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Der tragische Antiheld

Hans Karl Peterlini und Karl Außerer (Fotos: TZ/Uni Klagenfurt/aau/Riccio)

Auch auf die eigenen Schatten geschossen: Hans Karl Peterlini zum glücklosen Leben, verirrten Kampf und stillen Tod des Südtirol-Attentäters Karl Außerer.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Der berühmte, vielfach zitierte Satz, prominent Michail Gorbatschow zugesprochen, ist wohl etwas banal, zugleich trifft er auf den nun verstorbenen Karl Außerer nahezu schicksalhaft zu. Außerer kommt, in den Südtiroler Bombenjahren der 1960er Jahre, zu spät in die Scheinwerfer der Fahndungsbehörden, um in die Mythen des „Freiheitskampfes“ einzugehen; er kommt dann, in den Bombenjahren der 1980er Jahre, noch einmal dermaßen zu spät, dass er zum tragischen Antihelden all dessen wird, was mit den Südtirol-Attentaten in ihren Verklärungen, Würdigungen und kritischen Wertungen positiv wie negativ verbunden wird.

Karl Außerer ist der Verlierer in diesem Stück, ja beinahe jene Hauptfigur im – leider längst vergessenen, nie mehr aufgeführten – Stück von Albrecht Ebensberger „Südtirol – ein Niemandsland“. Darin lehnt in einer Szene, wenn die Erinnerung nicht gar zu arg täuscht, ein sozial aus dem Tritt geratener ehemaliger Häftling am Wirtshauspudel, schwärmt vom Kampf um die Heimat und wird von den Dorfbsuffs aufgezogen und verlacht. Es endet traurig.

Zur Welt gekommen ist Karl Außerer am kabbalistisch betrachtet vielversprechenden 3.3.1933 in Unsere Liebe Frau im Walde/St. Felix am Deutschnonsberg. Er ist Kind des Faschismus in einer Gegend, in der das Leben auch so schon hart genug gewesen wäre. In der Wahrnehmung des kleinen Karl verdichten sich alle existenziellen Sorgen auf die kulturellen Übergriffe der faschistischen Behörden. Einmal kommt seine Schwester weinend nach Hause, weil man ihr das „deutsche Kleidl“ ausgezogen habe, von der Jacke waren die trachtigen Knöpfe abgerissen. Das Schuldeutsch lernt er im Geheimunterricht. Als die Mutter nach Cles im benachbarten Trentino ins Krankenhaus musste, wurde sie dort wegen ihres Deutschseins angeblich so drangsaliert, dass der Vater „sie mit der Tragkraxn heimgetragen“ hat. Die Familie optiert für Deutschland und, das betonte Karl Außerer nachdrücklich, „für den Hitler, da war ich schon froh“.

Bei seiner Verhaftung 1988 hängt in seiner Werkstatt ein Bild vom Führer.

In den Bombenjahren der 1960er Jahre gehört Außerer zum letzten Aufgebot des Jörg Klotz. Der Passeirer Schützenhauptmann ist schon im Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) von Sepp Kerschbaumer eher auf Distanz gehalten worden, über die Feuernacht wird Klotz bewusst nicht informiert. Zur Klotz gehört auch der Dorf Tiroler Luis Larch. Dessen Erinnerungen („Ich war ein Fanatiker“, Interview mit Norbert Dall’Ò, ff 50/2010) deuten auf die Entfesselung im Kreis um Klotz hin. Das Ziel sei gewesen: „Die Italiener vertreiben. […] Es waren zum Beispiel Aktionen geplant auch gegen Wohnhäuser. Aber wir hätten die Leute gewarnt. Geht raus aus den Häusern, verzieht euch hinunter, südlich von Salurn, oder es kracht. Das war der Plan. Wir wollten unbedingt erreichen, dass der Italiener weggeht aus Südtirol, dass wir wieder Herr im Haus sind. Wir wollten Tirol als Freistaat.“

Larch setzt sich um 1964 nach Österreich ab, um der drohenden Verhaftung zu entgehen. Außerer lebt schon seit 1962 in Innsbruck. Zusammen mit dem ebenfalls geflüchteten Südtiroler Adolf Obexer bilden sie den harten Kern um Jörg Klotz. Als dieser selbst nicht mehr ausrückt, verstehen sich die drei als dessen bewaffneter Arm. Am Brennergrenzkamm greifen sie 1965 den Alpinistützpunkt Portjoch an, der 21-jährige Wachsoldat Mario Torner wird verletzt. Außerer schildert später den Überfall mit trockenen Worten: „Sie haben geschossen, wir haben zurückgeschossen.“ Die drei Attentäter werden im dritten Mailänder Prozess zu je 24 Jahren Haft verurteilt. Jörg Klotz, der kaum daran teilgenommen haben dürfte, aber als Mentor der Gruppe gilt, bekommt 23 Jahre.

