Du befindest dich hier: Home » Kultur » „Ein Moment des Noch-Nicht-Seins“

„Ein Moment des Noch-Nicht-Seins“

Komponist Hannes Kerschbaumer: Auch Komponist*innen der sogenannten „Avantgarde“ haben sich mit geistlichen und spirituellen Aspekten musikalisch auseinandergesetzt.

Die Festung Franzensfeste und das ensemble chromoson laden am Donnerstag zu einem Adventkonzert der anderen Art. Ein Gespräch mit dem Komponisten Hannes Kerschbaumer über Weihnachten und Avantgarde.

Tageszeitung: Herr Kerschbaumer, der Urvater der Neuen Musik Arnold Schönberg hat zwar auch eine Weihnachtsmusik komponiert, dennoch bringt man Weihnachten und Avantgarde im Kopf nicht leicht zusammen. Weil gegen „Stille Nacht“, „Oh Tannenbaum“ und „Last Christmas“ kein Kraut gewachsen ist?

Hannes Kerschbaumer: Neue Musik bzw. Musik der Jetztzeit ist nicht mehr an die Institution Kirche gebunden – hat sich davon befreit. Das heißt aber nicht, dass deshalb eine Reflexion darüber, was der weihnachtliche Gedanke möglicherweise auch jenseits von christlichem Glauben bedeuten könnte, nicht möglich sei. Denn es ist eine Tatsache, dass sich auch Komponist*innen der sogenannten „Avantgarde“ mit geistlichen und spirituellen Aspekten musikalisch auseinandergesetzt haben.

Weihnachten, das sind Bräuche und Traditionen, also alles, wogegen die Avantgarde aufbegehrt. Begeben Sie sich mit Weihnachtsmusik in einen Selbstwiderspruch oder reizt Sie gerade das?

Den Advent als eine Zeit der Erwartung in diesem Konzert als eine mögliche Metapher von vielen heranzuziehen, steht für die spirituelle Dimension der Thematik. Zentral ist die Idee des leeren Raumes, ein Moment des Noch-Nicht-Seins, ein Versuch vorurteilsfrei einen Raum in Schwingung zu setzen, welche sich ausbreitet und auf die Hörer*innen überträgt. Das einzige Werk, welches dezidiert auf die Weihnachtszeit verweist – Vulpius‘ Kanon über „Es ist ein‘ Ros‘ entsprungen“ – steht durch seine kompositorische Faktur vielmehr für Zusammenklang von Individuen, Gemeinschaft, regulierenden Mechanismen im Kontext von Krise und Ohnmacht.

In der Festung Franzensfeste lädt das Ensemble chromoson zu einem Adventkonzert der anderen Art ein. Wie anders ist die Art?

Wir verbinden Advent mit unterschiedlichen Bräuchen und Ritualen, aber auch mit ganz bestimmten Emotionen wie Sehnsucht und Erwartung. Die „andere Art“ liegt in eben dieser Deutung des Advents: durch Klänge ein Gefühl des Zu-Erwartenden noch Kommenden zu erzeugen. Einen Hör- und Erlebnisraum zu schaffen, welcher aus einfachster Klangmaterie Musik und Emotionen entstehen lässt. Darunter Werke des kürzlich verstorbenen Klangforschers Alvin Lucier sowie auch von Klaus Lang, dessen Musik durch einen reduktionistischen und meditativen Zugang geprägt ist.

Neben anderen Werken wird auch eine Komposition für antike Zimbeln und Elektronik von Ihnen uraufgeführt. Geht es um die Kombination der ältesten mit den neuesten Instrumenten?

Einerseits ja – vor allem aber um die Verbindung zweier Klangwelten, welche sich in ihrer einfachsten Form der Schwingung treffen – dem Sinuston. Antike Zimbeln weisen ein extrem armes Klangspektrum auf und können sich dadurch wunderbar mit unterschiedlichen (elektronischen) Klängen mischen. Daraus entsteht eine Dynamik des sich gegenseitigen Interferierens, der subtilen Schwebungen und Vibrationen. Und dann wäre da auch noch der Zimbelstern – rein metaphorisch versteht sich.

Der Ausstellungsraum ist mit einer leeren Krippe ausgestattet. Weil wir außer der Erwartung nichts erwarten?

Der Ausstellungsraum wird leer sein – auch keine Krippe. Die einzig Anwesenden werden die Musiker*innen, der Klang und die Hörer*innen sein. STUDIO#3 bildet in der Gesamtkonzeption der bisherigen STUDIO-Konzerte den Moment der maximalen Reduktion. Die Abwesenheit von Werken bildender Kunst richtet den Fokus auf die Musik selbst und schafft somit Raum für die im Jahr 2022 zu erwartenden STUDIO-Konzerte, welche in gewohnter Manier bildende Kunst und Musik in Verbindung zueinander setzen werden.

Interview: Heinrich Schwazer

STUDIO#3 empty space

ensemble chromoson (Foto: Gregor Khuen Belasi)

Ein leerer Ausstellungsraum und eine leere Krippe als Metaphern für die Erwartung. Abwesendes schärft die Sinne für das noch Anwesende. Klänge im entleerten Raum – empty space. Der Akt des Hörens als ein Akt des unbedingten Suchens und Fühlens, ein hörendes Ertasten des uns umgebenden Raumes – Advent.

Die Festung Franzensfeste und das ensemble chromoson laden zu einem Adventkonzert der anderen Art: das leere Pulvermagazin inszeniert als ein Klangraum, der in sich Werke filigraner Schönheit durch bewusste Reduktion der Mittel in sich birgt. Es spielen Carolin Ralser (Bass-)Flöte, Marco Sala, Klarinetten, Massimiliano Girardi, Saxophone, Philipp Lamprecht, Schlagwerk und Hannes Kerschbaumer, Elektronik und künstlerische Leitung. Sie präsentieren Werke von Alvin Lucier, Jürg Frey, Klaus Lang, Melchior Vulpius und Hannes Kerschbaumer.

Das Konzert findet am Donnerstag, 16. Dezember im Rahmen der Ausstellung „Kunst im Advent“ statt und beginnt um 20 Uhr (Einlass ab 19.30 Uhr). Der Eintritt ist frei, nur mit Grünem Pass.

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2021 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl Impressum | Privacy Policy | Netiquette & Nutzerbedingungen | AGB | Privacy-Einstellungen

Nach oben scrollen