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Wer war „die Gebert Deeg“ ?

Waltraud Gebert 1966 mit Landeshauptmann Silvius Magnago am Kronplatz. (Foto: Privatarchiv Deeg)

Waltraud Gebert Deeg (1928–1988) war neben Lidia Menapace die erste Frau im Südtiroler Landtag und entscheidend am Aufbau des Sozial- und Sanitätswesen beteiligt. Als sie starb, bezeichnete Landeshauptmann Silvius Magnago sie als „Landesmutter“.Renate Mumelter, Siglinde Clementi und Karl Tragust haben die erste Biographie dieser Pionierin der Frauenpolitik geschrieben.

Tageszeitung: Frau Mumelter, warum wurde Waltraud Gebert Deeg als „die gütige Landesmutter“ bezeichnet?

Renate Mumelter: Landeshauptmann und Parteiobmann Silvius Magnago nannte sie in seiner Grabrede so. Landesmutter ist die weibliche Variante vom Landesvater, ein Begriff, mit dem Regierungschefs häufig tituliert wurden. Außerdem war sie wirklich gütig, freundlich und mütterlich.

Der Titel „gütige Landesmutter“ klingt ein wenig nach Mutter Theresa, aber sie war ja vor allem eine politisch zentrale Figur. Worin bestand ihre Bedeutung?

Sie hat sozial- und gesundheitspolitisch sehr viel in die Wege geleitet und mit Hartnäckigkeit durchgesetzt. Magnago wusste, was er an ihr hatte in den Bereichen, die keine politischen Lorbeeren brachten aber trotzdem wichtig waren. Das öffentliche Interesse galt in diesen Jahren vor allem der Südtirolfrage.

Wie würden Sie Gebert Deeg charakterisieren? Als eine Frau, die unter kompletter Selbstaufgabe für alle, nur nicht für sich selbst da war?

Im Vordergrund standen für Waltraud Gebert Deeg die anderen, egal ob es ihr Mann war, ihre Tochter oder Menschen, die Unterstützung brauchten. Auch das Wohl Südtirols lag ihr sehr am Herzen. Sich selbst hat sie darüber vergessen.

Waltraud Gebert Deeg kam aus einer Familie von 10 Kindern.  In welchen Verhältnissen ist die aufgewachsen?

Die Geberts lebten bescheiden, Vater Theobald musste sehen, wie er die vielen Kinder durchbrachte. Er selbst war zwar Akademiker, ein gebildeter Mann, arbeitete aber im wenig lukrativen Bereich Agronomie und Gutsverwaltung. Am Auenfischerhof bei Bruneck gab es die Möglichkeit, Gemüse anzubauen und ein Schwein zu halten. Das half weiter.

Sie war die Älteste und musste nach dem Tod Ihrer Eltern ihre minderjährigen Geschwister großziehen. Wie hat sie das geschafft und hat das ihr politisches Verantwortungsbewusstsein  geprägt?

Sie hat es geschafft, weil es sein musste. Neben der Familienarbeit war sie Lehrerin und engagierte sich stark im KVW. Eigentlich hätte sie gern studiert.

Sie war Lehrerin. Wie kam sie überhaupt in die Politik?

Der KVW war für Gebert das Sprungbrett in die Politik. Sie hatte zahlreiche Ortsgruppen im Pustertal aufgebaut und begleitet, und als man sich KVW-intern nicht für einen Kandidaten einigen konnte, wurde sie als Notlösung vorgeschlagen, und sie nahm das Angebot an.

Die Politik und vor allem die SVP waren fast zu 100 Prozent männlich. Der Sekretär der Volkspartei Josef Atz hat von „Scheißweibern“ geredet. Hat sie solche Sprüche erduldet oder wie ist sie mit dieser frauenfeindlichen Atmosphäre umgegangen?

Sie hat die Zähne zusammengebissen und blieb freundlich, obwohl ihr manchmal gar nicht danach zumute war. Sie ging den damals einzig möglichen Weg, den der Fakten, baute die SVP-Frauen auf, sorgte dafür, dass Frauen in der Gemeindepolitik mehr Gewicht bekamen und erfüllte ihre Aufgaben als Landesrätin.

Gebert Deeg führte eine Fernehe und ist erst mit 44 Jahren Mutter geworden. Das war eine Überraschung für alle, weil sie Politik und Privates strikt trennte und niemand wusste, dass sie verheiratet war. Wie waren die Reaktionen darauf?

Die Reaktionen liefen wohl eher hinter vorgehaltener Hand ab. Ich vermute, dass sie nicht immer freundlich waren.

Nach der Geburt ihrer Tochter ist sie nicht in Karenz gegangen und hat nur drei Landtagssitzungen verpasst. Hat diese Frau jemals geruht? 

Nein, geruht hat sie nie. Sie brachte alles unter einen Hut, sie war das, was man heute eine Kümmererin nennen würde. Das zehrte langfristig an ihrer Gesundheit und war mit ein Grund für ihren frühen Tod.

