist der Schutz vor Corona nach einer durchgemachten Omikron-Infektion begrenzt.

Beziehen sich damit auf die neuen Erkenntnisse, wonach Omikron-Erkrankte sich immer noch mit anderen Varianten anstecken können?

Ja, genau. Man weiß mittlerweile, dass all jene, die sich mit Omikron infiziert haben, weiterhin anfällig für Delta sind. Dies gilt für Impfnaive, nicht aber für Geimpfte. Das heißt, es ist möglich, dass sich in den kommenden Monaten viele erneut infizieren und bei den Kindern wird dies fast sicher der Fall sein. Man kann sich somit vom Gedanken verabschieden, dass es nach dieser Welle kein Corona mehr geben wird. Allerdings werden die Krankenhäuser immer sicherer vor Überlastung werden. Schlussendlich kommen wir langsam in die Post-Pandemie-Phase, in der wir standfester werden und wie bei der Influenza mit Ausbrüchen rechnen müssen, die lokal begrenzt sind, von Zeit zu Zeit aber auch überschwappen. Was aber nicht mehr nötig sein wird, ist das Zusperren, weil wir nicht wissen, was mit den Krankenhäusern passiert.

Was blüht uns in dieser Phase?

Wir müssen in dieser Phase keine Angst mehr vor lawinenartigen Ereignissen haben – sprich, dass sehr viele Personen innerhalb von kurzer Zeit das Krankenhaus fluten. Es wird immer wieder Fluchtmutanten geben, die durch die Bevölkerung durchgehen, aber die Grundimmunisierung ist nun bald vollständig hergestellt. Damit sind dann die Krankenhäuser künftig sicher.

Das größte Problem sind derzeit die vielen Personen in Quarantäne. Wird sich auch diese Situation schnell entspannen?

Bereits jetzt hat man einige Regeln optimiert und man versucht auch weiterhin, diese zu optimieren. Ein Problem sind beispielsweise Schulen und Kindergärten. Dort muss man sich eine andere Quarantäne-Regelung ausdenken, da Omikron oder andere Varianten nicht von heute auf morgen verschwinden werden und gerade bei Kindern laufend zu Infekten führen werden. Auch im Herbst werden die Quarantäne-Regeln anders aussehen als zurzeit. Momentan ist es so, wie es ist. Viele Firmen sind bereits am Limit, aber hier muss man nun durch. Es wird noch fordernd bleiben, aber von Mal zu Mal besser werden.

Interview: Markus Rufin

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