Anschläge solcher Härte gehen zu diesem Zeitpunkt selbst den politischen Sympathisanten in Österreich zu weit. Sie belasten aus dieser Sicht die mühsam voranschreitenden Autonomieverhandlungen, während die Attentäter im festen Glauben handeln, billige Kompromisse verhindern zu müssen und möglichst weiterhin die Selbstbestimmung zu erzwingen. In der Schweiz kommt es zu Treffen der italienischen und österreichischen Geheimdienste, um gemeinsam vorzugehen. Die bis dahin wegschauenden österreichischen Behörden beginnen die letzten Kämpfer zu inhaftieren. Außerer, Larch und Obexer werden in Haft genommen und bleiben bis 1966 in Untersuchungshaft. Jörg Klotz konnte schon vorher isoliert werden, er haust in einer entlegenen Köhlerhütte, einsam, aber ungebrochen in seinen Überzeugungen.

Von den Pusterer Buam sind 1967 Sepp Forer und Heinrich Oberlechner schon in Haft. Für Siegfried Steger und Heinrich Oberleiter ist der Schießbefehl für die österreichischen Grenzbeamten das Signal zum Aufhören: Sie hatten bewusst österreichische Uniformen getragen, jetzt „gegen die eigenen Leute“ zu kämpfen, habe keinen Sinn mehr. Steger setzt sich rechtzeitig nach Deutschland ab, Heinrich Oberleiter gelingt abenteuerlich die Flucht. Noch aktiv sind die Klotzgruppe und Peter Kienesberger, der aus dem Kreis des rechtsextremen Burschenschaftlers Norbert Burger weitermacht. Am 30. September 1967 kommt es zu einem heftigen Doppelschlag: In Trient explodiert kurz nach dem Ausladen des aus München kommenden Alpen-Express ein mit Zeitzünder scharf gemachter Sprengstoffkoffer, die Beamten Filippo Foto und Edoardo Martini werden getötet. Am selben Tag nehmen sechs Attentäter aus zwei Richtungen die Carabinieri-Station Prad am Stilfser Joch 20 Minuten lang unter Beschuss. Für das italienische Innenminsterium trägt dieser Überfall die Handschrift von Jörg Klotz und seiner Mitstreiter, Außerer, Larch und Obexer. Der Anschlag in Trient wird dagegen Norbert Burger und seinen Leuten zugeschrieben.

Mit dem Abklingen der Attentate lässt die österreichische Justiz Milde walten. Außerer und Obexer werden Ende 1967 in Graz zu acht Monaten Haft verurteilt, Larch zu zehn Monaten, womit sie alle ihre Strafe durch die Untersuchungshaft bis 1966 schon abgebüßt hatten. So bleiben sie in Freiheit, feierlich wird bei der Urteilsverkündigung das Andreas-Hofer-Lied gesungen, wie es bei den Prozessen gegen die Südtirol-Attentäter in Österreich zum Ritual geworden war und wohl wenig förderlich war für ein Schuld- oder zumindest Verantwortungsbewusstsein. Nach der Einigung 1969 über das Südtirol-Paket dürfen sich die Pusterer und auch die meisten anderen Exil-Attentäter schon bald wieder frei in Österreich bewegen. Fast allen gelingt die Rückkehr ins zivile Leben, die Auslieferung nach Italien, wo drakonische Strafen auf sie warten, wird verweigert. Außerer hätte 24 Jahre abzubüßen. In Österreich ist ein freier Mann, er baut eine Tischlerwerkstatt auf, spezialisiert sich auf Intarsien. Der Kampf scheint zu Ende.