(v.l.) AutorInnen Siglinde Clementi, Renate Mumelter und Karl Tragust

Der schwierigste Moment ihres politischen Lebens war ihre Niederlage bei der Wahl 1983 gegen die Arbeitnehmer. Was war der Grund ihrer Abwahl und wie sehr hat sie das verletzt?

Die Tatsache, dass sie 1983 weniger Vorzugsstimmen bekam, hatte mit der ungeliebten Sanitätsreform zu tun, die sie durchziehen musste. Diese war staatlich verordnet und stieß zunächst auf viel Widerstand. Außerdem hatte Magnago die SVP-Arbeitnehmer aufgebaut, um so die sozialdemokratische Opposition zu untergraben. Diese Arbeitnehmer fischten unter denselben Wählerînnen wie der KVW, dessen Kandidatin Gebert Deeg war. Eine sehr ungünstige Kombination für die Landesrätin.

Tageszeitung: Frau Clementi, Waltraud Gebert Deeg war Südtirols erste deutschsprachige Politikerin. Mit welchen politischen Strukturen und Mächten war sie als Pionierin damals konfrontiert?

Siglinde Clementi: Waltraud Gebert Deegs politische Karriere hat im Katholischen Verband der Werktätigen begonnen. Der KVW vertrat die Mehrzahl der Arbeiter*innen und Gebert Deeg nutzte diese vorpolitische Plattform geschickt als Sprungbrett in den Landtag, wie auch Lidia Menapace, die über die italienische Parallelorganisation, den ACLI, zeitgleich mit Gebert Deeg 1964 in den Landtag gewählt wurde. Beide Frauen waren christlich-sozial geprägt und traten in ein rein männliches politisches Umfeld, dessen Dauerthema die Autonomie und die Kompetenzverteilung zwischen Region und Land war. Angesichts der Brisanz der ethnischen Frage waren die soziale Frage und umso mehr die Frage der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern absolute Randthemen.

Frauen in der Politik ist heute gleichbedeutend mit Frauenpolitik. Galt das auch schon 1964, als sie zusammen mit Lidia Menapace zur Assessorin für das Sozial- und Gesundheitswesen ernannt wurde?

Ja, wenn auch anders als heute. Es ging bereits 1964 um die Forderung nach mehr Frauen in der Politik und um die soziale Stärkung der Frauen, obgleich auf der Basis eines christlich-konservativen Familienmodells. Gebert Deeg vertrat eine Art Sendungsbewusstein: Frauen sollten die zunehmend kapitalistische und konsumorientierte Welt mit ihrer Weiblichkeit und Mütterlichkeit menschlicher gestalten. Diese Überzeugung leitete sie auch in ihrem Einsatz für sozial Schwache an.

Menapace hat in einem Interview gesagt, sie sei gewählt worden, „weil und obwohl sie Frau“ war. Wurden sie und Menapace als Politikerinnen überhaupt ernstgenommen?

Ich denke, beide Frauen wurden anfangs nicht wirklich beachtet, zumal sie einem Assessorat vorstanden, das weder weitreichende Kompetenzen hatte noch eine ordentliche budgetäre Ausstattung. Während Lidia Menapace nach einer Legislatur aus dem Landtag ausschied, blieb Gebert Deeg am Ball und entwickelte sich auch aufgrund ihrer Wahlerfolge und ihres hartnäckigen Einsatzes im sozialen Feld zur Spitzenpolitikerin neben Silvius Magnago, der wusste, was er an ihr hatte.

1945 erlangten die Frauen in Italien das Wahlrecht, 1989 wurde der Beirat für Chancengleichheit eingesetzt. Welchen Beitrag für die Frauenrechte und Emanzipation hat Gebert Deeg geleistet?

Waltraud Gebert Deeg war bis zu ihrem Tod Landesleiterin der KVW-Frauen. Sie hat die SVP-Frauenbewegung gegründet und auf Gemeindeebene wertvolle Aufbau- und Unterstützungsarbeit für politisch interessierte Frauen geleistet. Ihr politisches Engagement im Sozialbereich betraf selbstredend sehr viele Frauen und sie hat auch einzelnen Frauen persönlich geholfen.

In den 1970er Jahren war sie mit der feministischen Bewegung konfrontiert, deren Forderungen sie als christlich-konservative Frau jedoch nicht teilte. War ihr der Feminismus zu radikal?

Ja, ganz sicher. Der Feminismus sprach von „Befreiung der Frau“, von „Selbstbewusstwerdung“, „Anerkennung der Differenz“ und davon, dass gleiche Rechte nicht ausreichten, um tatsächlich gleiche Lebenschancen für Frauen zu erreichen. Gebert Deeg hielt demgegenüber am christlich-konservativen Familienmodell fest, das komplementäre Geschlechterrollen vorsah und für Frauen einen relativ fixen Platz in der Familie und als Mütter.

Wie stand sie zu den Themen Schwangerschaftsabbruch, Frauenberatungsstellen, Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen? 

