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„Alle brauchen die Drittimpfung“

Bernd Gänsbacher

Italien möchte die Drittimpfung bereits im Jänner für alle zulassen. Wie der Immunologe Bernd Gänsbacher dazu steht.

Tageszeitung: Herr Professor, Italien hat angekündigt, ab Jänner die Auffrisch-Impfungen für alle freizugeben. Ist diese Entscheidung medizinisch sinnvoll?

Bernd Gänsbacher: Ja, diese Entscheidung ist sinnvoll. Man weiß, dass die Antikörperkonzentration bei allen, auch den jungen Menschen, zeitabhängig absinkt. Je weiter man von der Zweitimpfung weg ist, umso niederer wird die Antikörperkonzentration im Blut. Das gilt für alle zugelassenen Impfstoffe, wobei Johnson&Johnson besonders betroffen ist, da man dabei nur ein Mal geimpft wird. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass sechs Monate nach der einmaligen Johnson&Johnson-Impfung der Impfschutz  nur mehr im Bereich von drei Prozent liegt.

Mit Johnson&Johnson ist man nach sechs Monaten also nur mehr wenig geschützt?

Ja, das ist aber auch nachvollziehbar. Bei allen anderen zugelassenen Impfstoffen verwendet man zwei Impfungen. Wenn man diese Impfstoffe auch nur ein Mal verabreicht hätte, hätten auch diese deutlich weniger Impfschutz nach einigen Monaten.

Sollten die Leute, die mit Johnson&Johnson geimpft wurden dann früher die Auffrisch-Impfung erhalten?

Ja, bei Pfizer und Moderna müssen zwischen Zeit- und Drittimpfung sechs Monate vergehen, bei Johnson&Johnson kann man schon nach zwei Monaten die Booster-Impfung verabreichen.

Müssen Leute, bei denen die Johnson&Johnson-Impfung zwei Monate zurückliegt, nun also besonders vorsichtig sein?
Richtig, die Daten zeigen, dass es vor allem bei Johnson&Johnson viele Impfdurchbrüche gibt, da eben nur eine Impfung verabreicht wird. Wenn man weiß, dass die Experten sagen, dass bei Johnson und Johnson nach zwei Monaten die Booster-Impfung verabreicht werden soll, dann ist das eine klare Aussage, dass die Experten über Hinweise verfügen, dass man zwei Monate lang geschützt ist und anschließend in der Grauzone ist.

Bisher wurden die Drittimpfungen mit mRNA-Impfstoffen durchgeführt. Kann auch bei jüngeren und bei anderen Impfstoffen ein mRNA-Impfstoff als Booster hergenommen werden?

Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat im Detail alles bekannt gegeben und die Booster Impfung zugelassen, die europäische Zulassungsbehörde EMA hingegen ist gerade dabei, das auszuarbeiten. Es ist aber so, dass der Geimpfte wohl frei entscheiden kann, welchen Booster-Impfstoff er will. Dabei ist aber wichtig zu verstehen, dass man bei Pfizer die volle Dosis erhält (30 Mikrogramm), bei Moderna hingegen nur die Hälfte (50 Mikrogramm).

Wann erwarten Sie sich, dass die EMA die Auffrisch-Impfung für alle zulässt?

Diese Entscheidung erwarte ich mir bereits in den nächsten Wochen. Die Entscheidung wird auch nicht anders ausfallen als bei der FDA, beiden Expertenkommissionen werden nämlich dieselben Daten vorgelegt. Ich erwarte mir also, dass beide Gremien genau gleich entscheiden.

Soll die Booster-Impfung jeder machen?

Die Booster-Impfung ist vor allem für die älteren Damen und Herren am wichtigsten, weil die Immunantwort im Alter abgeschwächt ist. Das liegt so in der Natur. Außerdem haben viele ältere Personen Begleiterkrankungen oder nehmen Medikamente. Aus diesem Grund ist es klar, dass die Inzidenz ohne Booster-Impfungen bei älteren Personen am höchsten ist. Außerdem weiß man, dass jene, die an der Front stehen, also Ärzte und Krankenschwestern, am gefährdetsten sind. Man hat also diese und die Immungeschwächten als zweite Prioritätsgruppe eingeordnet. Wenn diese Gruppen, die Booster Impfung erhalten haben, kann man auch andere impfen. Auch bei jungen Menschen sinkt der Antikörperspiegel, daher brauchen auch sie eine Booster-Impfung. Das ist nichts Neues. Auch bei anderen RNA-Viruserkrankungen wie z.B. Influenza muss man jedes Jahr aufs Neue impfen.