Oder doch nicht? Ende der 1970er Jahre, Anfangs der 1980er kommt es in Südtirol zu neuen Anschlägen. Die Umsetzung der Autonomie geht schleppend voran, es ist von der „Versandung des Pakets“ die Rede, von der Aushöhlung der gerade erst zugestandenen Rechte. Zugleich wird der italienischen Bevölkerung bewusst, dass sie Privilegien verlieren wird. Es kommt zu Anschlägen italienischer und deutsch-tirolerischer Matrix, ein seltsamer Schlagabtausch, der wie aus der Zeit gefallen wirkt und den gerade erst beginnenden Frieden wieder bedroht. Dadurch entsteht massiver Druck, mit der Umsetzung des Paketes endlich an ein Ende zu kommen und den 1960 und 1961 vor der UNO eröffneten Streitfall Südtirol zu beenden. Damit verbunden ist durchaus auch die politische Sorge, dass bei fehlender internationaler Absicherung Italien beginnen könnte, die Autonomie wieder abzubauen – ein heikler politischer Übergang.

Der Terror von „Ein Tirol“ steigert sich von schüchternen Anschlägen auf einen gar nicht umgefallenen Mast zu einem immer dreisteren Terror. In Gargazon wird bei einem Anschlag auf den Bahnhof die dort lebende Familie lebensgefährlich bedroht, mitten in Bozen fliegen nach Detonationen ganze Auto-Teile bis aufs Dach des Rai-Gebäudes. Die Sprache der Bekennerschreiben ist vulgär und grob – „Speck aus den Walschen machen“, steht auf einem Flugblatt, „Alexander Langer – Sau walsche“ wird am Bahnhof Gargazon aufgemalt. Das Markenzeichen sind wuchtige Rohrbomben mit eingravierten Namen von Attentätern der 60er Jahre. In vermeintlich italienischen Vierteln wird mit einer Maschinenpistole nachts durch beleuchtete Fensterscheiben geschossen. Die Ablehnung der Gewalt geht vom Südtiroler Heimatbund bis zu Peter Kienesberger. Siegfried Steger, der ursprünglich miteinbezogen werden sollte, distanzierte sich nach vermutlich kurzer Versuchung deutlich – das sei nicht mehr der richtige Weg.

Wer konnte so verblendet sein, das befriedete, wohlstandsgesättigte, mit Rechten ausgestattete Südtirol mit Gewalt befreien zu wollen? In einer Mischung aus Zufall und wohl auch geheimdienstlicher Nachhilfe wird Karl Außerer 1988 in Innsbruck verhaftet. Angeblich wird nach versteckten leichten Drogen eines seiner Kinder gesucht und stattdessen ein beeindruckendes Waffenarsenal gefunden. Nach und nach enthüllt sich die vielschichtige Wahrheit von „Ein Tirol“. Mit Außerer eng zusammen gearbeitet hatte Karola Unterkircher, Marketenderin der Schützenkompanie „Sepp Kerschbaumer“, in der sich die Nordtiroler Exil-Attentäter zusammengeschlossen hatten. Außerers Lebensgefährtin Erna Breitenberger nennt sie spöttelnd „das Heldenweib von Spinges“. Sie ist Außerers engste Vertraute.

Das restliche Ambiente um Außerer ist noch bizarrer. Die meisten gehören zur sogenannten Obermaiser-Bande, gewöhnliche Kriminelle, die lange den Meraner Raum und das untere Vinschgau mit Brandstiftung und Überfällen unsicher gemacht hatten. Anfang der 1980er Jahre tauchen die Bandenmitglieder der Reihe nach in der patriotischen Innsbrucker Szene auf und bieten sich als Freiheitskämpfer an. Sie stoßen rundum auf Misstrauen und Ablehnung, nur in der Innstraße 51 geht die Tür auf: in der Werkstatt des Karl Außerer. Mit den Bandenmitgliedern, verstärkt noch durch eingeschleuste italienische und ostdeutsche Agenten, inszeniert Außerer seinen Freiheitskampf, blind dafür, dass diesen niemand mehr mitträgt, auch blind dafür, dass seine neuen Kameraden fast alle agent Provokateurs sind. Die Anschläge belasten die Autonomieverhandlungen, der Paketabschluss – wenngleich am Ende doch glücklich verlaufen – muss unter Bombendruck abgewickelt werden.

Nach Italien ausgeliefert wird Außerer auch diesmal nicht, aber Österreich macht ihm den Prozess. Sein Auftritt vor dem Innsbrucker Geschworenengericht 1989 offenbart das ganze Drama dieses Mannes. Er erscheint in Tracht, Knie und Waden unter den kurzen Krachledernen frei. Schon die Frage nach seiner Staatsbürgerschaft wird zur Posse: „Ich bin Tiroler“, beharrt er auf mehrmalige Nachfrage. Dass er italienischer Staatsbürger sein könnte, will ihm nicht über die Lippen. Offiziell heißt er Carlo, den Faschismus trug er sogar im Pass.