Selbstbestimmte Sexualität und Mutterschaft war eine Grundforderung der feministischen Bewegung der 1970er Jahre. Damit tat sich Gebert Deeg aufgrund ihrer christlichen Prägung  schwer: Die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft lehnte sie rundweg ab. Dabei muss man bedenken, dass die Stimmung sehr aufgeheizt war, Bischof Gargitter sprach von „vorsätzlichem Mord“. Das Landesgesetz zu den Familienberatungsstellen, das sie selbst als zuständige Assessorin zu verantworten hatte, wurde ein schwacher Kompromiss, der es aber ermöglichte, die autonomen Frauenberatungsstellen öffentlich zu finanzieren.

Lehnte sie den Feminismus von Grazia Barbiero und Andreina Emeri aus persönlicher Überzeugung ab, oder war das Parteivorgabe von der SVP?

Es war beides. Zwei unterschiedliche politische Haltungen und Weltbilder trafen aufeinander, mussten einen Kompromiss finden oder blieben einfach neben einander stehen. Die Frauen hatten kein großes Problem damit und kommunizierten respektvoll und wertschätzend. In den 1980er Jahren wurde der Feminismus dann nachdenklicher, kultureller, und man fand ein vereinendes Thema, Gewalt gegen Frauen, das bis heute einen gesellschaftlichen Grundkonsens herstellt.

Tageszeitung: Herr Tragust, das wichtigste politische Thema der 1960er Jahre war die Autonomie. Das Sozial- und Gesundheitswesen waren vergleichsweise nebensächlich. Ist es Gebert Deeg zu verdanken, dass die Bereiche ins politische Zentrum rückten?

Karl Tragust:  Waltraud Gebert Deeg wies als erste auf die Bedeutung einer umfassenden Sozialpolitik hin. Ausgaben fürs Soziale waren für sie nicht Lasten, sondern Investitionen. Sozialpolitik soll in alle anderen Politikbereiche hineinwirken und den Menschen Rechte einräumen.

Welche sozialpolitischen Ideen vertrat sie?

Das Prinzip der Subsidiarität war Leitidee. Die Menschen sollen sich selbst aktivieren. Die öffentliche Hand unterstützt sie dabei, hält sich zurück, gibt den Rahmen für Selbstorganisation und Selbstverantwortung und garantiert die Rechte der Betroffenen.

Was hat sie konkret erreicht?

Nach dem 2. Autonomiestatut war alles aufzubauen, vom Staat zu übernehmen, neu zu ordnen und die vielen Reformen der 70er Jahre in die Landesgesetzgebung einzubauen: Ehescheidung, Schwangerschaftsabbruch, Familienberatung, Jugendsozialdienst, Integration von Menschen mit Behinderung in Schule, Arbeit, Gesellschaft, Psychiatrie- und Gesundheitsreform, Auflösung der Krankenkassen, Ausbau der Krankenhäuser, erste Schritte hin zu einem vorbeugenden territorialen Gesundheitsdienst, Errichtung der Sanitätseinheiten, Mutter-Kind-Beratung, Suchtberatung, Ausbildung des Personals- und Professionalisierung der Dienste. Die DC-Assessoren Armando Bertorelle und Valentino Pasqualin, welche für Grundfürsorge, Altenbetreuung, Zivilinvaliden und Psychiatrie zuständig waren und wichtige Reformen vorantrieben, wurden von ihre voll unterstützt. Am Ende stand ein neues steuerfinanziertes Gesundheitswesen, das in Südtirol allerdings auf viel Skepsis stieß und ein Sozialwesen, das einzelne Fachbereich neu regelte, wobei   ein organisches System noch fehlte. Das kam dann unter Otto Saurer.

Sie war in zahlreichen Organisationen und Vereinen tätig und hat viele selbst aufgebaut? Können Sie aufzählen, welche das waren? 

Die Liste ist lang. Die wichtigsten: Lebenshilfe, Katholischer Familienverband, Weißes Kreuz, Frauen helfen Frauen, VKE, La Strada-Der Weg, Krebshilfe, im KVW Stellen für Witwen und Heimatferne. Über die Vereine wurden Menschen angesprochen, informiert, Bildung ermöglich, Notwendigkeiten aufgegriffen, in die politische Diskussion eingebracht, durchgesetzt, Dienste organisiert. Die Verbände und Vereine waren Wählerreservoir und Hausmacht.

Interview: Heinrich Schwazer

Das Buch

Renate Mumelter, Siglinde Clementi und Karl Tragust:  Waltraud Gebert Deeg. Die Landesmutter. Edition Raetia, 400 SeitenEuro 29,00 Euro.

Die AutorInnen

Renate Mumelter ist Germanistin und Journalistin.  Siglinde Clementi ist Historikerin und Vizedirektorin des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte. Karl Tragust ist ehemaliger Leiter der Abteilung Sozialwesen der Südtiroler Landesverwaltung.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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