Kann diese Entscheidung ein Staat alleine treffen oder muss die Genehmigung von Seiten der EMA erfolgen?

Zuerst muss die Erlaubnis der EMA erfolgen, da diese das Hoheitsgebiet über die EU hat. Anschließend kann dann jedes Land eigenständig entscheiden, für wen es die Drittimpfung freigibt. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Länder werden dazu tendieren, den Booster an alle zu verteilen. Daten aus Israel haben klar gezeigt, dass die Infektionszahlen nach dem Booster wünschenswert gesunken sind. Das zeigt einmal mehr, wie die Wissenschaft voraussagend wichtige Entscheidungen treffen kann.

Muss man damit rechnen, dass es die Auffrisch-Impfungen immer wieder braucht?

Das kann man bei diesem Virus nicht sagen, da er seine eigene Geschichte schreibt. Es kamen jedes Monat neue Erkenntnisse dazu. Vor einem Jahr wusste man beispielsweise nicht, ob es eine Booster-Impfung braucht. Man hat daher Antikörperspiegel bei Geimpften gemessen und gesehen, dass dieser bei den meisten Geimpften nach sechs Monaten deutlich abgefallen ist. Jetzt wird genau das gleiche geschehen. Man wird weiter den Antikörperspiegel bei den Booster-Impfungen messen und wenn dieser mit der Zeit abfällt, wird eine neue Impfung empfohlen werden. Voraussagen kann das niemand, nur die Zeit wird diese Antwort liefern.

Gibt es dafür Beispiele?

Ja, da gibt es interessante Beobachtungen zu der Immunität und der Mutationsrate von einem der vier Erkältungs-Coronaviren, 229E, das dem SARS-Cov-2 sehr ähnlich ist. Wir wissen, dass die Schwesterviren des Coronavirus – die jedes Jahr Erkältungen erzeugen – immer wieder Menschen infizieren. Wenn Coronaviren eine starke Immunantwort erzeugen würden, wäre das nicht möglich. Es kann also wahrscheinlich keine langjährige Immunität aufgebaut werden. Besonders interessant war dabei die Beobachtung, dass sich Viren auch durch Mutationen aus dem Wirkungsbereich der neutralisierenden Antikörper befreien können. Man hat bei Menschen, die zwischen 1980 und 1990 mit 229E infiziert waren, Antikörper und das Virus isoliert. Genauso hat man von Patienten, die 2018 mit 229E infiziert waren, Antikörper und das Virus isoliert und dann gegeneinander getestet. Dabei konnte man zeigen, dass die Antikörper, die von den verschiedenen Infizierten aus dem Jahr 1980 stammten, nie das Virus aus dem Jahr 2018 neutralisieren konnten. Umgekehrt konnten die Antikörper die aus dem Jahr 2018 stammten, das Virus aus dem  Jahr 1980 neutralisieren. Das ist der Beweiß dafür, dass sich das Coronavirus 229E durch Mutationen im Laufe der Jahre so verändert hat, dass frühere Antikörper es nicht mehr erkennen konnten.

Ein anderes Thema: Eine Expertenkommission der FDA hat vor einigen Tagen die Corona-Impfung für Kinder von fünf bis elf Jahren empfohlen. Erwarten Sie sich in den nächsten Tagen eine ähnliche Entscheidung in Europa?

Die Expertenkommission der FDA hat mit einem Votum von 17 ja und einer Enthaltung der FDA geraten den Impfstoff von Pfizer in einer Dosis von zehn Mikrogramm bei Kindern im Alter von fünf bis elf Jahren zuzulassen. Der Pfizer Impfstoff zeigte in dieser Altersgruppe einen Impfschutz von rund 90 Prozent. Hervorgehoben wurde, dass es bis heute in den USA über 1,9 Millionen Infektionen bei Kindern mit über 8.300 Hospitalisierungeen gegeben habe. Von den 8.300 hospitalisierten Kindern brauchten ungefähr ein Drittel Intensivbetten. Circa 100 Kinder sind verstorben. Die europäische Expertenkommission der EMA hat noch nicht getagt, wird das aber vorusichtlich im nächsten Monat machen und sich genau dieselben Daten anschauen.

Interview: Markus Rufin

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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