Seine österreichische Strafakte deutet auf ein Leben, das auch nach dem Kampf nicht recht gelingen wollte. Zweimal wird er wegen unterlassener Unterhaltszahlung für ein erstes lediges Kind verurteilt. 1973 folgt eine Verurteilung wegen Körperverletzung, dann – 1980 und 1984 – zwei Verurteilungen wegen fahrlässigen Konkurses. Es sind die Jahre, in den Karl Außerer wieder den Südtirol-Kampf aufnehmen will.

Der angebliche Kopf von „Ein Tirol“ entpuppt sich als eine Mischung aus Hitler-Verehrung und Südtirol-Patriotismus, sozialer Devianz, wirtschaftlichem Desaster und privat prekären Verhältnissen. Mit der aus St. Walburg in Ulten stammenden Erna Breitenberger hat er weitere sechs Kinder.

Außerer war in der Jugend mit ihrer Mutter zusammen, die Tochter zog als 16jährige zu ihm nach Innsbruck. 1988, als er verhaftet wird und noch einmal seine Existenzgrundlage verliert, sind die Kinder des Paares zwischen drei und 17 Jahren alt. Als Außerer in der Haft erfährt, dass Erna Breitenberger – mit der er nicht verheiratet war – einen neuen Freund hat, fordert er diesen schriftlich zum Duell: „… bitte ich Sie, mir meine männliche Ehre zu einer Freigabe meiner Lebensgefährtin zu geben und mein gewünschtes Duell nicht abzuschlagen.“ Erna Breitenberger kann ihn zur Vernunft bringen, in einem Hafturlaub wird die Aufteilung des Betriebes und die Sorgepflicht für die Kinder geregelt. Ihr Ausruf, mit dem sie ihn zur Vernunft bringt, klingt fast schon liebevoll: „Du bist wohl 500 Jahre zu spät auf die Welt gekommen.“

Es gibt ein Bild von Karl Außerer, auf dem er fast zärtlich über die Intarsien eines schönen Tischchens streicht. Vielleicht wäre dies jenes Leben gewesen, das er nicht führen konnte, geplagt und getrieben von einer Vergangenheit, die ihn blind für seine Gegenwart machte, kein Leben als Held, aber dem Alltag gewachsen, mit Spielräumen für die kleineren und größeren Freuden, für mehr Resilienz gegenüber dem Auf und Ab wie in jedem Leben.

Einfache Kausalitäten greifen in der Rekonstruktion von Lebensläufen zu kurz, es mag vieles zusammengespielt haben, das Außerer ein ruhigeres Leben nicht führen konnte oder wollte. Zugleich ist Außerer ein trauriges Beispiel für jene aus seiner Generation, denen dieser Frieden nicht vergönnt war, die noch offene Rechnungen zu haben glaubten, verkennend, dass diese sich nicht mit neuem Kampf, sondern nur mit Aussöhnung begleichen lassen, Aussöhnung auch mit sich selbst und den eigenen Schatten, welche immer diese auch gewesen sein mögen. Ein wenig mag es scheinen, als hätte Außerer in seinem Agieren auch auf die eigenen Schatten geschossen, dass sich in seinem rabiaten Kampf auch Ohnmacht und Wut einen Weg bahnten, die ihn von irgendwoher quälten.

Am 3. Juli 1992 wird Karl Außerer wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Seine Überzeugung, dass Südtirol befreit werden müsse, hat er damit nicht abgelegt: Wäre er in Freiheit gewesen, hätte es den Paketabschluss nicht gegeben, lautet eine seiner Wortmeldungen nach der Enthaftung.

2016 gerät er mit einem Fund von Gewehren und Munitionsmagazinen in seinem Auto noch einmal in die Schlagzeilen. Ob dies reine Waffenliebhaberei war oder ein Aufbruch zum allerletzten Angebot sein sollte, lässt sich bei einem „Unbelehrbaren“ (Christoph Franceschini damals auf salto) schwerlich entscheiden. Dann wird es doch ruhig um ihn.

Karl Außerer stirbt, 88jährig, von der Öffentlichkeit unbemerkt am 1. Dezember, bekannt wird sein Tod fast zwei Wochen später. Auch wenn es für einen wie ihn etwas seltsam klingt – er ruhe in Frieden.

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